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M A N U S K R I P T - E X P O S É / L I E B E S R O M A N
Der Ruf der Bühne
von Berg
G E N R E
Liebesroman
U M FA N G
500 Seiten
S TAT U S
abgeschlossen seit 26.08.2026
S TA N D
26.08.2026
Erstellt mit dem Autorenportal von verlagsregister.com bergwolfgang44@gmail.com
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 1 / 33
M A N U S K R I P T
Projekt im Überblick
L O G L I N E
Zwischen Bühnenrausch, zerbrochenen Träumen und einer Liebe, die er nie
wirklich loslassen konnte, muss Max sich endlich der Vergangenheit stellen –
und erkennt, dass ein Leben erst dann zur Ruhe kommt, wenn man den Mut
findet, seine wichtigste Geschichte zu Ende zu erzählen.
K U R Z B E S C H R E I B U N G
Max war einmal der Mann im Scheinwerferlicht: Sänger, Musiker,
Frontmann – einer, der glaubte, auf der Bühne das Leben zu
finden, nach dem er sich sehnte. Doch mit dem Applaus
verschoben sich die Gewichte. Freundschaften wurden brüchig,
Beziehungen zerbrachen, und eine Liebe blieb zurück, die Max
nie ganz vergessen konnte. Jahrzehnte später steht Lina wieder
an seiner Seite – die Frau, die ihn kannte, bevor Ruhm, Ehrgeiz
und falscher Stolz ihn von ihr entfernten. Bei einem Zeltabend
am See, umgeben von seinem Enkel und dessen Freunden,
beginnt Max zu erzählen: von den ersten Auftritten, vom Zauber
der Musik, von verpassten Chancen und von Entscheidungen,
die ein ganzes Leben prägen. Je tiefer Max in seine
Erinnerungen eintaucht, desto deutlicher wird: Seine wichtigste
Geschichte wurde nie auf einer Bühne entschieden. Sondern
dort, wo ihm einst der Mut fehlte, um das zu kämpfen, was ihm
wirklich etwas bedeutete.
T O N U N D S T I L
Der Roman ist emotional,
lebensnah und
erinnerungsorientiert erzählt. Die
Gegenwartsszenen am See und
bei späteren Begegnungen
haben einen ruhigen,
reflektierten Ton; die
Rückblenden in Max’
Musikerjahre setzen stärker auf
Aufbruch, Bewegung,
Bühnenatmosphäre und
jugendliche Sehnsucht. Prägend
sind eine auktorial gefärbte
Erzählweise, viele innere
Reflexionen und dialogische
Szenen, in denen
unausgesprochene Gefühle
langsam sichtbar werden. Die
Sprache zielt weniger auf harte
äußere Spannung als auf
Lebensbilanz, Nostalgie, Verlust
und späte Versöhnung.
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M A R K T
Zielgruppe und Positionierung
Z I E L G R U P P E
Erwachsene Leserinnen und Leser von
emotionalen Gegenwarts- und Lebensromanen,
die Geschichten über Liebe, Verlust, Erinnerung
und späte Neuanfänge suchen.
Besonders anschlussfähig für ein Publikum ab
etwa 40 Jahren, das sich für Lebensbilanz,
Familien- und Beziehungsgeschichten sowie
Musik als Erinnerungs- und Identitätsmotiv
interessiert.
Geeignet für Leserinnen und Leser, die einen
ruhigen, gefühlsbetonten Roman mit Zeitebenen
erwarten, weniger einen klassischen
Spannungsroman oder eine reine Musikbusiness-
Geschichte.
P O S I T I O N I E R U N G U N D B E S O N D E R H E I T E N
Die Musikerkarriere ist nicht nur Kulisse, sondern
spiegelt Max’ Sehnsucht nach Anerkennung,
Freiheit und Selbstverwirklichung.
Der Roman erzählt eine Liebe, die nicht in der
Jugend erfüllt wird, sondern erst nach
Jahrzehnten neu verhandelt werden kann.
Durch Jonas und die Lagerfeuersituation wird
Max’ Lebensgeschichte an eine jüngere
Generation weitergegeben und erhält eine
erzählerische Rahmung.
Im Mittelpunkt steht nicht der äußere Aufstieg
eines Musikers, sondern die Frage, welche
Menschen und Entscheidungen ein Leben
wirklich prägen.
I N H A LT
Synopsis
Handlung Die Rahmenhandlung spielt in der
Gegenwart. Max überrascht seinen Enkel beim
Zelten mit Freunden an einem See. Mit dabei ist
Lina – seine große Jugendliebe, die er nach
Jahrzehnten wiedergefunden hat. Zwischen den
beiden ist die Vergangenheit spürbar. Vieles ist
unausgesprochen geblieben, doch zugleich
entsteht vorsichtig die Möglichkeit, dort
weiterzumachen, wo ihr gemeinsamer Weg einst
abgebrochen wurde. Als Max am Abend seine
Gitarre hervorholt und für die Jugendlichen spielt,
wird die Vergangenheit lebendig. Seine Stimme
trägt noch immer den Klang des Mannes in sich,
der einst auf den großen Bühnen stand. Die
Fragen seines Enkels und seiner Freunde
bringen Max erstmals dazu, offen über sein
früheres Leben zu sprechen. Die Erzählung führt
zurück in seine Jugend. Max ist jung, voller
Energie und überzeugt davon, dass die Musik
sein Leben bestimmen wird. Gemeinsam mit
seinen Geschwistern, den Drillingen, gründet er
eine Band. Aus ersten Auftritten werden größere
Engagements, aus kleinen Erfolgen entsteht die
Hoffnung auf eine professionelle Karriere. Max
wird zum Frontmann und genießt die
Aufmerksamkeit, die ihm die Bühne verschafft.
Doch während die Band erfolgreicher wird,
verändert sich auch Max. Der Traum vom großen
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Durchbruch fordert seinen Preis. Zeitdruck,
Erwartungen und die Dynamik des
Musikgeschäfts belasten Freundschaften und
Beziehungen. Max muss Entscheidungen treffen,
bei denen er zunehmend zwischen Karriere und
persönlichem Glück steht. Im Mittelpunkt seines
Lebens steht am Anfang Lina. Sie ist nicht nur
seine Jugendliebe, sondern der Mensch, bei dem
Max sich selbst sein kann. Zwischen ihnen
entwickelt sich eine tiefe Beziehung. Doch ihre
Liebe gerät immer stärker in Konflikt mit Max'
Wunsch nach Erfolg und seinem Leben als
Musiker. Schließlich kommt es zum Bruch. Max
verliert Lina – und begreift erst zu spät, was er
damit wirklich verloren hat. Während sich für ihn
beruflich neue Türen öffnen, gerät sein Leben
abseits der Bühne zunehmend aus den Fugen.
Was von außen nach Erfolg und Aufstieg
aussieht, wird für ihn zu einem Weg aus
Einsamkeit, falschen Entscheidungen und
schmerzhaften Verlusten. Applaus kann die
Menschen nicht ersetzen, die er zurückgelassen
hat. Die Jahre vergehen. Max versucht, sich ein
neues Leben aufzubauen. Doch die Erinnerung
an Lina bleibt. Ebenso die Entscheidungen, die er
getroffen hat – und die Erkenntnis, dass manche
Fehler sich nicht rückgängig machen lassen. Erst
die Begegnung in der Gegenwart zwingt Max
dazu, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Am
See erzählt er seinem Enkel nicht nur von den
Konzerten und den Jahren als Frontmann. Er
erzählt ihm von Lina. Von dem Moment, in dem
er sie verlor. Und von der Erkenntnis, die
Jahrzehnte brauchte, um zu reifen: Dass Erfolg
nichts bedeutet, wenn man dabei den Menschen
verliert, mit dem man sein Glück teilen wollte.
Durch das Erzählen verändert sich auch Max'
Verhältnis zu seiner eigenen Vergangenheit. Er
muss sich eingestehen, welche Fehler er
gemacht hat und welchen Anteil er selbst am
Scheitern so mancher Beziehung hatte. Lina hört
ihm zu. Zwischen den beiden entsteht langsam
wieder Vertrauen. Die alte Vertrautheit kehrt
zurück, aber sie sind nicht mehr die jungen
Menschen von damals. Beide haben ein Leben
hinter sich, Verletzungen erfahren und gelernt,
mit ihren Entscheidungen zu leben. Gerade
deshalb bekommt ihre Liebe eine neue
Bedeutung. Am Ende finden Max und Lina
endgültig zueinander. Nicht, indem sie die
Vergangenheit auslöschen, sondern indem sie
sie annehmen. Was einst zerbrochen ist, kann
nicht ungeschehen gemacht werden – aber aus
den Trümmern kann etwas Neues entstehen.
Max erkennt, dass der wichtigste Ruf seines
Lebens nicht der Ruf der Bühne war. Es war der
Ruf eines Menschen, den er trotz all der
vergangenen Jahre nie aufgehört hatte zu lieben.
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P R O J E K T P R O F I L
Figuren und Referenzen
F I G U R E N
Max Bereg
Ehemaliger Frontmann und Musiker. In seiner
Jugend sucht er Anerkennung, Freiheit und
Lebensintensität auf der Bühne. Seine
Entwicklung führt vom ehrgeizigen, stolzen
jungen Mann zum älteren Erzähler, der
Verantwortung für verpasste Chancen,
gescheiterte Beziehungen und eigene Fehler
übernimmt.
Lina / Angelina Baumert
Max’ erste große Liebe und emotionale
Konstante seines Lebens. Sie kennt den
Menschen hinter der Bühnenfigur und bleibt auch
nach der Trennung eine prägende Erinnerung. In
der Gegenwart muss sie entscheiden, ob aus
einer alten, verletzten Liebe noch einmal
Vertrauen entstehen kann.
Jonas
Max’ Enkel und Bindeglied zwischen den
Generationen. Seine Fragen am See bringen
Max dazu, über seine Vergangenheit zu
sprechen. Für ihn wird Max’ Lebensgeschichte zu
einer Erfahrung über Liebe, Stolz,
Entscheidungen und die Folgen versäumter
Ehrlichkeit.
Brigitte / Gitti
Eine kluge, zurückhaltende Wissenschaftlerin
und wichtige Beziehung in Max’ mittleren Jahren.
Ihre Krankheit stellt Max vor eine Entscheidung
zwischen Liebe, Angst und Verantwortung. Durch
sie wird sichtbar, wie sehr Max Nähe sucht und
zugleich vor ihren Konsequenzen zurückschreckt.
V E R G L E I C H S T I T E L
Alte Liebe
Elke Heidenreich und Bernd Schroeder
Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold
Fry
Rachel Joyce
Ein ganzes Leben
Robert Seethaler
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 5 / 33
Eva
Eine spätere Partnerin Max’, die ihm
Geborgenheit, Vertrauen und Stabilität gibt. Ihre
Beziehung zeigt, dass Max nicht nur an einer
Erinnerung festhält, sondern verschiedene
Formen von Liebe erlebt, bevor er sich seiner
unvollendeten Geschichte mit Lina stellt.
Die Drillinge
Max’ Geschwister und Mitglieder seiner Band. Sie
stehen für den familiären Zusammenhalt, die
musikalischen Anfänge und die gemeinsame
Vergangenheit, die im Epilog noch einmal
lebendig wird.
P E R S O N
Autor:innenprofil
Ü B E R D I E A U T O R I N / D E N A U T O R
Wolfgang Berg wurde 1944 in Burg im Spreewald geboren und verbrachte dort Kindheit und Jugend. Die
Landschaft des Spreewaldes, ihre Menschen und Geschichten haben ihn nachhaltig geprägt. Nach seiner
beruflichen Laufbahn als Kaufmann widmete er sich verstärkt der Musik und dem Schreiben. Beide
Leidenschaften begleiten ihn bis heute und prägen auch seine erzählerische Arbeit. Wolfgang Berg ist
verheiratet, Vater von zwei Kindern und Großvater von drei Enkeln. Familie, persönliche Begegnungen und
die Erfahrungen eines langen Lebens sind wichtige Quellen seiner Inspiration. In seinen Geschichten
verbindet er spannende Erlebnisse mit emotionalen Momenten und Figuren, deren Wege von Erinnerung,
Gefühl und menschlicher Begegnung geprägt sind.
K O N TA K T U N D O N L I N E
E-Mail bergwolfgang44@gmail.com
Website https://wolfgangbergbuecher.de
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T E X T
Leseprobe
Leseprobe
Der Ruf der Bühne
Sechzig Jahre später (Kap.1)
Der Sportwagen kämpfte sich durch den tiefen Sand. Bei jedem Schlagloch knirschte das Fahrwerk protestierend,
und Lina klammerte sich so fest an den Haltegriff über der Tür, dass ihre Fingerknöchel weiß hervortraten.
Die Sonne stand bereits tief und warf lange Schatten zwischen die Kiefern. Staub tanzte im goldenen Licht.
„Von einer Sandwüste hat Jonas mit keinem Wort gesprochen“, sagte Max und tätschelte beinahe entschuldigend
das Lenkrad. „Er meinte nur, ich würde den Weg sowieso nicht finden.“
Lina sah aus dem Fenster.
„Jetzt verstehe ich, warum.“
Max grinste.
„Und ausgerechnet hier wollte dein Enkel Urlaub machen?“
„Offenbar.“
„Kein Café. Kein Ort. Kein Mensch. Für mich sieht das eher nach dem Ende der Welt aus.“
Max warf ihr einen Seitenblick zu.
„Vielleicht fühlt sich Freiheit für Jugendliche genau so an. Keine Eltern, keine Regeln, nur Freunde und das
Gefühl, tun zu können, was man will.“
„Und wir platzen mitten hinein.“
„Das war der Plan.“
„Falls Jonas sich überhaupt freut.“
Für einen Moment sagte Max nichts.
Vielleicht war die Idee doch nicht so klug gewesen.
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Er hatte Lina einen besonderen Tag schenken wollen. Eine gemeinsame Fahrt, etwas Ungeplantes, etwas, das
nicht nach vorsichtigem Kennenlernen aussah. Nach all den Jahrzehnten wollte er keine weiteren kostbaren
Stunden damit verbringen, sich zu fragen, ob sie sich näherkommen durften.
Doch statt eines romantischen Ausflugs hatten sie offenbar eine Expedition in die Wildnis gebucht.
Dünner Rauch stieg in den Himmel. Stimmen wurden hörbar, zunächst nur einzelne Wortfetzen, dann Gelächter.
Musik mischte sich darunter. Schließlich erreichte sie der würzige Rauch eines Lagerfeuers.
Max atmete auf.
„Geschafft.“
Er ließ die Seitenscheibe herunter.
„Da vorne! Jonas. Neben dem Großen. Siehst du ihn?“
Seine Stimme hatte plötzlich wieder etwas Jungenhaftes.
Lina folgte seinem Blick.
„Ich sehe ihn.“
Jonas stand neben einem Mann, der aussah, als hätte man ihn aus einem Märchen der Gebrüder Grimm
herausgeschnitten. Groß, breit, bärtig und mit einer Stimme, die mühelos das ganze Camp erreichte.
„Begeistert wirkt er allerdings nicht.“
„Warte.“
Max stellte den Motor ab.
In diesem Augenblick hob Jonas den Kopf.
Eine Sekunde lang stand er reglos da.
Dann breitete sich Überraschung über sein Gesicht aus.
„Hey! Mein Opa ist da!“
Der Bärtige legte Jonas den Arm um die Schulter.
„Lass gut sein, Bruder. Deinen Opa nehmen wir in unsere Sippe auf.“
Max stieg aus.
Wie selbstverständlich ging er um den Wagen herum und öffnete Lina die Tür.
Sie blieb sitzen.
Max hob eine Augenbraue.
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„Lina?“
„Ich überlege noch.“
„Worüber?“
„Ob ich mich freiwillig in eine Horde Jugendlicher begebe.“
Jonas hatte inzwischen neugierig zum Wagen herübergeschaut.
„Und wer ist die hübsche Frau da drin?“
Der Bärtige folgte seinem Blick.
Seine Augen wurden groß.
Dann grinste er.
„Na, Max.“
Lina konnte es nicht verhindern.
Ein helles Lachen, das sofort einige der anderen ansteckte.
„Ihr seid unmöglich.“
„Aber?“, rief der Bärtige.
„Aber irgendwie auch wunderbar.“
Max ließ den Blick über den Platz wandern.
Feiner Sand, Kiefern, Zelte und dahinter ein kleiner See, der zwischen den Bäumen lag.
„Also“, sagte er, „Jonas hat wirklich nicht übertrieben.“
Er deutete auf das Wasser.
„Das hier ist tatsächlich der Arsch der Welt.“
Der Bärtige lachte.
„Und der berühmte See?“
Max kniff die Augen zusammen.
„Eher ein ehrgeizig geratener Gartenteich.“
Max schüttelte lächelnd den Kopf.
Dann hörte er eine Stimme.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 9 / 33
„Komm rüber, Opa!“
Etwas veränderte sich in ihm.
Das Lagerfeuer.
Die Musik.
Die jungen Gesichter.
Er erinnerte sich an Nächte unter freiem Himmel, an Gitarren, an Mädchen zwischen Zelten und an dieses
berauschende Gefühl, dass das Leben noch vor einem lag.
Und plötzlich fühlte es sich an, als hätte jemand die Zeit nur kurz beiseitegeschoben – da stand er –
sonnengebräunte Haut, dunkle Jeans, ein verwaschenes AC/DC-Shirt. Er trug sein Alter nicht wie eine Last und
benutzte es schon gar nicht als Entschuldigung. Die stille Gewissheit eines Mannes, der längst beschlossen hatte,
dass Zahlen nichts darüber sagten, was ein Mensch noch fühlen, wagen oder begehren durfte.
Doch der tiefe Sand erinnerte ihn nach wenigen Metern daran, dass sein Körper nicht mehr zwanzig war.
Der Bärtige stapfte mühelos voraus.
Max folgte ihm keuchend.
„Na schön“, murmelte er. „Zwanzig bist du wirklich nicht mehr.“
Dann blieb er stehen.
Sein Blick ging zurück zum Wagen.
„Ich habe da übrigens noch einen Schatz.“
Jonas hob eine Augenbraue.
„Ist das deine neue Freundin?“
Ein Johlen ging durch die Runde.
Max hob beide Hände.
„Ganz ruhig. Ich bin weder heimlich durchgebrannt noch auf der Suche nach einem Abenteuer.“
Er lächelte.
„Aber Lina gehört zu mir.“
Der Bärtige grinste.
„Dann hol sie endlich.“
Max ging zum Wagen zurück.
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Wenig später kam er mit Lina an seiner Seite wieder.
Das Feuer warf warmes Licht über ihre Gesichter.
Gespräche verstummten.
Max legte den Arm um Lina.
Nicht demonstrativ.
Nicht besitzergreifend.
Einfach selbstverständlich.
„Tolle Karosse!“, rief einer der Jungen und deutete auf den Mercedes.
Max grinste.
„Von der Karosse rede ich gar nicht.“
Er zog Lina ein wenig näher.
„Das hier ist Lina.“
Pfiffe und Applaus folgten.
Jonas schüttelte den Kopf.
„Das ist mein Opa.“
Stolz lag in seiner Stimme.
„Der bleibt sich einfach immer treu.“
Max sah in die Runde.
„Der Benz ist schon nicht schlecht. Aber am Ende ist er nur Blech.“
Seine Stimme wurde ruhiger.
„Viel wichtiger ist, dass man sein Leben so lebt, dass man sich Jahre später noch gern daran erinnert.“
Er ließ den Blick über die jungen Gesichter wandern.
„Ihr wisst noch gar nicht, wie lange euch so ein Abend begleitet.“
Später saßen sie gemeinsam am Feuer.
Der Himmel wurde dunkelblau. Bierflaschen wanderten durch die Runde. Musik erklang aus einem kleinen
Lautsprecher.
Irgendwann stellte Jonas die Frage, die schon den ganzen Abend unausgesprochen zwischen ihnen gelegen hatte.
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„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“
Es wurde still.
Ein einziger Blick genügte. Mehr brauchte es nicht.
Fast sechzig Jahre lagen zwischen jenem ersten Augenblick und diesem Abend. Sechzig Jahre voller
Entscheidungen, Abschiede, anderer Wege und eines Lebens, das sie beide weitergeführt hatte.
Und doch genügte dieser Blick, um all das verschwinden zu lassen.
Sie war wieder jung.
Und Max war wieder der Junge, in den sie sich damals verliebt hatte.
Lina lächelte schwach.
„Das ist eine lange Geschichte.“
„Dann erzähl sie“, sagte Jonas.
Ein paar Stimmen stimmten ihm zu.
Lina strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht und sah ins Feuer.
„Na ja. Wir waren jung.“
„Und dumm“, warf Max ein.
Gelächter ging durch die Runde.
Lina schüttelte den Kopf.
„Nein. Nicht dumm.“
Sie machte eine kleine Pause.
„Nur nicht mutig genug.“
Das Feuer knackte. Ein Funke stieg auf und verglühte in der Dunkelheit.
Einer der Jungen räusperte sich.
„Aber nach sechzig Jahren … denkst du wirklich noch daran?“
Lina antwortete nicht sofort.
Sie sah Max an.
Für einen Moment gab es nur ihn.
Den Jungen von damals.
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Den Mann, der vor ihr saß.
Das Feuer knackte.
Sonst war nichts zu hören.
Max sah Lina an, dann die jungen Menschen, die gebannt auf seine Antwort warteten.
„Ja“, sagte er.
Er lehnte sich zurück und ließ den Blick über die Gesichter schweifen.
„Ja, weil wir uns sechzig Jahre lang nie wirklich aus dem Gedächtnis verloren haben. Ganz gleich, wo wir waren
oder mit wem wir unser Leben geteilt haben – irgendwo war immer der andere.“
Lina senkte den Blick.
„Und jetzt sollten wir aufhören, so zu tun, als könnten wir die Vergangenheit rückgängig machen. Wir können nur
entscheiden, was wir mit der Zeit machen, die uns noch bleibt.“
Max nahm eine alte Gitarre.
Er spielte.
Sang.
Lachte.
Und Lina beobachtete ihn.
Sie liebte die kleinen Fältchen um seine Augen. Die grauen Haare. Die Ruhe, die früher nie zu ihm gehört hatte.
Das Leben hatte ihn verändert.
Aber nicht vollständig.
Manchmal blitzte noch immer der Mann von damals durch.
Der Musiker.
Der Träumer.
Der Rebell.
Spät in der Nacht wurde das Feuer kleiner.
Über dem See lag Nebel.
„Ihr müsst wiederkommen“, sagte einer der Jungen.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 13 / 33
„Vielleicht.“
„Und dann erzählst du uns mehr von früher.“
Max sah hinaus auf das dunkle Wasser.
Sein Gesicht veränderte sich.
„Von früher gibt es eine Menge zu erzählen.“
„Warst du wirklich Sänger?“
Max antwortete erst nach einigen Sekunden.
„Ja.“
Lina spürte sofort, dass sich etwas in ihm verschlossen hatte.
„Eine Zeit lang war ich Frontmann.“
Seine Stimme war plötzlich fern.
„Und irgendwann habe ich gelernt, dass zwischen Erfolg und Absturz manchmal nur ein einziger Schritt liegt.“
Lina legte ihre Hand auf seine.
Sie wusste es jetzt.
Die Geschichte war noch lange nicht zu Ende.
Der Morgen danach (Kap.2)
Nebel zog in langen Fäden zwischen den Bäumen hindurch.
Das Lager schlief noch.
Lina saß auf einem umgedrehten Holzstamm und hielt eine Tasse Kaffee in den Händen. Sie dachte an den Kuss.
An Max.
An die sechs Jahrzehnte, die plötzlich nicht mehr wie eine unüberwindbare Entfernung wirkten.
Hinter ihr knackte ein Zweig.
Sie musste sich nicht umdrehen.
„Du bist schon wach.“
„Du auch.“
Max setzte sich neben sie.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 14 / 33
Zwischen ihnen blieb ein wenig Abstand.
Nicht aus Kälte.
Aus Vorsicht.
„Ich habe gestern zu viel erzählt.“
Lina hob die Augenbrauen.
„Du hast fast nichts erzählt.“
Ein Mundwinkel zuckte.
„Eben.“
Sie stellte ihre Tasse ab.
„Du musst nicht alles sagen.“
„Bei dir schon.“
Sie sah ihn an.
„Warum?“
Max schwieg lange.
Dann sagte er:
„Weil ich dich einmal verloren habe, ohne zu verstehen, wie.“
Etwas zog sich in ihrer Brust zusammen.
„Wir haben uns gegenseitig verloren.“
„Ja.“
Er blickte auf seine Hände.
„Aber ich habe nie aufgehört zu glauben, dass es meine Entscheidung gewesen war.“
Der Wind strich über den See.
„War es das?“
„Damals dachte ich, ich müsste beweisen, dass ich niemanden brauche.“
Er lächelte bitter.
„Nicht dich. Niemanden.“
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 15 / 33
Lina sagte nichts.
Er fuhr fort.
„Und dann bin ich genau dort gelandet, wo Menschen landen, die alles alleine schaffen wollen.“
„Du warst Sänger.“
„Ja.“
„Und dann?“
Max sah hinaus aufs Wasser.
„Dann dachte ich, solange die Leute meinen Namen rufen, kann mir nichts passieren.“
Lina spürte einen Schmerz, der nicht ganz ihr eigener war.
„Und Jonas?“
Sein Gesicht wurde weicher.
„Er weiß die Hälfte. Vielleicht weniger.“
„Warum?“
„Weil ich nicht wollte, dass er mich so sieht.“
„Und jetzt?“
„Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich noch der Mann bin, den ich damals versteckt habe.“
Lina rückte näher.
Ihre Schulter berührte seine.
„Du bist nicht mehr der.“
Er sah sie an.
„Gut oder schlecht?“
Sie überlegte.
„Beides.“
Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Hinter ihnen knackte ein Zweig.
Jonas kam aus einem Zelt.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 16 / 33
Er blieb stehen, als er die beiden sah.
„Ihr seid schon wach?“
„Zu alt zum Ausschlafen“, sagte Max.
„Du vielleicht.“
Jonas grinste.
Dann sah er zwischen ihnen hin und her.
„Alles okay?“
Max wollte antworten.
Doch er zögerte.
Lina kam ihm zuvor.
„Ja.“
Sie lächelte.
„Es wird gerade wieder okay.“
Jonas nickte.
Offenbar genügte ihm diese Antwort.
Er ging zum See.
Max sah ihm nach.
„Er merkt mehr, als ich dachte.“
„Kinder merken immer mehr.“
„Er ist kein Kind mehr.“
„Für dich vielleicht nicht.“
Max schwieg.
Dann legte er seine Hand neben ihre.
Nicht zu nah.
Nicht fordernd.
Eine Einladung.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 17 / 33
„Ich habe Angst.“
Lina sah ihn an.
„Vor Jonas?“
Er schüttelte den Kopf.
„Vor allem, was ich wieder aufmache.“
„Oder vor allem, was du nie richtig zugemacht hast?“
Ein müdes Lächeln.
„Vielleicht.“
Er sah sie an.
„Ich muss meine Geschichte loswerden.“
„An mich? An Jonas?“
„Lina, ihr habt ein Recht darauf, alles zu erfahren.“
Sie dachte an die Frage vom Vorabend.
„Dann erzähl sie.“
Max sah sie überrascht an.
„Einfach so?“
„Nicht einfach so.“
Sie stand auf.
„Wir laden alle ein.“
„Alle?“
„Alle, denen du deine Geschichte erzählen willst.“
Max starrte sie an.
„Zur Grillparty bei uns.“
„Ausgerechnet du hast diesen Plan?“
„Natürlich.“
Sie lächelte.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 18 / 33
„Und weißt du was? Mir kommt er sogar entgegen.“
„Warum?“
Lina nahm seine Hand.
„Weil ich nicht noch einmal sechzig Jahre warten möchte.“
Sein Blick veränderte sich.
Wärme.
Ungläubigkeit.
Und etwas, das tiefer ging.
„Du würdest das wirklich tun?“
„Ja.“
„Für Jonas?“
Sie schüttelte den Kopf.
„Auch für ihn.“
Ihre Finger schlossen sich um seine.
„Aber nicht nur.“
Grillen bei Lina und Max (Kap.3)
Die Kohle glühte rot.
Rauch und der Duft von Kräutern und Fleisch lagen über dem Garten. Stimmen vermischten sich mit Lachen und
dem Klirren von Gläsern.
Es waren mehr Menschen gekommen, als Max erwartet hatte.
Verwandte.
Alte Freunde.
Menschen aus verschiedenen Kapiteln seines Lebens.
Und Jonas.
Natürlich hatte Jonas seine Freunde mitgebracht.
Max sah ihn an und musste lächeln.
„Ganz schön viele Leute“, sagte Jonas.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 19 / 33
„Du hast selbst noch welche mitgebracht.“
„Ich wollte sicherstellen, dass du nicht kneifst.“
Max lachte.
„Heute kneife ich nicht.“
Sein Blick wanderte zu Lina.
Sie stand am anderen Ende des Gartens und sprach mit Maria. Der Wind spielte mit ihrem Haar.
Für einen Moment hatte Max das Gefühl, als wäre alles genau so bestimmt gewesen. Als hätte diese Konstellation
all die Zeit auf ihn gewartet, bis er endlich da war.
Dann hob er sein Glas.
Die Gespräche wurden leiser.
„Danke, dass ihr gekommen seid.“
Er ließ den Blick über die Runde schweifen.
„Ihr werdet vielleicht nach dem Grund der Einladung fragen.
„Es gibt eine Geschichte, die ich viel zu lange für mich behalten habe.“
Stille.
Seine Augen fanden Jonas.
Dann Lina.
„Eine Geschichte, die erklärt, warum ich geworden bin, wer ich heute bin.“
Lina trat neben ihn.
Max legte ihr die Hand auf den Rücken.
Eine kleine Geste.
Doch sie sagte alles.
„Lina wird euch meine Geschichte erzählen. Sie kennt sie genauso gut wie ich. Wir haben alles gemeinsam
aufgeschrieben. Wenn ich anfange, komme ich wahrscheinlich nicht weit.“
Ein Raunen ging durch die Runde.
„Von der ersten Bigband bis zum heutigen Tag.“
Lina sah ihn an.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 20 / 33
Dann wandte sie sich den anderen zu.
„Also gut.“
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen.
Jonas setzte sich aufrechter hin.
Max sah ihn an.
Und plötzlich wusste Lina, dass dieser Abend alles verändern würde.
„Manche Geschichten erzählt man nicht, um die Vergangenheit wiederzubeleben“, begann sie und ließ den Blick
über die Gäste schweifen.
„Ich erzähle sie, damit endlich alle verstehen, warum Max geworden ist, wer er heute ist.“
Ihre Stimme wurde ruhiger.
„Unsere Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag.“
Ein Ton, der alles verändert (Kap.4)
Der letzte Ton der Trompete hing noch in der Luft, als Max den Koffer schloss.
Er schob den Notenständer zusammen, legte die Partituren sorgfältig in die Mappe und strich kurz über den
Deckel seines Instrumentenkoffers.
Alles war Routine.
Seit Jahren.
Hinter ihm begann bereits der nächste Programmpunkt.
Tänzer schleppten Requisiten auf die Bühne. Kostüme raschelten. Der Conférencier sprang mit ausladenden
Gesten über die Bretter und versuchte, das Publikum bei Laune zu halten.
Max beobachtete die Szene.
Dann lächelte er.
Zum Glück spiele ich Trompete.
Er stellte sich vor, selbst dort oben in Tracht über die Bühne zu springen, und musste unwillkürlich grinsen.
Nein. Musiker passt eindeutig besser zu mir.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 21 / 33
Er wandte sich ab. Die letzten Takte des Orchesters hallten noch immer in ihm nach. Sie hatten sich tief in sein
Innerstes eingegraben. Eine Phrase glitt in die nächste, leicht und schwebend, und beinahe unmerklich summte er
sie beim Überqueren des Festplatzes vor sich hin. Für einen kostbaren Augenblick war er noch dort oben auf der
Bühne, umgeben von einer Musik, die alles andere zum Schweigen gebracht hatte.
Dann holte ihn die Wirklichkeit mit voller Wucht ein.
Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte erbarmungslos auf den Festplatz herab. Kein Windhauch regte
sich. Der Auftritt hatte seinen Tribut gefordert: Seine Zunge klebte am Gaumen, und das weiße Hemd war längst
völlig durchgeschwitzt und haftete unangenehm an seinem Rücken.
Wasser.
Der Gedanke verdrängte alles andere.
Max hob den Blick und entdeckte am anderen Ende des Festplatzes, neben den parkenden Reisebussen, einen
Getränkestand. Die bunten Sonnenschirme wirkten wie eine kleine Oase in der flirrenden Hitze.
Ohne zu zögern setzte er sich in Bewegung.
Den Trompetenkoffer fest in der rechten Hand, den Stoffbeutel über die Schulter geworfen, bahnte er sich seinen
Weg durch die Menschenmenge. Immer wieder musste er ausweichen. Überall standen Besucher in kleinen
Gruppen zusammen, lachten, diskutierten lebhaft oder erzählten von den Darbietungen des Tages. All das nahm er
nur am Rande wahr.
Während Max sich einen Weg durch das Gedränge bahnte, fiel ihm sein Dirigent auf. Der ging gerade zielstrebig
auf einen Mann zu, den Max zunächst nicht erkennen konnte.
Er wollte weitergehen.
Dann hörte er die Stimme seines Dirigenten.
„Hey, Hübi! Was machst du denn hier bei uns?“
Max blieb wie angewurzelt stehen.
Hübi?
Es konnte nur einer sein. Der Leiter von Hübis Musikexpress. Sein Idol.
Eine Gruppe laut kichernder Mädchen schob sich genau zwischen ihn und die beiden Männer. Ihre Stimmen
verschluckten jedes zweite Wort. Max stellte seinen Beutel unauffällig auf den Boden. Der Durst war vergessen.
Er lauschte.
„… wer ist denn … junger Trompeter?“
Mehr verstand er zunächst nicht.
EXPOSÉ - DER RUF DER BÜHNE 22 / 33
Dann kam der nächste Satz.
„Der hat ein Solo gespielt, das wirklich erstklassig war.“
Max spürte, wie sein Puls schneller wurde.
„Den würde ich gern in meiner Band haben.“
Alles um ihn herum trat in den Hintergrund.
Meint er … mich?
Der Gedanke traf ihn völlig unvorbereitet.
Das kann nicht sein. Hat ihm mein Solo wirklich gefallen? Will ausgerechnet Hübi mich in seiner Band haben?
Das Stimmengewirr um ihn herum verschwand. Nur noch die beiden Männer existierten.
„Der Junge heißt Max Bereg“, hörte er seinen Dirigenten sagen. „Er hat großes Talent. Aber das wird schwierig.
Er ist erst sechzehn.“
„Erst sechzehn?“
Die Überraschung in Hübis Stimme war unüberhörbar. Max musste sich zusammenreißen, um nicht laut
aufzulachen.
Dann sprach sein großes Vorbild weiter.
„Das hätte ich nie gedacht. Mit den dunklen Locken und dem Bartansatz wirkt er deutlich älter. Auf meiner
Bühne würde das niemand merken.“
Er lachte.
„Du weißt ja selbst: Unter Achtzehnjährige müssen um zehn Uhr den Saal verlassen.“
Der Dirigent grinste.
„Und bei den Mädels sorgt er auch schon für Aufregung.“
„Ach?“
„Aber das ist wieder eine andere Geschichte.“
Hübi nickte schmunzelnd.
„Ich rede nachher mal mit ihm.“
Max erschrak. Jetzt muss ich verschwinden. Schnell hob er seinen Beutel wieder auf und schob sich möglichst
unauffällig zwischen den Besuchern hindurch. Bloß nicht erwischen lassen. Allein der Gedanke, dass Hübi
merken könnte, wie er das Gespräch mitgehört hatte, ließ ihm das Blut in den Kopf schießen.
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Er hatte kaum zehn Meter geschafft, als hinter ihm eine Stimme erklang.
„Hallo, Max!“
Er blieb stehen und drehte sich um. Hübi hatte ihn längst eingeholt.
„Ich bin übrigens der Leiter von Hübis Musikexpress.“
„Hallo.“
Mehr brachte Max nicht heraus.
Hübi musterte ihn freundlich.
„Ganz schön heiß heute.“
Max nickte.
„Ja.“
„Ihr habt da oben bestimmt ordentlich geschwitzt.“
Max lachte kurz.
„Das kann man wohl sagen. Mein Hemd ist komplett durchnässt.“
„Dann brauchst du bestimmt erst einmal etwas zu trinken.“
Er deutete zu den parkenden Autos.
„Ich habe noch kaltes Wasser im Wagen.“
Max musste nicht lange überlegen.
„Das wäre großartig. Danke.“
„Komm einfach mit.“
Gemeinsam gingen sie zwischen den Reisebussen hindurch. Dann begann Hübi ganz selbstverständlich über
Musik zu sprechen. Über Swing, Tanzmusik, Bigband-Sound und die Freude daran, Menschen mit einem guten
Konzert zum Lächeln zu bringen.
Max hörte aufmerksam zu. Mit jedem Schritt wurde ihm klarer, dass dieser Nachmittag gerade dabei war, sein
Leben zu verändern.
„Ich mag übrigens auch Blasmusik“, sagte Hübi beinahe beiläufig, „aber nur, wenn sie wirklich gut gespielt wird.
Alles andere langweilt mich.“
Max hob den Kopf.
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„Dein Auftritt eben …“ Hübi schüttelte kaum merklich den Kopf. „Der hat mich beeindruckt. Das Trompetensolo
aus Die Post im Walde habe ich seit Jahren nicht mehr so gehört.“
Er schaute Max fest in die Augen.
„Du würdest hervorragend in meine Band passen.“
Die Worte trafen Max völlig unvorbereitet.
„Hast du Lust mitzumachen? Ich bin sicher, die anderen wären genauso begeistert von dir wie ich.“
Max antwortete nicht gleich. Genau davon hatte er immer geträumt. Musik als Mittelpunkt des Lebens.
Und ausgerechnet jetzt.
In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Schule. Abitur. Seine Eltern. Das geplante Musikstudium. Wie
sollte das alles zusammenpassen?
„Nun, Max?“ Hübi sah ihn gelassen an. „Hast du dir schon Gedanken gemacht?“
Max holte tief Luft.
„Ja.“
Das Wort fiel ihm schwer.
„Vielen Dank für das Angebot. Wirklich. Es bedeutet mir sehr viel. Aber ich muss erst die Schule beenden.
Danach möchte ich Musik studieren. Das ist mein größter Traum.“
Seine Finger spielten nervös mit dem Trageriemen des Trompetenkoffers.
„Wenn Sie dann noch Interesse haben … würde ich sehr gern für Sie Trompete spielen.“
Ein Hauch von Freude zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.
„Eigentlich möchte ich irgendwann singen und Gitarre spielen. Musik ist einfach das, was ich mein ganzes Leben
machen will. Ich glaube nur, dass ich nach dem Studium besser darauf vorbereitet bin.“
Der Mann lachte.
„Das klingt großartig.“
Er griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Notizblock hervor.
„Und wer sagt eigentlich, dass man damit bis nach dem Studium warten muss?“
Mit schnellen Strichen schrieb er etwas auf.
„Dein vollständiger Name.“
Max nannte ihn.
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„Adresse?“
Auch die notierte er sorgfältig. Dann riss er das Blatt nicht heraus, sondern steckte den Block wieder ein und hielt
Max die Hand hin.
„Ich bin Bernd.“
Max ergriff sie. Der Händedruck war fest.
„Und ich denke, du bist genau der Musiker, nach dem ich gesucht habe.“
Bernds Blick verriet aufrichtige Freude.
„Wir bleiben in Kontakt. Darauf kannst du dich verlassen.“
Max nickte. Er brachte kein Wort heraus. Tief in seinem Inneren wusste er jedoch, dass dieser Nachmittag mehr
verändert hatte als jeder Auftritt zuvor.
*
Noch immer wie benommen verließ Max das Festgelände. Seine Füße trugen ihn beinahe von selbst in Richtung
Bushaltestelle. Er achtete kaum darauf, wohin er ging.
Bis mit einem Mal jemand mit ihm zusammenstieß.
„Oh!“
Max geriet ins Straucheln. Vor ihm verlor ein Mädchen das Gleichgewicht und fiel rückwärts in den Staub.
„Verdammt!“
Er stellte Trompete, Notenständer und Tasche ab und kniete sich neben sie.
„Ist dir etwas passiert?“
Sie blinzelte zu ihm auf. Ihre großen blauen Augen blickten ihn überrascht an, aber ohne jede Spur von Angst.
„Ich … ich weiß es nicht.“
Nachdenklich zog sie die Lippen zusammen.
„Vermutlich nicht. Ganz sicher bin ich mir allerdings noch nicht.“
Max runzelte die Stirn.
Irgendetwas an ihr war anders. Die meisten Menschen hätten sich nach einem solchen Sturz geärgert, wären
erschrocken oder hätten sich zumindest über die peinliche Situation beklagt. Sie dagegen sah ihn an, als wäre das
Ganze kaum mehr als eine kleine Unterbrechung an einem ansonsten vollkommenen Tag.
„Komm.“
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Er streckte ihr die Hand entgegen.
„Steh erst einmal auf.“
Sie sah auf seine Hand. Einen Moment lang schien sie zu überlegen, ob sie sie nehmen sollte. Dann hob sie den
Blick.
„Jetzt tut es weh.“
Sofort wich die Belustigung aus seinem Gesicht.
„Wo?“
Sie hob vorsichtig die rechte Hand.
„Hier. Ich glaube, sie wird dick.“
Max nahm ihre Hand behutsam in seine. Sie war erstaunlich warm und so zart, dass er unwillkürlich vorsichtiger
wurde. Mit den Fingerspitzen prüfte er ihr Handgelenk, bewegte langsam ihre Finger und tastete nach
empfindlichen Stellen.
Doch dann bemerkte er, dass sie ihn beobachtete.
Ruhig. Vertrauensvoll. Fast ein wenig neugierig.
Sie verzog kaum das Gesicht, obwohl er wusste, dass jede seiner Bewegungen unangenehm sein musste.
„Wahrscheinlich ist nichts gebrochen“, sagte er schließlich und atmete erleichtert auf. „Aber wir sollten die Hand
trotzdem verbinden.“
Ohne weiter darüber nachzudenken, zog er sich das verschwitzte Hemd über den Kopf. Aus dem Stoff formte er
mit ein paar geübten Griffen einen provisorischen Verband.
Der Erste-Hilfe-Kurs hatte offenbar doch etwas gebracht.
„So.“
Er zog den Knoten vorsichtig fest und prüfte, ob er irgendwo einschnitt.
„Fürs Erste sollte das reichen. Ein richtiger Verband wäre natürlich besser.“
Sie betrachtete ihre bandagierte Hand. Dann sah sie wieder zu ihm.
„Danke.“
Nur dieses eine Wort.
Und trotzdem löste es etwas in ihm aus, das er nicht einordnen konnte.
„Bist du allein hier?“
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„Meine Schwester ist schon mit dem Bus nach Hause gefahren.“
„Und du?“
Sie sah ihn an, als wäre die Antwort vollkommen offensichtlich.
„Ich wollte noch bleiben.“
„Warum?“
Ein Hauch von Rot erschien auf ihren Wangen.
„Weil ich dich um ein Autogramm bitten wollte.“
Max blinzelte.
Ein Autogramm.
Er hatte mit vielem gerechnet. Damit allerdings nicht.
„Das war mir wichtig“, fügte sie hinzu.
Ein Lachen entwich ihm.
„Na gut.“
Er zog einen Flyer seines Orchesters hervor, setzte seine Unterschrift darunter und reichte ihn ihr.
Sie nahm das Blatt mit einer Sorgfalt entgegen, die beinahe rührend war, als hielte sie etwas Kostbares in den
Händen.
Sein erstes Autogramm.
Und plötzlich war da dieses warme, beinahe kindliche Glück in seiner Brust. Jemand war seinetwegen geblieben.
„Und wenn du mir jetzt noch etwas auf der Trompete vorspielst“, sagte sie mit einem süffisanten Lächeln, „werde
ich bestimmt ganz gesund.“
„Die Trompete bleibt heute im Koffer.“
Er musterte sie einen Augenblick. Dann legte er die Hände an den Mund.
Kurz darauf durchschnitt ein täuschend echter Uhuruf den Festplatz.
Der Ruf schien in der warmen Sommerluft zu schweben, wurde länger, nahm Ton um Ton Gestalt an und
verwandelte sich schließlich in die Melodie von Oh, wie so trügerisch sind Frauenherzen.
Mehrere Besucher drehten sich nach ihnen um.
Das Mädchen lachte.
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Hell und frei.
Ihr Lachen traf Max unerwartet mitten ins Herz.
Er lachte mit.
Für einen Augenblick war alles andere verschwunden. Der Lärm des Festes. Die Stimmen der Menschen. Die
Musik. Sogar die Zeit.
Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu.
Und plötzlich war sie viel zu nah.
Eine feine Haarsträhne hatte sich aus ihrer Frisur gelöst und fiel ihr über die Wange. Max nahm einen Hauch ihres
Duftes wahr – Sommer, ein wenig Blütenparfum und etwas Wärmeres, das er nicht benennen konnte.
Etwas, das nur ihr gehörte.
Sein Herz schlug schneller.
Was geschah hier?
Er kannte sie kaum fünf Minuten.
Und trotzdem hatte er das Gefühl, als hätte jemand tief in seinem Inneren eine Tür geöffnet, von deren Existenz er
bis zu diesem Augenblick nichts gewusst hatte.
Seine Hände wussten plötzlich nicht mehr, wohin mit sich. Verlegen schob er sie in die Hosentaschen.
„Ich …“
Er brach ab und schüttelte lächelnd den Kopf.
„Das klingt wahrscheinlich völlig verrückt.“
Sein Blick blieb an ihr hängen.
Er konnte einfach nicht wegsehen.
„Ich weiß nicht, warum … aber ich möchte dich unbedingt wiedersehen.“
Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Irgendetwas ist gerade passiert.“
Sie sah ihn lange an.
Dann lachte sie.
„Das sagst du bestimmt allen Mädchen.“
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„Nein.“
Die Antwort kam so schnell, dass sie selbst überrascht schien.
„Noch nie.“
Er schüttelte den Kopf.
„Ich war überhaupt noch nie verliebt. Ich weiß nicht einmal, wie sich das anfühlt.“
Sein Blick glitt über ihr Gesicht und blieb schließlich wieder an ihren Augen hängen.
„Aber wenn es sich so anfühlt … dann ist es jedenfalls neu.“
Er konnte den Blick nicht von ihr lösen.
Am liebsten hätte er die letzten Zentimeter zwischen ihnen überwunden. Hätte ihre Hand fester gehalten, sie zu
sich gezogen, ihren Mund auf seinem gespürt.
Doch er rührte sich nicht.
Er kannte nicht einmal ihren Namen.
Sie hatten vielleicht zehn Sätze miteinander gewechselt.
Und trotzdem hatte sich in ihm etwas verändert.
Sie hob das Kinn.
Ihre Lippen waren nur noch wenige Zentimeter von seinen entfernt.
Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte ihre freie Hand an seine Schulter und zog ihn behutsam zu sich.
„Ich wollte dich unbedingt kennenlernen“, flüsterte sie.
Ihr Atem strich warm über seine Haut.
„Seit deinem Solo bei deinem letzten Auftritt muss ich immer wieder an dich denken. Deine Musik hat mich viel
tiefer berührt, als ich je erwartet hätte.“
Max brachte kaum ein Wort heraus.
„Danke.“
Mehr schaffte er nicht.
Der Lärm des Festes rückte in weite Ferne.
Es gab nur noch sie.
Ihre Nähe.
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Ihre Hand in seiner.
Dann riss ihn ein Gedanke aus diesem Zauber.
„Oh nein! Mein Bus!“
Er fuhr erschrocken herum und griff hastig nach seiner Trompete, dem Notenständer und seiner Tasche. Fast
gleichzeitig sah er auf ihre bandagierte Hand. Sein Hemd.
„Ach ja.“ Er zeigte darauf. „Willst du das eigentlich wieder loswerden?“
Sie sah auf den Stoff, dann zu ihm.
Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie schüttelte den Kopf.
„Eigentlich würde ich es gern behalten.“
Und plötzlich war ihm der Bus für einen winzigen Moment völlig egal.
Er sah zur Bushaltestelle.
Leer.
Der Bus war verschwunden, als hätte er nie dort gestanden.
Max stellte die Trompete vorsichtig auf den Boden.
„Na gut, bis der nächste Bus kommt, kannst du es behalten.“
Ein schiefes Grinsen.
„Danach brauche ich es allerdings wieder.“
Neben ihnen stand wie aus dem Nichts ein Wagen. Das Fenster war heruntergekurbelt, und Bernd lehnte sich
hinaus.
„Ey, Uhu!“
Max drehte sich um.
„Deine Uhu-Imitationen – ich hätte schwören können, dass da wirklich einer im Baum sitzt.“
Bernds Blick glitt zu dem Mädchen, blieb einen Moment an ihr hängen und wanderte dann zur leeren Haltestelle.
„Aber dein Bus ist weg.“
Er zuckte mit den Schultern.
„Macht nichts. Busse kommen wieder.“ Eine kaum merkliche Pause. „Manche Dinge nicht.“
Das Mädchen sah ihn an.
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In ihren Augen lag etwas, das er nicht lesen konnte.
„Steigt ein“, sagte Bernd. „Ich fahr euch.“
„Ich komme schon klar.“
Die Antwort kam sofort.
Sie wandte sich nicht einmal zu Bernd, sondern sah nur Max an.
„Ich nehme den nächsten Bus.“
„Okay.“
„Das Hemd behalte ich.“
Max blinzelte.
„Einverstanden. Wasch es mir dann.“
„Nein.“
Ihre Stimme war ruhig.
„Ich wasche es nicht.“
Ein winziger Zug um ihre Mundwinkel.
„Und zurück bekommst du es auch nicht.“
Max starrte sie an. Dann musste er grinsen.
„Das ist Diebstahl.“
„Vielleicht.“
Bernd trat neben dem Wagen ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Der Motor lief noch immer, und sein
Brummen schien das Gespräch endgültig beenden zu wollen.
Max sah auf das Hemd.
Ihr Duft hing darin – etwas Herbes, etwas Frisches, vermischt mit dem Geruch des Abends. Er wusste, dass er
sich diesen Duft merken würde. Er wusste nur noch nicht, warum.
„Na gut.“
Er öffnete seine Notenmappe.
Zwischen den Noten fand er ein einzelnes Blatt.
Gruß ans Liebchen – Johann Brussig.
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Er hielt den Stift darüber.
„Wie heißt du? Und wo wohnst du?“
Sie antwortete ohne zu zögern, als hätte sie längst gewusst, dass diese Frage kommen würde.
„Angelina Lobach. Verda, Dorfstraße sechsunddreißig.“
Max schrieb.
„Aber komm nicht direkt zu mir.“
Er sah auf.
„Was?“
„Fahr am Haus vorbei bis zur Waldlichtung.“
Ihre Stimme wurde leiser.
„Dort treffen wir uns.“
„Wann?“
„Sonntag. Drei Uhr.“
Etwas in ihm spannte sich an.
„Warum nicht bei dir?“
„Meine Vermieterin will keinen Besuch.“
Sie zuckte mit den Schultern, als wäre damit alles gesagt.
Dann sah sie ihn wieder an.
„Nenn mich Lina.“
„Okay, Lina.“
Sie machte einen Schritt zurück.
„Ich komme aus Ullersburg. Ein Dorf in den Bergen. Da gibt es nichts. Deshalb bin ich hier. Meine Schwester
wohnt gleich um die Ecke.“
„Jetzt reicht's“, warf Bernd ein. „Ich habe keine Zeit für Lebensgeschichten.“
Lina sah Max noch einen Moment an.
„Ich komme ja schon.“
Er ließ sie los und stieg ein.
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