Buchneuvorstellung (in Arbeit)

 

Band I – Flucht aus Lavertezzo

Band II – Neuanfang in Dragosow

Band III – Theresa Fontana – Die letzte Erbin

In Band III wird die Geschichte von Theresa Fontana erzählt, die als letzte Erbin in der vorliegenden Handlung ein außergewöhnliches Schicksal erlebt. Während Sie diese fiktive Erzählung lesen, könnte Ihnen der Gedanke kommen: „Das klingt vertraut!“ Doch keine Sorge: Die Handlungen, Namen und Orte (mit Ausnahme der Schweizer Orte) sind vollständig erfunden. Alles andere wäre schlicht unerträglich.

 

 

Vorwort

 

Ein wilder Sturm fegte durch die uralten Eichen. Ihre knorrigen Äste ragten wie verzweifelte Hände zum Himmel empor. Hinter den Fenstern des Hauses schimmerte schwaches Licht, doch in den Augen der Bewohner lag eine Dunkelheit, die so tief und undurchdringlich war wie die Nacht selbst. Der Vater wandte seinen Blick in die Ferne, dorthin, wo einst Hoffnung blühte. Doch jetzt musste er erkennen, dass sie möglicherweise nichts als eine Illusion gewesen war – ein trügerischer Traum. Die Mutter saß still und unbewegt an ihrem gewohnten Platz am Fenster. Ihre Hände lagen im Schoß, die Finger leicht ineinander verschränkt, als suchten sie nach Halt. Ihre Augen wanderten durch den Raum und ruhten auf einem kunstvoll gerahmten Porträt, das geschmackvoll im Regal arrangiert war und von anderen Relikten vergangener Zeiten flankiert wurde. Der Raum war still, nur das leise Ticken einer Uhr durchbrach die Ruhe – ein unermüdlicher Zeuge des vergehenden Moments. Die Mutter wischte sich sanft eine Träne von der Wange. Kein lautes Schluchzen, kein großes Drama – nur dieses stille, unaufhaltsame Rinnen, das mehr verriet, als Worte je könnten. Es war ein Augenblick der Stille, in dem unausgesprochene Emotionen verharrten – Gefühle, denen das Herz unweigerlich folgte.

Schicksalsschläge und düstere Lebensphasen hatten das Leben der Fontanas über Generationen geprägt. Die Mauern ihrer Häuser umhüllten die Ereignisse, die sich in ihrem Inneren abspielten, wie ein schützender Mantel. Sie bewahrten die Geheimnisse vergangener Jahre. Man musste nur genau hinschauen, um diese stillen Geschichten zu entdecken. Doch selbst unter der erdrückenden Last des Schicksals gab es immer wieder Lichtblicke und Neuanfänge. Es sind diese Augenblicke, die die Unerschütterlichkeit menschlicher Willenskraft zeigen.

 

© 2026 Wolfgang Berg



Umschlaggestaltung und Illustration: Wolfgang Berg



Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Germany

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist der Autor verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne seine Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag des Autors, zu erreichen unter: Wolfgang Berg, Heide 165, 03185 Dragosow, Germany .

Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung: berg.wolfgang@t-online.de



ISBN:

 

 

 

 

 

 

Band I

 

Flucht aus Lavertezzo

Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Gipfel der Tessiner Alpen und hüllten sie in warmes, goldenes Licht. Langsam wich die Dunkelheit der Nacht und machte Platz für den neuen Tag. Eine leichte Brise brachte frische, klare Bergluft ins Tal, in dem das stete Rauschen eines Baches für Lebendigkeit sorgte.

Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte auch die Tierwelt und hauchte der Landschaft Leben ein. Das zunächst zaghafte Zwitschern der Vögel entwickelte sich allmählich zu einem lebhaften Konzert. In der Ferne erklomm ein Rudel Gämsen gemächlich die steilen Berghänge, während hoch oben ein Steinadler seine Bahnen zog. Sein unverkennbarer Ruf – durchdringende Schreie oder pfeifende „Ki-ki-ki“-Laute – ließ keinen Zweifel daran, dass sich in seinem Lebensumfeld eine nahezu unberührte Wildnis erstreckte.

Giovanni Fontana liebte die frühen Morgenstunden. Noch bevor die Sonne aufging, begann er mit seiner Arbeit. Die Stille des Morgens erfüllte ihn mit Freude, während er wie in Trance die Sense durch das nasse Gras führte. Das sanfte Geräusch des Metalls, das die feuchten Halme schnitt, war das Einzige, das die Ruhe durchbrach. Seine Stirn glänzte vor Schweiß, denn jedes Heben und Senken der Sense erforderte höchste Präzision und Geschick.

Besonders beeindruckt war Giovanni von dem faszinierenden Zusammenspiel aus Pflanzen und Tieren, das mit dem Sonnenaufgang lebendig wurde. Die blühenden Blumen zogen nicht nur Bienen und Schmetterlinge an, sondern boten auch zahlreichen anderen Lebewesen eine Nahrungsquelle. Während die Vögel ihre Nester bauten und ihre Jungen aufzogen, entfaltete sich die Natur in einem bunten Farbenrausch, der Giovannis Sinne jeden Tag aufs Neue belebte.

Im Laufe des Morgens kamen immer mehr Bauern hinzu, um mit ihrer täglichen Arbeit zu beginnen. Bald entstand eine lebhafte Geräuschkulisse, die durch das Bellen, Gackern und Wiehern der Haustiere verstärkt wurde. Sie begrüßten den neuen Tag auf ihre Weise, schienen sich über das frische Futter und das Wasser aus dem Bach zu freuen, das ihre Besitzer für sie bereithielten. All diese Klänge verschmolzen zu einer harmonischen Morgenstimmung – der neue Tag war bereits in vollem Gange.

Tief in Giovannis Inneren keimte ein Wunsch: die wohlverdiente Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zu erhalten. Er war erst 35 Jahre alt, doch seine Hände erzählten bereits die Geschichte eines Lebens voller harter Arbeit. Sie waren schwielig und stark und zeugten von der Last der Werkzeuge, die er tagtäglich nutzte. Sein wettergegerbtes Gesicht war ein Spiegelbild seines Schaffens unter freiem Himmel und zeugte von eisigen Morgenstunden und endlosen Tagen.

Giovanni ließ seinen Blick zum kleinen Haus am Ende des ausgetretenen Wiesenpfads schweifen. Dahinter begann Lavertezzo, ein beschauliches Dorf, das in die sanfte Landschaft des Verzascatals eingebettet ist.

Die überwiegend aus Stein errichteten Häuser schmiegten sich eng aneinander, während die umliegenden Felder die Spuren traditioneller, harter Landwirtschaft erahnen ließen – eine Tätigkeit, die das Leben der Bewohner von Lavertezzo seit jeher prägte.

Die Menschen lebten einfach: Die Landwirtschaft bildete das Zentrum ihres Lebens und wurde durch den Handel mit lokalen Produkten wie Kastanien, Wein und Käse ergänzt. Kleine Wege und Pfade verbanden das Dorf mit den umliegenden Gemeinden wie Locarno und Cugnasco, während die majestätischen Berge im Hintergrund Schutz boten und zugleich eine Herausforderung darstellten.

Das Läuten der Glocken – ein unverkennbares Symbol der religiösen Tradition dieser Region – mischte sich in den Morgen. Auch an diesem Tag ertönte ihr Ruf durch das Tal. Für Maria, Giovannis Ehefrau, war es das Signal, ihm das Frühstück zu bringen. Giovanni hielt in diesem Moment inne, dann mähte er seine Schwade weiter, bis er das ihm bekannte, schwach vernehmbare Knarren der schweren Haustür hörte und sah, wie Maria herauskam. In ihren Händen trug sie ein geflochtenes Körbchen, in dem sie das mit Liebe zusammengestellte Frühstück untergebracht hatte. Ihr Lächeln strahlte mit der Morgensonne um die Wette und ihre Bewegungen waren so anmutig wie eine sanfte Brise, die durch die Olivenbäume weht. Ihr sonnengebräuntes Gesicht war der stille Zeuge unzähliger Tage unter dem mediterranen Himmel. Die Sommer des Mittelmeers hatten sich in ihrer Haut verewigt. Jeder Blick auf sie offenbarte ihre Wurzeln und weckte zugleich Erinnerungen an blühende Olivenhaine, duftende Zitronenbäume und das Lachen, das oft bei einem Glas Wein zwischen den Terrassen ertönte.

Giovanni genoss diesen stillen Moment voller Vertrautheit, Nähe und tiefer Liebe. Kein einziges Wort war nötig, während sie schweigend und achtsam Happen für Happen von den mitgebrachten Speisen genossen. Sein Blick wanderte hinunter zu seinem Haus, das für ihn weit mehr als nur ein Gebäude war – es war ein Ort tiefer Emotionen. Das fröhliche Lachen seiner Kinder, der verlockende Duft von frisch gebackenem Brot oder das warme, beruhigende Licht, das jeden Abend durch die Fenster fiel – all das machte es zu seinem ganz persönlichen Paradies.

Für Giovanni verkörperte dieser Ort bisher das wahre Gefühl von Heimat – ein Sinnbild für Geborgenheit und Beständigkeit. Es war ein kostbares, unverzichtbares Erbe, das ihm niemand nehmen konnte. Mit Hingabe und Sorgfalt hatten seine Vorfahren diesen Ort geschaffen und über Generationen bewahrt. Nun lag es an ihm, dies alles zu erhalten und eines Tages an eines seiner Kinder weiterzugeben.

Wird es ihnen überhaupt noch etwas bedeuten?“ Diese quälende Frage ließ ihn nicht los. „Oder werden sie eines Tages in die Stadt ziehen, fern von hier?“

Giovanni seufzte tief, dachte an den Krieg, der jetzt endlich nach dreißig Jahren sein Ende fand. Er hatte alles verändert. Das Leben in den Bergen war hart, und allein über die Runden zu kommen, wurde immer schwieriger. Die Händler zogen nicht mehr von Dorf zu Dorf, denn sie hatten kaum noch etwas, das zum Handeln taugte. Selbst die Brücken, wie die beeindruckende Ponte dei Salti in Lavertezzo, nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt, hatten bessere Zeiten gesehen. Einst wurden sie täglich mit Ehrfurcht überquert, doch diese Tage sind längst vorbei.

Das Land, das er bearbeitete, war karg, der Boden hart und steinig, und die Ernte fiel oft mager aus. Doch Giovanni gab nie auf und kannte keine Resignation. Er schichtete Holz für den Winter, trieb die Ziegen und Schafe auf die Weide und brachte das Heu unter Dach und Fach – oft bis spät in die Abendstunden. Hinter jedem Samenkorn und jedem Tropfen Schweiß stand ein Mann, der trotz widriger Umstände und ständiger Entbehrungen für seine Familie und eine bessere Zukunft kämpfte. Das Leben hatte ihm wenig gegeben, aber er opferte ihm alles, was er hatte, mit einer Hingabe, die ihresgleichen suchte. Nicht einmal der Sonnenuntergang brachte ihm Ruhe, obwohl die Farben des Himmels friedlich und malerisch wirkten.

Mit schweren Schritten ging Giovanni den steinigen Weg bis zum Stall entlang, in dem das unaufhörliche Meckern und Blöken der Ziegen und Schafe nicht enden wollte, bis sie endlich ihr Futter in den Krippen hatten. Die Aromatik von frischem Heu lag in der kühlen Abendluft. Für Fontana war dies jedoch kein Zeichen von Entspannung, sondern ein ständiger Ruf nach Arbeit und Verantwortung. Entschlossen packte er die Mistgabel, deren Griff sich vertraut an seine rauen Hände schmiegte. Das leise, rhythmische Knirschen des Strohs unter seinen schweren, abgetragenen Stiefeln begleitete ihn unaufhaltsam, während er von einer Aufgabe zur nächsten eilte, ohne Rast oder Zögern.

Die Schatten wurden länger, doch der Feierabend schien in weiter Ferne. Selbst in der Dämmerung schien der Hof zu murmeln: „Noch nicht genug, noch nicht vollendet.“ Wenn sich der Sternenhimmel über ihm ausbreitete, waren seine Gedanken zu schwer, um die Schönheit zu bemerken.

Die Nächte waren kurz und auch der nächste Tag versprach keine Atempause, doch am Horizont war ein Hoffnungsschimmer zu erahnen.

*

Giovanni drehte sich noch einmal in seinem Bett um und stupste seine Frau Maria sanft an. Er hatte das Bedürfnis, mit ihr zu reden, bevor er mit seiner Arbeit begann.

„Hast du das Geheul des Windes gehört?“, fragte er. „Es klang, als würden wütende Geister durch die Straßen jagen. Ihre Stimmen waren heftig und unnachgiebig. Ich konnte sehen, wie die Ziegel nacheinander mit erschreckender Wucht vom Dach geschleudert wurden. Es war, als hätte der Himmel seine Geduld endgültig verloren und uns mit seiner Macht demonstrieren wollen, wie klein wir doch eigentlich sind.“

Maria antwortete: „Ja, und dieser Regen – es war nicht einfach nur eine gewöhnliche Nässe, wie sonst. Die Tropfen wirkten beinahe lebendig, sie schienen einen eigenen Willen zu haben. Unaufhaltsam suchten sie sich ihren Weg, drangen durch die kleinsten Ritzen der Fenster, wie unzähmbare, winzige Fluten. Es war, als würde das Haus selbst unter der unbändigen Last des Sturms ein stilles Klagelied seufzen.“

Giovanni stimmte ihr zu: „Genau das war es! Die ganze Nacht hörte ich dieses stete Tropfen, wie ein unaufhörliches, nervenaufreibendes Klopfen, das mir den Schlaf raubte. Es war nicht nur Regen und Sturm, Maria. Es war so viel mehr. Es war eine Botschaft, die mich nicht mehr loslässt. Und die Dunkelheit, sie war nicht bloß Finsternis. Ich kann dir sagen, dass sie sich so greifbar anfühlte, als würde sie dich regelrecht umklammern, dich festhalten und zwingen, hinzusehen und etwas wahrzunehmen. Es war nicht nur ein Unwetter, Maria. Der Sturm und seine Elemente wollten eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die man nicht ignorieren kann.“

Maria wusste es genau: „Eine Geschichte, die nur Gott, der Wind und der Regen in ihren tiefsten Geheimnissen kennen. Die Natur lässt uns so intensiv fühlen, als wären wir Teil eines unausgesprochenen Dialogs. Wir mussten nichts sagen, nichts benennen oder erklären – wir haben es einfach erlebt, unmittelbar und mit jeder Faser unseres Seins.“

„Du sagst es, Maria! Ich hatte das Gefühl, das war eine klare Botschaft an uns: Verschwindet, sagte sie bestimmt, ehe es zu spät ist. Sieh nur Maria; die Vorratskammer ist fast leer, und was noch da ist, reicht kaum, um die hungrigen Blicke der Kinder zu besänftigen. Die Nächte sind von Kälte durchdrungen, nicht allein aufgrund der Stürme und des alten Ofens. Es ist vielmehr die innere Unsicherheit, die an der Seele zehrt. Unabhängig davon, wie viele Decken man sich umlegt oder wie oft man bemüht ist, das Feuer erneut zu entfachen – die Kälte verharrt beständig.“

*

Es gab keinen Tag, an dem die Familie nicht von einer neuen Herausforderung heimgesucht wurde. Jeder kleine Funke der Hoffnung wurde von der harten Realität eines Europas, das gerade dreißig Jahre Krieg überstanden hatte, im Keim erstickt.

Giovanni Fontana ließ seinen Blick oft aus dem Fenster schweifen und nahm dabei eine weitläufige Landschaft in sich auf: Gebirgsformationen gingen harmonisch über in sanfte, tiefgrün bewaldete und schattige Täler. Die Verzasca, dieser Wildfluss windet sich unermüdlich grün glitzernd im gleichnamigen Tal, begleitet von einem fast schon hypnotischen Getöse. Das Wasser sprudelt über glatte Steine, während sich die Sonnenstrahlen in den Wellen brechen und ein funkelndes Schauspiel kreieren. Die Ufer sind gesäumt von üppigem Grün. An einigen Stellen bilden sich kleine Wasserfälle, deren plätscherndes Geräusch die Stille der Umgebung durchbricht. Jeder Meter entlang des Flusses fühlt sich an wie eine Entdeckung, während das Wasser unaufhörlich seine Reise fortsetzt, unbeeindruckt von der Zeit. Die Landschaft ist ein harmonisches Zusammenspiel aus Farben und Klängen, das Giovanni immer wieder in seinen Bann zieht. Rustici – kleine Steinhäuser, eingebettet und fast umarmt von ihrer Umgebung – erhoben sich, wirkten wie natürliche Erweiterungen der Landschaft. „Mein eigenes Rustico ist eines davon“, sagte Giovanni stolz vor sich hin.

Er konnte seinen Blick nicht von den Häusern abwenden. Aus regionalem Granit gefertigt und mit einer meisterhaften Handwerkskunst errichtet, strahlten sie eine unvergleichliche Anmut aus. Jede Fassade hatte eine Geschichte, jede Steinreihe schien ein Relikt aus einer vergangenen Epoche zu sein. Es war, als würde die Zeit stillstehen. Die Präzision der Arbeit und die natürliche Schönheit des Steins bildeten eine Symbiose, die ihn augenblicklich in eine andere Welt versetzte. Giovanni sah nicht nur Bauwerke – er sah Kunstwerke, die von Generationen geprägt und bewahrt wurden, ein Zeugnis für die Harmonie zwischen Mensch und Natur.

Die Wände mit ihrer rauen Oberflächenstruktur und den sichtbaren Spuren der Zeit erzählten Geschichten von vergangenen Generationen. Sie erzählten von den Menschen, die hier einst lebten und arbeiteten und eine Verbindung mit der umliegenden Landschaft entwickelten, die bis heute spürbar ist. Es gab keinen Zierrat, keine unnötigen Details, sondern nur den rohen Stein, das schlichte Holz und die unauslöschlichen Spuren des Lebens.

Das Innere? Es war puristisch und schlicht gehalten, frei von über-flüssigem Komfort, doch es besaß einen unvergleichlichen Charme. Die kleinen Fenster, die geflochten wirkenden Holzbalken und die massiven, handgearbeiteten Türen riefen Bilder von handwerklicher Arbeit und einfachen, aber erfüllten Tagen hervor. Doch das lag weit zurück.

Was kann ich nur tun?“ fragte sich Fontana, und fand keine Antwort. Er haderte mit sich: „Soll ich der Botschaft aus der letzten Sturmnacht folgen und verschwinden, ehe es zu spät ist? Soll ich dieses Land verlassen, wie so viele andere Tessiner Eidgenossen vor mir, um anderswo ein besseres Leben zu suchen?“

Er richtete seinen Blick auf den tiefblauen Himmel, der sich im kristallklaren Wasser des nahe gelegenen Flusses widerspiegelte. Die steilen Berge und der würzige Geruch von Pinien mit ihren floralen Noten wirkten wie einem meisterhaft gestalteten Gemälde entnommen. Dieser Anblick ließ ihn stets innehalten und staunen, er vermittelte ihm Heimat und hielt ihn gefangen.

Giovanni blickte jedoch genauer hin. Hinter der scheinbaren Idylle offenbarten sich zerklüftete Felsen, geformt durch Jahrtausende unbändiger Naturgewalten und unzählige weitere Veränderungen. Sie schwiegen, und doch schien ihr stilles Dasein eine Einladung zu sein, innezuhalten und zu lauschen: Und tatsächlich: Fontana glaubte genau zu hören, wie die Vergangenheit durch die Risse des verwitterten Gesteins hauchte: „Giovanni, warum verweilst du hier, wo das Klappern der Wagenräder auf den alten Handelsrouten einem unheilvollen Schweigen gewichen ist?“

„Ach Unfug!“, holte Fontana sich in die Realität zurück. Er wusste um die Nachwirkungen des verheerenden Krieges, der so vieles zerstört hatte. Der Westfälische Frieden war das alles beherrschende Thema der Zeit – jenes Abkommen, das den Dreißigjährigen Krieg endlich beendete und eine neue Ära einläuten sollte. „Doch würde dieser Frieden auch das Tessin langfristig und nachhaltig verändern?“ Fontana blieb skeptisch. Der Gedanke an den frisch ausgehandelten Frieden weckte in ihm kein Vertrauen. Er hatte von einem Durchreisenden erfahren, dass der Vertrag den deutschen Einzelstaaten mehr Eigenständigkeit gab und somit ihre Stellung gegenüber dem Kaiser deutlich stärkte. Das Echo der Vergangenheit schien ihm hier zu Lande zu laut, als dass die leisen Worte dieses Abkommens es übertönen könnten.

Für Giovanni war es an der Zeit, seiner Maria von den Wundern des Wiederaufbaus in Deutschland zu erzählen.

„Stell dir vor“, sagte er, „die morgendliche Sonne taucht die weite Landschaft in warmes Licht und ein sanfter Wind streift über ein Meer aus saftig-grünen Wiesen. Wo einst trockene, unfruchtbare Erde lag, bedecken jetzt dichte Gräser und kräftige Pflanzen den Boden. Überall summt und brummt es, Bienen und Schmetterlinge gleiten über die Blüten und Vögel erfüllen den Himmel mit ihrem lebhaften Gesang. Die Luft riecht nach Frische und Vitalität und der Boden, der früher leblos schien, pulsiert vor Lebenskraft. Es ist, als hätte die Natur ihre lange Pause beendet und mit neuem Schwung ein beeindruckendes Schauspiel geschaffen. Maria, glaub mir, so würden Dichter das heutige Deutschland beschreiben. Das kann man nicht ignorieren.“

Maria stand von ihrem Schemel auf, setzte sich auf Giovannis Schoß, umarmte ihn und küsste ihn sanft. Flüsternd sagte sie ihm ins Ohr: „Giovanni, ich würde so gerne mit dir und unseren Kindern aufbrechen. Doch sie sind noch so klein, und der Weg ist lang und beschwerlich. Dennoch wäre es unglaublich spannend, mehr über Deutschland zu erfahren.“

„Ich erzähle dir gerne mehr“, erwiderte Giovanni und fuhr fort: „Dörfer, die einst wie leere Hüllen wirkten, erwachen allmählich zu neuem Leben. Das Lachen von Kindern ertönt wieder in den Straßen, während die Bewohner ihre Häuser erneuern und ihre Gärten bepflanzen. Die Stimmung ist von stillem, doch entschlossenem Treiben geprägt. Die eingewanderten Bauern bestellen die Felder mit neuem Elan, und die ersten Ernten nähren die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Stabilität und Wohlstand. Maria! Dort hätten wir die Chance, eine neue Zukunft zu gestalten – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Kindeskinder.“

Liebster Giovanni“, sagte Maria und liebkoste ihn dabei. „Und wie willst du dort hinkommen – in dieses Land voller Überfluss und Müßiggang, wo Milch und Honig fließen und du brauchst dich nur zu bedienen?“

Giovanni verschränkte die Arme vor der Brust, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, während er Maria ansah. Sie saß ihm nun wieder gegenüber, doch ihr Blick glitt über ihn hinweg, hinaus ins Ungewisse. Er spürte die Spannung, die wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen hing. Die Stille war erdrückend, und er konnte das Pochen seines eigenen Herzens hören. Plötzlich machte er eine ausladende Geste, seine Stimme schoss durch den Raum, laut und scharf wie ein Pfeil: „Ihr Frauen seid immer so! Kritisiert alles, aber wenn es darauf ankommt, habt ihr keine Lösungen!“

Marias Lippen zuckten leicht, doch sie sagte nichts. Ihre Finger spielten nervös mit dem Saum ihres Pullovers, während sie weiterhin ins Leere starrte.

Giovanni holte tief Luft, als wollte er seine Standpauke fortsetzen. „Jedenfalls hat mir der Durchreisende das so berichtet“, fügte er nur hinzu, seine Stimme jetzt leicht drängend, als ob diese Information allein ausreichen müsste, um den Zweifel in Maria zu beseitigen.

Maria schwieg, während Giovanni sich zurücklehnte. In seinem Gesicht spiegelten sich jetzt deutlich Frustration und Traurigkeit wider. Er fragte sich, ob die Wahrheit jemals ausreichen würde, um ihr gegenseitiges Vertrauen wiederherzustellen. Plötzlich stand er auf, sein Hocker gab einen kurzen protestierenden Laut von sich. Mit einem festen Schritt ging er zur Tür, zögerte einen Moment, dann drehte er sich zu Maria um, die ihn jetzt lächelnd anschaute, als hätte sie längst gewusst, was folgen würde. Seine Stimme war dann sanft, als er sagte: „Maria, weißt du auch, dass ich dich unsagbar liebe?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er durch die Tür, hinterließ die Worte wie ein Echo, das noch lange im Raum nachhallte.

*

Die Welt war in Dunkelheit gehüllt. Draußen lag eine Stille, die bis in die entferntesten Winkel der Nacht vordrang und alles zu verschlingen schien. Doch in dem kleinen Haus herrschte eine angenehme, fast magische Ruhe. Die flackernde Flamme der Öllampe auf dem schlichten, hölzernen Tisch, an dem Giovanni saß, spendete ihr sanftes Licht. Es ließ die Schatten an den Wänden in einem bezaubernden Spiel aus Bewegung und Formen tanzen, erfüllte den Raum gleichzeitig mit einem feinen, dezenten Duft, der in seiner Art ein besonderes, fast ungeahntes Ambiente schuf. Es war das brennende Olivenöl in der Lampe, das diese warme und zugleich inspirierende Atmosphäre verströmte. Der raue Stoff seiner Kleidung verursachte ein leichtes Kratzen auf der Haut – ein wohlbekanntes Empfinden für Giovanni, das ihn auf eine unerklärliche Weise beruhigte und ihn sogar von seinen unablässig kreisenden Gedanken abzulenken vermochte. Seine Finger strichen unbewusst über die grobe Textur des Stoffes, als suchten sie Halt. Die Welt um ihn herum schien zu verschwimmen, eingehüllt in die Dichte seiner Überlegungen, während dieses einfache, physische Gefühl ihn sanft in der Realität verankerte. Vielleicht war es gerade dieser Kontrast, der Giovanni das Gefühl von Lebendigkeit vermittelte – eine harmonische Balance zwischen der Berührung des Hier und Jetzt und den Fragen, die in die Zukunft wiesen. Diese Fragen bewegten sich ständig: eine Zukunft voller Möglichkeiten, unerforschter Wege, herausfordernder Aufgaben und nicht zuletzt Risiken, die es zu bewältigen galt.

Es war dieser eine Moment vollkommener Stille, in dem die Flamme in einem gleichmäßigen und rhythmischen Tanz flackerte. Giovannis Gedanken schweiften weit in der Ferne, als er wie von einem Blitz getroffen von seinem Schemel aufsprang. Mit entschlossenem Schritt steuerte er auf eine unauffällige, beinahe verborgene Nische in der kalten, zerklüfteten Steinwand zu. Dort wusste er einen Beutel Tabak, den er erst vor wenigen Tagen von diesem Reisenden erstanden hatte. Seine Hände griffen fest danach, als hielte er den Schlüssel zu seiner Erlösung. Vorsichtig öffnete er das Päckchen, und ein intensives Aroma stieg ihm unmittelbar in die Nase. Jeder Handgriff war präzise, jede Bewegung voller Bedacht. Die sorgsam abgestimmte Mischung lag bereit. Mit ruhiger Hand zündete er sie an, verfolgte, wie der Rauch in sanften, kontrollierten Schwaden aufstieg. Er ließ ihn ziehen, atmete ihn ein, schmeckte jede Nuance, spürte die aufsteigende Wärme und wie sich die feinen Aromen langsam entfalteten. Nichts, auch keine Inhalation geschah gedankenlos. Es war ein Moment purer Achtsamkeit – ein Ritual, das den grauen Alltag für einen Augenblick vergessen ließ, getragen von Konzentration und stillem Genuss.

Die Welt um ihn herum schien sich schlagartig zu verändern, die Gedanken flossen klarer, intensiver, wie ein Fluss, der sich seinen Weg durch das Dickicht des Lebens bahnt. In diesem berauschten Zustand, in dem er sich plötzlich befand, war es, als ob etwas ihn wachrüttelt. Sein Blick wurde fest, seine Hände ballten sich, sein Atem wurde schwerer.

Giovanni Fontana rief mit einer Entschlossenheit in seiner Stimme seinen vier Wänden zu: „Die Zukunft ruft – ich bin bereit, meine Reise zu beginnen!“

Giovanni war sich absolut sicher, dass Maria seine Idee, nach Deutschland zu fliehen, befürworten würde. Und es gab auch keine andere Wahl. Der Dreißigjährige Krieg war zwar vorbei, doch die Wunden blieben lange offen. Wie oft stand er auf seinem geliebten Hof und spürte den schmerzenden Hunger in seinem Magen. Der ständige Druck, für seine Familie zu sorgen, ließ ihm keine Ruhe. Es war nicht nur der unstillbare Hunger, sondern auch die stets präsente Angst vor den Plünderern, die jederzeit zurückkehren konnten. Die Schreie und das Chaos der letzten Wochen schwebten noch in seinen Gedanken, als plötzlich Fremde auf seinem Hof erschienen, um zu rauben und zu verwüsten. Trauer und Wut tobten unverändert in ihm, wenn er seine Kinder betrachtete, die ahnungslos und unschuldig vor dem Haus spielten. „Wie lange kann ich sie noch beschützen?“, dachte Giovanni verzweifelt. Die Entscheidung war gefallen. Er musste fort, bevor die Angst ihn vollständig einnahm. Hastig packte er das Wenige, das ihm geblieben war, war sich im Klaren, was diese Flucht bedeutete, das Vertraute hinter sich zu lassen und sich auf eine Reise ins Ungewisse zu begeben, eine Reise voller Risiken. Giovanni wusste, dass sein Herz an diesem Hof zurückbleiben würde. Doch die Hoffnung auf eine sichere Zukunft trieb ihn an. Verzweifelt blickte er sich noch einmal in seinen vier Wänden um. Sein einziges Ziel war es, Schutz und eine neue Existenz zu finden – weit entfernt von dem, was er zurücklassen musste.

*

Der Morgen des 1. November 1648 brach langsam an, als die drei aufgeweckten Jungen zusammen mit ihrer älteren Schwester voller Neugier ihr Rustico verließen. Sie hatten ihre letzte Nacht darin verbracht. Die Wangen waren noch leicht gerötet vom Schlaf, doch ihre Augen strahlten vor Lebendigkeit.

Maria saß derweil noch immer still und unbewegt an ihrem gewohnten Platz am Fenster. Ihre Hände lagen im Schoß, die Finger leicht ineinander verschränkt, als suchten sie nach Halt. Ihre Augen wanderten durch den Raum und ruhten schließlich auf einem kunstvoll gerahmten Porträt, das geschmackvoll in einer Nische der Steinwand arrangiert war. Es zeigte das Gesicht eines Vorfahren Giovannis. Andere Relikte vergangener Zeiten flankierten es. Doch dieses Bildnis hatte es Maria besonders angetan. Sie steckte es unbemerkt unter ihre Bluse, bevor sie als Letzte der Fontanas das Rustico verließ. „Er wird uns Glück bringen“, sagte sie vor sich hin. Dann stand sie neben ihrem Mann und beobachtete ihn, wie er zielstrebig letzte Handgriffe verrichtete. Giovanni bemerkte das und erkannte auch ihre innere Unruhe. Er, der diese raue Alpenwelt nur zu gut kannte, verstand sie und wollte ihr diese Unruhe nehmen.

„Ich habe mich gründlich und sorgfältig auf die bevorstehende Reise vorbereitet“, sagte er mit überzeugendem, ruhigen Ton und einem selbstbewussten Lächeln, das seine tiefe Verbindung zu dieser ungezähmten, rauen Landschaft offenbarte. „Denn schließlich möchte ich meine Familie sicher und unversehrt nach Deutschland geleiten. Die Bergwelt der Tessiner Alpen kenne ich wie meine Westentasche – von so mancher Bärenjagd.“ Während er seine Ausrüstung überprüfte, verrieten präzise Bewegungen eine jahrelange Routine. Jedes Werkzeug, jede Karte, jeder Gegenstand hatte seinen festen Platz – nichts blieb dem Zufall überlassen. Seine Hände strichen geübt über die wetterfeste Kleidung und die scharf geschliffenen Wanderstöcke, die ihnen allen bereits treue Dienste in so mancher Herausforderung geleistet hatten. Der Geruch von ledernen Gurten, durchzogen von Bärenfett, lag in der kühlen Luft, während er die letzten Anpassungen an seinem Rucksack vornahm. Sein Blick schweifte in die Ferne, als wanderten seine Gedanken bereits über die Pfade und Gipfel, die sie erwarten würden. Dann wandte er sich an seine Familie, die ihm aufmerksam lauschte, und sprach mit fester Stimme: „Eine gute Vorbereitung ist das A und O. In den Alpen gibt es keine halben Sachen. Jeder Schritt, jeder Aufstieg und jeder Moment fordern Respekt, Ehrfurcht, und – nicht zu vergessen – eine Prise Abenteuerlust. Nur so können wir diese Reise als Familie antreten. Einer für alle, alle für einen! Habt ihr das verstanden?“ Das laute, übermütige „Ja!“ der Kinder hallte wider und wollte zwischen den Gipfeln der Berge scheinbar niemals verklingen. In dicken, handgewebten Wollkleidern und Pelzen, die sie vor den unerbittlichen Witterungen schützen sollten, und mit robusten Lederschuhen an den Füßen folgten sie ihren Eltern, Giovanni und Maria Fontana. Ein hölzerner Handwagen trug all ihre Habseligkeiten und alles, was sie für die Reise brauchten. Auf Rädern rollte er durch das flache Land. In den verschneiten Bergen waren Kufen vorgesehen. Kalte Luft kroch durch die Täler, während die Stille nur vom Geräusch der Flüchtenden und dem entfernten Ruf eines Raubvogels durchbrochen wurde.

Das hohe, vom Morgentau benetzte Gras hatte die Schuhe der noch müde wirkenden kleinen Gruppe dunkel gefärbt. In der Ferne, hinter einem Nebelschleier, der die umliegenden Berge nahezu unsichtbar machte, erwartete sie ein geheimnisvoll wirkender Wald. Der Nebel verhinderte einen tiefen Blick in den vor ihnen liegenden Kanton. Es wurden keine Worte gewechselt, doch die Blicke der Kinder – selbst die von Maria – verrieten eine gewisse Aufregung und Erwartung sowie einen Hauch von Abenteuerlust, die sie alle antrieb. In der Ferne war das leise Plätschern eines Baches zu hören, das wie eine beruhigende Melodie den stillen Morgen begleitete. Mit jedem Schritt wuchs die Neugierde auf das, was dieser Tag wohl bringen würde.

*

Der November des Jahres 1648 verlangte den Fontanas alles ab. Ein kalter Wind wehte durch die Täler, die Berge des Verzascatals hüllten sich in Nebel und der Boden war nach den ersten Nächten unter null Grad feucht und frostig.

Giovanni erwies sich als guter Reiseleiter für seine Familie. Er weckte ihre Wissbegierde, indem er ihnen alles ausführlich erklärte: „Unsere Reise führt uns mitten hinein in diese raue Gebirgswelt. Wir werden die Alpenlandschaft zu Fuß passieren, durch dichte Wälder, vorbei an schroffen Felsen und über verschneite Bergpässe“, begann er. „Der Weg ist geprägt von steilen Anstiegen und rutschigen Abstiegen. Die Route könnte uns über den Gotthardpass oder den Lukmanierpass führen, je nachdem, welche Bedingungen das Wetter zulässt. Von dort windet sich der Weg in Richtung Norden, bis wir schließlich die Grenze zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erreicht haben. Die Distanz beträgt rund 200 bis 250 Kilometer – abhängig von der gewählten Strecke und den Umwegen, die wir aufgrund von Höhenlagen, Flüssen oder unpassierbaren Wegen in Kauf nehmen müssen. Der erste Ort hinter der deutschen Grenze könnte Waldshut-Tiengen sein, eine befestigte Stadt am Hochrhein. Doch bevor wir dort ankommen, liegt eine beschwerliche Route mit schlammigen Pfaden und eiskalten Flüssen ohne Brücken vor uns.“

*

Ständig auf der Suche nach Nahrung und Schutz vor den Naturgewalten litten sie unter der Kälte. Ihre Zehen und Finger schmerzten, während ihre Füße in den mittlerweile durchnässten Lederschuhen schwer wurden. Jeder Atemzug schnitt ihnen wie ein Messer in die Lunge.

Der November zeigte keine Gnade, doch die Aussicht auf eine warme Stube und einen sicheren Hafen spornten die Fontanas an, Schritt für Schritt bis nach Disentis/Mustér weiterzugehen – ihrem ersten Ziel. „Dort wohnt mein Jagdfreund Gotthold Schmedt“, sagte Giovanni. „Mit dem habe ich schon viele Bären gejagt. Bei ihm werden wir uns einen Tag lang ausruhen und für die weitere Reise stärken.“

Der Jagdfreund Schmedt interessierte den kleinen Luca weniger, als er fragte: Papa, warum hast du Bären gejagt? Bären sind doch schneller als du.“

„Ja, natürlich, mein Kind“, Bären sind schneller als ich. Ich bin aber nicht mit den Bären um die Wette gelaufen, sondern habe sie erlegt – manchmal nur mit dieser Armbrust hier. Die Bärenjagd war für Mama, mich und euch Kinder von enormer Wichtigkeit, denn sie hat uns am Leben erhalten. Unser Ziel war es, uns und das Vieh zu schützen und sicherzustellen, dass die Familie für längere Zeit genug Fleisch hat. Und das war viel mehr als nur ein Schaf. Jetzt, während unserer Reise durch den Winter, würde uns ein erlegter Bär auch weiter helfen. Die Beeren, Kräuter und das Hammelfleisch sind bald aufgebraucht. Schau dir mal deine Kleidung an! Die hat deine Mama aus Bärenfell zusammengenäht. Da bräuchten wir auch wieder mal etwas Neues. Luca, verstehst du das? Aus seinen Knochen habe ich Werkzeuge und Pfeilspitzen hergestellt, um mich mit großem Mut den mächtigen Tieren stellen zu können.“

Lucas Aufmerksamkeit galt längst nicht mehr den Worten seines Vaters, als er fragte: „Brummt dort im dichten Gebüsch etwa ein Bär?“

In diesem Moment war Giovannis Beschützerinstinkt bereits erwacht. „Ja, es ist tatsächlich ein Bär“, antwortete er kaum hörbar, während er die Muskete, die er zuvor an einen Baum gelehnt hatte, fest umschloss. Das kalte Metall war ihm vertraut und vermittelte ihm in dieser Situation ein beruhigendes Gefühl. „Sollte sich der Bär zeigen“, beruhigte er seinen kleinen Sohn, „dann werde ich ihn schon erledigen und ihm das Fell gerben.“

Langsam zog die Abenddämmerung in die Nacht hinein. An diesem ungemütlichen Novemberabend war der Himmel von dichten Wolken verhangen und feine Schneeflocken schwebten durch die kalte Winterluft. Giovanni saß mit seiner Frau und den drei Kindern vor dem wärmenden Feuer in der Nähe einer Höhle, die er für die Nacht als Unterschlupf gewählt hatte. Die Flammen tanzten, hüllten ihre Gesichter in sanftes, flackerndes Licht und erfüllten die nächtliche Stille mit ihrem Knistern.

Kälte durchdrang die Kleidung und ließ die kleine Familie näher zusammenrücken. Inmitten der nächtlichen Stille durchbrach schließlich der Bär, dessen Präsenz bereits durch sein Verhalten zu erkennen gewesen war, das Dickicht am Rande der Lichtung. Es handelte sich um einen imposanten Braunbären. Sein Fell schien dunkel und struppig, und er wirkte hungrig – „Oder“, überlegte Giovanni: „Haben wir ihm seine Behausung geraubt? Auch gut!”, rief er dem Bären zu, sprang auf und hielt mit festem Griff das Gewehr. Sein Herz pochte in der Brust. Der Bär – vielleicht von seinem Hunger geleitet, oder wollte er nur seine Behausung verteidigen? – ignorierte die Situation und näherte sich weiter der Höhle.

Giovanni atmete tief durch und dachte an die Worte seines Vaters: „Sei mutig und treu, wenn das Unvorhergesehene kommt.“ Seine Kinder standen weiter hinten in der sicheren Umarmung ihrer Mutter. Sie hielt sie dicht bei sich, ihr Herz klopfte vor Angst, doch sie wusste, dass Giovanni alles tun würde, um sie zu beschützen. In diesem entscheidenden Moment war die Verbindung der Familie stärker als je zuvor. Maria sprach beruhigende Worte: „Vertraut mir, alles wird gut“, während sie ihre Kinder in den sicheren inneren Raum der Höhle brachte, den nicht nur die Jagd schon lange für sich entdeckt hatte.

Giovanni beobachtete den Bären im Schein des Lagerfeuers mit gebannter Aufmerksamkeit. Zunächst löste er nur die Armbrust aus. Der Bär hielt abrupt inne und erstarrte für einen Moment. Seine mächtigen, muskulösen Beine, die ihn so oft durch den dichten Wald der Berge getragen hatten, zitterten nun leicht. In seinen Augen blitzte es auf, während Schmerz und Verwirrung zu einem unheilvollen Mix zu verschmelzen schienen. Der Bär schnüffelte in der Luft, sein großes Maul öffnete sich geräuschvoll. Langsam drehte er den Kopf, um die Quelle des Schützen auszumachen. Dann, als hätte er einen Entschluss gefasst, zog er seinen schweren, pelzigen Körper nach vorne. Seine Schritte waren unkoordiniert, jede Bewegung schien angestrengt und jeder Schritt schien ihn zu schmerzen. Je näher der Bär Giovanni kam, desto deutlicher traten aggressive Reaktionen in seinem Ausdruck hervor. Ein tiefes Grollen und das Zähnefletschen verrieten seine Nervosität, als wolle er sagen: „Komm nicht näher!“ Obwohl er geschwächt war, blieb sein Überlebensinstinkt stark. In diesem Moment war er jedoch nicht mehr der König des Waldes, sondern ein verwundetes Geschöpf, das verzweifelt versuchte, seine Haut zu verteidigen.

In Gedanken bei seiner Familie, die sich im Dunkel der Höhle versteckte, legte Giovanni die Muskete an die Schulter. Er war bereit, das Tier nun zu erlösen. Der Rauch der brennenden Zündung stieg auf, und der Bär, erschrocken von dem donnernden Knall, blieb abrupt stehen. Doch schon bald bewegte er sich weiter, seine tolpatschigen Schritte kaum zu überhören. Offenbar hatte Giovanni ihn getroffen. Die massive Gestalt des Bären schälte sich wie ein Schatten aus der Pulverwolke, und sein Stöhnen war nun aus unmittelbarer Nähe zu vernehmen.

Der Bär wollte sich Giovanni entgegenwerfen, doch ein weiterer ohrenbetäubender Knall durchbrach die Stille der Nacht. Der dumpfe Aufprall des Bären auf dem Boden kündete vom Sieg des Jägers. Viele Jagden zuvor hatten Giovanni gelehrt, dass der richtige Moment entscheidend war. Jetzt kniete er sich neben das massige Tier, dessen Fell im Abendlicht schimmerte, und schmückte es mit Tannenzweigen. Erst danach begannen seine Hände geschickt zu arbeiten. Währenddessen dachte er an seine Familie, die mit diesem erlegten Bären gut durch die bevorstehenden Strapazen kommen würde.

Die Jagd und das Zerlegen des Bären waren nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein wesentlicher Lebensbestandteil, der die Verbindung zwischen Mensch und Natur vertiefte. Mit jedem Schnitt, den Giovanni vornahm, war ihm klar, dass es sich dabei um den Kreislauf des Lebens handelte.

Seine Frau beobachtete ihn aus nächster Nähe, während die Kinder etwas Distanz hielten. Sie war stolz auf ihren Mann, der ohne Zögern seine Pflicht erfüllte. In der rauen Einsamkeit der Alpen bewies er nicht nur seine Stärke, sondern auch die tiefe Verbundenheit zur Familie. Neben seiner Entschlossenheit, die Familie zu schützen, zeigte Giovanni eine bemerkenswerte Empathie. In diesem stillen Moment sprach er liebevoll mit seinen Kindern über die Wunder der Natur. Die anfängliche Angst hatten sie überwunden. Er erzählte ihnen Geschichten über die Tiere in der Umgebung und die Traditionen seiner Vorfahren. Diese Geschichten schufen Erinnerungen und eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, die die Kinder in ihrer Identität stärken sollten.

Der Wintertag neigte sich dem Ende zu und während die Dunkelheit die letzten Stunden des Tages umhüllte, verbreitete sich der verführerische Duft von gebratenem Bärenfleisch in der kalten Luft. Dieses Geschenk der Natur wurde mit höchstem Respekt entgegengenommen.

*

Giovanni Fontana zog mit seiner Frau Maria und ihren drei Kindern durch die herausfordernden Landschaften Graubündens. Disentis/Mustér ist nicht mehr weit!“ rief er schließlich, um seine Familie zu motivieren und sie für die letzten Kilometer zu seinem Jagdfreund Schmedt anzuspornen. Er bemerkte, dass sie bereits resigniert waren und nur noch schweigend hinter ihm her trotteten.

Während der Sommermonate wäre diese Reise weniger problematisch gewesen, doch da sich das Jahr dem Ende zuneigte, wurde die Situation zunehmend herausfordernder. Selbst die schneebedeckten Gipfel, die majestätisch in die Höhe ragten und den Himmel zu berühren schienen, konnten daran nichts ändern. An diesem klaren Wintertag wehten die eisigen Winde so stark, dass sie jeden Blick zum Himmel verwehrten.

Der Schnee knirschte unter den vorsichtig gesetzten Füßen, und jeder Schritt erforderte höchste Aufmerksamkeit. Die Herausforderungen waren allgegenwärtig.

Doch dann erklang der erlösende Ruf Giovannis: „Disentis/Mustér! Wir sind gleich bei Gotthold Schmedt.“ Voller Hoffnung rief er diese Worte in die kalte Winterluft. Sein Atem formte eine neblige Wolke, die ihnen den Weg zu ihrem rettenden Zwischenziel wies. In der Ferne zeichnete sich bereits die Silhouette des von imposanten Klostermauern geprägten Dorfes ab.

Die anfängliche Euphorie wich rasch, als sie von Gottholds Eltern empfangen wurden, die ihnen mitteilten, dass ihr Sohn bereits vor einigen Wochen nach Deutschland geflüchtet war. Inmitten der winterlichen Kälte und Enttäuschung tat die entgegengebrachte Gastfreundschaft dennoch gut. Die ältere Dame, die ihnen die Tür öffnete, schien ihre müden Gesichter zu bemerken und bot ihnen ein warmes Getränk an. „Kommen Sie, setzen Sie sich ans Feuer!”, sagte sie mit einem Lächeln, das die anfänglich frostige Atmosphäre ein wenig auflockerte. Zudem wurden ihnen frisch gebackenes Brot und heißer Tee serviert.

*

Dieser eine Ruhetag bei den Schmedts tat den Fontanas gut. In den nächsten Tagen kamen sie gut voran. Die Kinder sprangen durch den knirschenden Schnee, ließen ihre Stimmen freudig durch die eisige Luft hallen und zeigten voller Energie auf jedes Wunder, das die Umgebung bot. Ihre Augen funkelten wie kleine Sterne und die Gesichter waren rot von der Kälte. Von Müdigkeit oder Missmut war keine Spur mehr zu erkennen.

Die Kälte und die Anstrengungen schienen Giovanni und Maria nichts auszumachen – zumindest hatten die Kinder diesen Eindruck gewonnen. Es war, als würde trotz aller Unwägbarkeiten Freude aus ihnen herausstrahlen. Mit wachsamen Augen behielten sie den verworrenen und unberechenbaren Weg im Blick. Jeder Schritt war wohlüberlegt, denn die schwer begehbaren, schneebedeckten Pfade und das unvorhersehbare Wetter bargen ständig neue Gefahren und Schwierigkeiten. Doch nicht nur diese äußeren Risiken bereiteten dem entschlossenen Oberhaupt der kleinen Familie Sorgen.

Chiara, die Älteste der Kinder, hatte die Sorgen ihrer Eltern bemerkt. Mit ernstem, nachdenklichem Blick fragte sie ihren Vater: „Papa, warum ist unsere Reise so gefährlich? Liegt es an dem Krieg, von dem ihr gesprochen habt?” Offenbar hatte sie einige Wortfetzen aus der leisen, sorgenvollen Unterhaltung ihrer Eltern aufgefangen und konnte nun ihre Neugier nicht länger unterdrücken.

„Nein, mein Kind, dieser schreckliche Krieg, der so viel Leid und Kummer gebracht hat, ist nach 30 langen Jahren endlich vorbei. Frieden herrscht, und ich hoffe, dass uns nun eine bessere Zukunft bevorsteht. Chiara, du solltest jedoch wissen: Solange wir hier in der Schweiz sind, dürfen wir unter keinen Umständen entdeckt werden, denn unsere Ausreise ist strengstens untersagt. Hier oben in den Bergen, fernab von Hauptstraßen und Siedlungen, sind wir in Sicherheit. Doch wenn wir in ein paar Tagen in die Nähe der Grenze gelangen, müssen wir besonders wachsam sein. Dort besteht die Gefahr, dass wir in die Hände von Söldnertruppen geraten. Diese sind zwar eigentlich dazu da, uns vor Plünderungen zu schützen, kontrollieren jedoch auch Reisende, um ihnen die Ausreise zu verwehren. Unsere Reise darf auf keinen Fall in einem Kerker oder in Gefangenschaft enden. Deshalb müssen wir auf jeden Schritt und jede Bewegung achten.

*

Die Luft war kühl, feucht und schwer und scheinbar ihrer Last überdrüssig. Am Horizont türmten sich jetzt bedrohlich graue Wolken auf, ein untrügliches Zeichen für den nahenden Schneesturm. Ohne ein Wort zu verlieren, deutete Vater Fontana auf eine Höhle am Berghang. Er ließ die Leine des Schlitten fallen. „Lasst uns zur Ruhe kommen!“, sagte er, „hier rasten wir. Diese Höhle dort drüben im Berg wird uns vor dem kommenden Schneesturm schützen. Es war klar, was zu tun war.

Die kalte Luft schnitt scharf und der Wind pfiff durch die Bäume, während die ersten Schneeflocken die Himmelspforte bereits verließen. Mit einer Mischung aus Neugier und Aufregung schauten die Kinder zu ihrem Vater auf, der in Richtung der Höhle deutete. Seine Stimme klang fest und beruhigend zugleich, was ihnen ein Gefühl der Sicherheit gab. Ungeduldig warteten sie darauf, den Schlitten in Bewegung setzen zu dürfen. Beim Anfahren ächzte er, doch es waren nur noch wenige Meter bis zu ihrem Ziel, der Behausung für die kommende Nacht.

Es folgte eine Nacht, die von einer undurchdringlichen Dunkelheit geprägt war, die alles verschluckte und keine Lichtstrahlen durchließ. Kein Stern funkelte am Himmel und die Finsternis schien wie ein dichter, schwarzer Umhang, der alles verschlang. Bereits am Nachmittag hatten sich tief hängende Schneewolken wie eine Glocke über die Landschaft gelegt. Es schien, als warteten sie auf ein Zeichen des Himmels, um ihre Schleusen zu öffnen und die Welt mit einer frischen, weißen Decke zu überziehen.

Die Höhle war zwar nicht groß, bot jedoch einen geschützten Raum, in dem sie sich zusammenkuscheln konnten. Drinnen war es dank der Felsen, die den Wind abfingen, etwas wärmer. Der Geruch von frischem Schnee und feuchtem Gestein durchdrang die Luft in der Höhle. Vater Fontana zündete ein kleines Feuer an, das bald ein sanftes Licht und Wärme verbreitete. Die Kinder setzten sich dicht beieinander, ihre Atemwolken schwebten wie kleine Geister in der kühlen Luft. Die Dunkelheit um sie herum wurde vom Schein des wärmenden Feuers durchbrochen, während der Schneesturm jetzt bereits draußen wütete. Die Wände der Höhle schützten sie, und das Geräusch des windgepeitschten Schnees wurde zu einem beruhigenden Hintergrundrauschen.

„Vater, erzähl mir eine Geschichte!“, rief Luca, der Jüngste, während er sich an Chiara kuschelte. Vater Fontana lächelte und begann mit einer Geschichte über tapfere Abenteurer und geheimnisvolle Kreaturen, die im tiefen Schnee lebten. Die Kinder lauschten gebannt, ihre Augen leuchteten im flackernden Licht des Feuers. Draußen tobte der Sturm, aber drinnen fühlten sie sich sicher und geborgen.

Mit jedem Wort, das Vater Fontana sprach, schien die Höhle ein wenig lebendiger zu werden. Die Schatten tanzten an den Wänden, und die Vorstellungskraft der Kinder entführte sie in ferne Länder und aufregende Abenteuer. Die Zeit verging schnell, während der Schneesturm draußen tobte und sie drinnen in ihrer kleinen Welt gefangen waren, umgeben von der Wärme der Familie und der Magie der Geschichten.

Als die Erzählung endete, schauten die Kinder ihren Vater mit großen Augen an. „Das war die beste Geschichte aller Zeiten!“, rief der älteste Sohn begeistert. Vater Fontana lächelte, sein Herz war voller Freude. Er wusste, dass diese Momente, in denen sie zusammen waren, unbezahlbar waren. Der Schneesturm konnte draußen toben, aber hier in der Höhle, umgeben von seiner Familie, war alles, was zählte, die Liebe und die Geborgenheit, die sie teilten.

„Es ist das letzte Mehl, das ich dem mitgenommenen Proviant vom Schlitten entnehmen konnte“, fiel Maria in die Unterhaltung ein, während sie es in die Schüssel goss. Der feine Staub wirbelte auf und vermischte sich mit der rauchigen Luft, die von dem Feuer aufstieg. Sie wusste, dass sie kreativ sein mussten, um das Beste aus dem Wenigen zu machen, was sie hatten. In diesem Moment, umgeben von der Stille der Nacht und dem Knistern des Feuers, wurde ihr wieder einmal klar, dass die Herausforderung, die vor ihnen lag, groß war.

Bald erfüllte der Duft von gegrilltem Bärenfleisch und frisch gebackenem Brot die kühle Höhle. Der Geruch von würzigem Fleisch, das über dem Feuer brutzelte, mischte sich mit der süßen Note des Brotes und ließ das Wasser im Mund zusammenlaufen.

*

Es war Silvester im Jahr 1648, als Giovanni und Maria mit ihren drei Kindern Luca, Chiara und Matteo das Grenzgebiet der Schweiz erreichten. Nun wäre es nur ein Katzensprung gewesen, ihr Heimatland in Richtung Deutschland zu verlassen – wenn sie dies ungehindert hätten tun können. Doch dieser Schritt war nicht legal möglich. Die Schweizer Behörden waren bestrebt, solche Pläne zu durchkreuzen.

*

Der Schnee knirschte unter den Füßen der kleinen Flüchtlingsgruppe und die kalte Luft durchdrang ihre Lungen. Sie verursachte einen stechenden Schmerz. Ihre Herzen schlugen schnell, nicht nur wegen der Kälte, sondern auch aus Angst vor den Gendarmen, die ihnen dicht auf den Fersen waren. Die Familie hatte alles hinter sich gelassen – ihr Zuhause, ihre Freunde, ihr Leben. Sie hatten nur das Nötigste gepackt, in der Hoffnung, in Deutschland ein neues Leben beginnen zu können. An der Grenze zu Deutschland sollte nun nicht alles umsonst gewesen sein. Giovanni versuchte alles dafür zu tun, genau wie Maria, die die Hände ihrer Kinder festhielt, um sie zusammenzuhalten.

Plötzlich, in einem Moment der Unachtsamkeit, löste sich Luca, der Kleinste, aus der Hand seiner Mutter und rutschte auf dem glitschigen Eis aus. Ungebremmst glitt er in den kalten Fluss.

Ein Schrei entfuhr Marias Lippen, als sie sah, wie ihr Sohn unter Wasser verschwand. Giovanni reagierte blitzschnell. Entschlossen sprang er in den Fluss und tauchte in die eisigen Fluten. Die Kälte konnte ihn nicht aufhalten. Sein unerschütterlicher Wille und Marias panische Angst trieben ihn an. Er packte Luca, der tapfer im Wasser kämpfte, und zog ihn an die Oberfläche. Luca hustete und zitterte, aber er war am Leben! Giovanni schloss ihn voller Inbrunst in seine starken Arme. Vater und Sohn waren bereits von trockenen Bärenfellen umhüllt.

*

Die Gendarmen kamen den Fontanas immer näher und der Druck, sich zu verstecken, wurde mit jedem Schritt größer. In letzter Sekunde fanden sie Zuflucht hinter einem dichten, schützenden Gebüsch und es dauerte auch nicht lange, da huschten im kalten Mondschein die Schatten der Gendarmen über den glitzernden Schnee. Geschafft, dachte Giovanni, doch dann bekam Luca einen heftigen Hustenanfall. Das hörten die Grenzkontrolleure, deren heißen Atem Giovanni fast schon im Nacken spürte. Er wusste sich keinen anderen Rat, als das laute Gebrüll eines Braunbären zu imitieren. Außerdem waren laute, keuchende Geräusche zu hören. Es war Luca, der seinen Husten nicht zurückhalten konnte. Seine unterdrückte Stimme klang wie das Geräusch von Jungtieren durch den Wald. Die in der Nähe befindlichen Söldner hielten abrupt inne. Ihre Blicke wanderten suchend und nervös durch das Geäst, die Gesichter angespannt. Man konnte förmlich sehen, wie sich in ihren Köpfen eine beunruhigende Theorie formte. Einer rief laut: „Eine Bärin mit ihren Jungen“. Kein gewagter Schritt, keine mutige Konfrontation kam mehr von ihnen – der vermeintliche Gedanke an die Gefahr ließ sie zögern und zurückschrecken. Im Schein der Fackeln entfernten sich die Männer schneller, als man es fassen konnte. Ihre Bewegungen waren hektisch und panisch. An eine weitere Patrouille schienen sie keinen Gedanken zu verschwenden. Sie wechselten kein Wort, doch der Ausdruck in ihren Gesichtern und ihre Gestik sprachen Bände: Blicke, die von purer Angst zeugten. Es war, als würden sie von einer unsichtbaren, übermächtigen Kraft fortgetrieben, die sie nicht benennen konnten und die ihnen diese Angst einjagte.

Ihre hastigen Schritte hinterließen eigenartige Spuren im Schnee, die so chaotisch wirkten wie ihre Flucht selbst. Kein Wort wurde gesprochen, doch alles war klar: Sie hatten genug gesehen und gehört und wollten nur noch weg, weit weg von diesem Ort.

„Es dauert nicht mehr lange, dann sind wir in Sicherheit“, ermunterte Giovanni seine Familie, in den Armen hielt er den kleinen Luca.

Im Schutz der Nacht bewegten sich die Fontanas vorsichtig durch das unwegsame Gelände. Jeder knackende Ast ließ sie zusammenzucken und als in der Ferne Lichter flackerten, stockte ihnen der Atem. Es waren deutsche Soldaten, die sie umringten. Giovanni konnte ihnen mit Luca in den Armen das Anliegen seiner Familie glaubhaft vermitteln. Den Soldaten war sofort klar, dass von ihnen keine Gefahr ausging, und sie entschuldigten sich für ihr militärisches Auftreten. „Wir haben die Aufgabe, die Grenzen des Heiligen Römischen Reiches zu sichern und die Bewegungen von Truppen zu überwachen”, erklärte ein Soldat Giovanni. „Ihr könnt aber weiterziehen“, sagte er freundlich und fügte hinzu: „Sagt, guter Mann, wisst Ihr, ob wir schon das neue Jahr erreicht haben?“

„Ich bin mir sicher, dass wir uns gerade in der Zeit des Jahreswechsels befinden. Möglicherweise feiern wir heute bereits Silvester“, sagte Giovanni überzeugend.

Dann verabschiedeten sich die ungleichen Gesprächspartner freundlich voneinander. Begleitet von einem Schuss aus einer Muskete – die Soldaten leiteten damit ihre Feier zum Jahreswechsel ein – zog die kleine Familie ihrer Wege.

„Und woher weißt du so genau, dass heute Silvester sein könnte?“, wollte Maria wissen.

„Es ist der Sirius, der es mir verrät.“ Sieh dort den hellen Stern am Himmel. Er ist an dieser Stelle zu dieser Zeit ein Zeichen dafür“, klärte Giovanni seine Familie auf. Dann machte er auf ein weiteres Licht aufmerksam: „Seht dort drüben – in diesem einsamen Haus brennt noch Licht. Die Leute sind bestimmt noch wach und feiern den Jahreswechsel. Dort gehen wir hin. Luca muss auch schnellstens versorgt werden.“ Luca, in Felle gewickelt, hatte längst in den Armen seines Vaters seinen Schlaf gefunden.

*

Giovanni klopfte mehrmals mit der Faust gegen die schwere Eingangstür des Hauses, in der Hoffnung, Hilfe zu erhalten – insbesondere für Luca. Es gab keine Reaktion aus dem Hausinneren. „Es ist halt nicht wie unser Rustici“, erklärte Giovanni und rechtfertigte damit das lange Warten. „Hier gibt es zwei oder drei Zimmer mehr. Wenn Sie feiern möchten, zum Beispiel Silvester, dann gehen Sie einfach zwei Zimmer weiter. Dann hören Sie nicht gleich jedes Klopfen. So ist es halt in Deutschland.“ Gerade als Giovanni zum nächsten Klopfen ansetzen wollte, erschien plötzlich ein freundlicher Mann mit einem Lächeln im Gesicht in der Tür. Er erkannte sofort die missliche Lage der Gäste, bat sie einzutreten und sich ein wenig auszuruhen. Offensichtlich war es seine Frau, die sie im Wohnraum empfing und sich rührend um sie sorgte.

„Wir haben hier eine kleine Herberge“, sagte sie, „aber heute, zum Jahreswechsel, sind keine Gäste im Haus. Wenn sie möchten, dürfen sie bei uns übernachten.“

„Es wäre mir eine Freude,“ erwiderte Giovanni. Dann stellte er sich Maria, Chiara, Matteo und Luca vor und erwähnte dabei, dass Luca kurz vor der Grenze in einen kalten Fluss gefallen war.

Der Kleine zitterte vor Kälte und seine Lippen waren bläulich verfärbt. Die freundliche Frau reagierte schnell. Die Besorgnis in ihren Augen sprach Bände. Sie wusste, wie wichtig es war, jetzt schnell zu handeln, denn Luca ruhte immer noch erschöpft und mit fiebriger Stirn in den Armen seines Vaters. Sie griff den Kleinen, wickelte ihn in warme Decken und versorgte ihn mit heißem Tee, um ihn von innen zu wärmen. Der erste Schluck des beruhigenden Getränks wirkte wie Balsam, die Wärme kehrte in seinen Körper zurück. Ein Duft von Kräutertee erfüllte den Raum.

Luca wurde in dicke Wollsachen eingekleidet, seine Wangen bekamen wieder Farbe, und ein Lächeln zeigte sich auf seinem Gesicht. Er fühlte sich wohl, die Energie kehrte zurück, und mit jedem Atemzug zeigte er sich lebendiger. Bald folgte er seinen Geschwistern, die schon lange in einem warmen Bett den Jahreswechsel verschliefen.

„Haben wir ihn schon?“, erkundigte sich der Hausherr, während seine Frau und Maria sich in der Küche um die Zubereitung kulinarischer Köstlichkeiten kümmerten.

„Wenn Sie den Jahreswechsel meinen“, entgegnete Giovanni, „dann bin ich mir sicher, dass wir uns bereits im Jahr 1649 befinden. Am 21. Dezember hatte ich die Gelegenheit, den Sirius zu beobachten. Zu dieser Zeit ist er in der Nacht gut sichtbar und erreicht seinen höchsten Punkt am Firmament. Dies markiert den Beginn der Wintersaison. Ich konnte den Jahreswechsel präzise bestimmen, weil ich den Stern in den letzten zehn Tagen sehr genau beobachtet und seine Bewegung analysiert habe. Es besteht die Möglichkeit, dass sich das Geschehen in der letzten Stunde zugetragen hat.

Der Hausherr stand auf, ging mit entschlossenen Schritten ans andere Ende des geräumigen Zimmers und zog mit einer eleganten Bewegung einen schweren Vorhang beiseite. Er nahm einen Korb, füllte ihn mit verschiedenen Flaschen und stellte ihn an den offenen Kamin, wo die Flammen sanft loderten. Das gleiche Ritual vollzog er mit einem Fässchen Bier.

„So!“, sagte er mit einem breiten Lächeln. „Jetzt wird's gemütlich und feierlich. Ich bin Franz-Carl, und meine Frau, die gerade mit Maria aus der Küche kam, ist die wunderbare Elisabeth. Giovanni, Maria, wir wollen den Jahreswechsel gebührend und mit Freude feiern. Das haben wir alle wahrlich verdient. Auf die Gesundheit meiner Freunde und die Freude des Lebens! Möge jeder Schluck uns näher zusammenbringen und die Sorgen des Alltags vertreiben.“

Elisabeth und Maria hatten mit viel Sorgfalt und Liebe eine köstliche Auswahl an Speisen zubereitet. Sauerkraut, Wurst und frisch gebackenes, noch warmes Brot hatten sie auf einem einladenden Serviertisch arrangiert. Auf dem Herd schmorte in der Pfanne zartes Bärenfleisch, dessen verführerischer Duft den Raum erfüllte. Mit spritzigem Apfelmost und selbst gebrautem, schaumigem Bier wurde angestoßen und das köstliche Essensangebot in Anspruch genommen. Dann wurde das Feuer im Kamin ordentlich geschürt, sodass es hell und gemütlich im Raum leuchtete und eine wohlige Atmosphäre verbreitete. Doch Maria und Giovanni waren zu müde, um mit ihren Gastgebern bis zum Neujahrsmorgen ausgelassen zu feiern und zu tanzen. Elisabeth bekam das mit und sprach ihnen ihr volles Verständnis dafür aus, dass sie sich zurückziehen und eine wohlverdiente Pause einlegen wollten.

Aber einen Gefallen müsst ihr Franz-Carl tun – solange munter bleiben, bis er sein wunderschönes Alpenlied vorgeführt hat – und wer weiß?“ Und da war der gute Franz-Carl schon voller Elan unterwegs, holte eine Zither und eine Drehleier und begann sein Alpenlied, das die atemberaubende Schönheit der Berge und das einfache Leben der Menschen in den Alpen thematisiert, vorzutragen. Begleitet hatten er und seine Frau es mit ihren liebevoll gespielten Instrumenten. Sie schafften es sogar, Maria und Giovanni zum fröhlichen Tanz zu animieren.

So schnell wollte Elisabeth ihre Gäste nun nicht mehr verabschieden, und sie fragte von Neugier und Plänen geplagt:

„Was hat euch zu dieser mühsamen Reise nach Deutschland bewogen? Eurem Dialekt nach zu urteilen, scheint ihr bereits eine lange und beschwerliche Strecke hinter euch zu haben. Ihr sprecht alle italienisch, aber nicht so gut Deutsch, außer Giovanni. Woher kommt ihr und welches Ziel verfolgt ihr auf eurer Reise? Erzählt mir mehr, ich bin wirklich gespannt.“

„Wir kommen aus dem Verzascatal im Tessin“, antwortete Giovanni. „Wenn ihr die schönste Landschaft der Welt sehen wollt, müsst ihr dorthin gehen.“ Mit seiner atemberaubenden Natur, den smaragdgrünen Wassern der Verzasca, die in der Sonne glitzern, und den charmanten, historischen Dörfern mit ihren Steinhäusern ist es ein Ort, der die Herzen höher schlagen lässt. Besonders beeindruckend ist die berühmte Ponte dei Salti, eine uralte Steinbrücke, die einen Blick wie aus dem Bilderbuch über den Fluss bietet. Dieser schlängelt sich wie ein grünes Band durch das Tal. Aber im Tessin ist das Leben sehr beschwerlich, gerade für Familien wie unsere. Aus diesem Grund wollen wir uns in Deutschland nach einem Bauernhof umsehen, um dort eine neue Heimat zu finden und ein einfacheres, aber sicheres Leben zu führen.“

Elisabeth zeigte nicht nur tiefes Mitgefühl, sondern auch ein bemerkenswertes Gespür für praktische Ratschläge. Überzeugt erklärte sie: „Ich habe von einem faszinierenden Ort in Deutschland gehört, an dem die Möglichkeiten für einen fleißigen und engagierten Bauern kaum besser sein könnten. Die Region ist von fruchtbaren, ertragreichen Feldern umgeben und die Menschen dort schätzen ihr Land sehr.“

Sie brauchte nicht viele Worte, um die Landschaft zu beschreiben, doch allein ihr Leuchten in den Augen verriet, wie sehr sie von der Schönheit und den Möglichkeiten dieses Ortes überzeugt war. Ihre Erzählung malte das Bild einer Region, die ertragreiche Ernten und ein Leben in Harmonie mit der Natur verspricht.

„Erzählen sie weiter!“, forderte Giovanni Elisabeth auf. „Wie heißt die Region?“

Sie tat das gern, kam so richtig ins Schwärmen:

Während des Krieges von 1618 bis 1648 spielte die Region Lausitz eine strategisch bedeutende Rolle. Als Teil der Böhmischen Krone, bekannt auch als „Markgrafschaft Niederlausitz“, geriet sie durch ihre Lage zwischen Sachsen, Schlesien und Böhmen früh in den Strudel der kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Region wurde Schauplatz zahlreicher Gefechte und litt enorm unter Plünderungen, Zerstörungen und der wirtschaftlichen Not, die der lang andauernde Konflikt mit sich brachte. Ihre strategische Bedeutung lag nicht nur in der geografischen Lage, sondern auch in ihrer Funktion als Verbindungsroute und Versorgungsstrecke für die kämpfenden Parteien. Im Jahr 1635 wurde die Lausitz im Rahmen des Prager Friedens ein Teil von Kursachsen. Diese Vereinbarung beendete den Dreißigjährigen Krieg zumindest teilweise und führte zur Abtretung der Ober- und Niederlausitz durch das Königreich Böhmen an das Kurfürstentum Sachsen. Diese territoriale Neuordnung stärkte die Machtposition Kursachsens und hinterließ einen prägenden Einfluss auf die Geschichte der Region. Doch die Spuren der Zerstörung waren allgegenwärtig: Verlassene Gemeinden, verwilderte Felder und eine drastisch dezimierte Bevölkerung zeugten von den massiven Verlusten. Trotzdem erwachte die Lausitz langsam zu neuem Leben. Wanderarbeiter und Migranten aus anderen Teilen Europas strömten herbei und begannen, die Region wiederaufzubauen. Sie übernahmen verlassene Höfe, kultivierten das brachliegende Land und brachten neue Kenntnisse, Technologien und Traditionen mit, die das landwirtschaftliche Leben bereicherten. Durch ihre harte Arbeit füllten sich nicht nur die Kornspeicher, sondern auch die Dörfer wurden wiederbelebt. Märkte entwickelten sich erneut zu wichtigen Treffpunkten, die den Menschen Hoffnung und die Grundlage für eine positive Zukunft boten.“

„Woher wissen sie das alles?“, wollte Giovanni am Ende des langen Gesprächs neugierig und ein wenig erstaunt wissen, da ihm diese Geschichten doch sehr fremd vorkamen. Er hatte zwar einst von einem Durchreisenden im Tessin einiges vom neuen Deutschland gehört, aber dieses wissen hatte der nicht.

Ich habe einen Sohn, der im Krieg in Dragosow hängen geblieben ist“, erklärte Elisabeth Lehmann. „Ab und zu kommt ein Gruß mit der Postkutsche von ihm an. Es ist zwar selten, aber er schickt uns manchmal ein Lebenszeichen,“ sagte sie mit einem Hauch von Melancholie in der Stimme.

Die Tage vergingen, und die Familie erholte sich allmählich. Giovanni und Maria beobachteten, wie ihre Kinder wieder zu Kräften kamen, wie sie spielend in der Nähe des Feuers weilten, während sie den Geschichten der freundlichen Menschen um sie herum lauschten. Die Wärme der neuen Umgebung war ein willkommener Kontrast zu den Herausforderungen, die sie hinter sich gelassen hatten.

Als im Frühjahr die ersten Blumen zu blühen begannen und die Vögel wieder zu singen anfingen, war die Familie bereit, ihre Reise fortzusetzen. Ihr Ziel war das kleine Dorf in der Lausitz, von dem Elisabeth erzählt hatte und in dem sie hofften, ein neues Zuhause zu finden. Sie wollten unbedingt rechtzeitig ankommen, bevor vieles vielleicht vergeben war oder es am Ende gar nichts mehr zu holen gab.

Die große Reise durch Deutschland konnte beginnen. Giovanni und seine Familie bedankten sich herzlich bei Elisabeth und Franz-Carl für ihre großzügige Gastfreundschaft, dann verabschiedeten sie sich endgültig, mit dem Versprechen, die Grüße an Lehmanns Sohn auszurichten und das mitgegebene Päckchen ihm zu überreichen.

„Er heißt Carl Lehmann! Vergesst es nicht!“, rief Elisabeth ihnen hinterher, als der Handwagen schon ins Rollen kam. „Ach, ja, da fällt mir ein, dass ungefähr vor einem viertel Jahr eine Familie aus der Schweiz mit dem Namen Schmedt auch bei uns Quartier suchte. Diesen Leuten hatte ich auch das Dorf Dragosow wärmstens empfohlen, und ihnen hatte ich auch ein Päckchen für meinen Sohn mitgegeben. Ihr werdet es erfahren, ob es angekommen ist.“

Giovanni stoppte seinen Handwagen wieder. „Weißt du noch, wie dieser Schmedt mit Vornamen hieß, Elisabeth?“

„Nein, das fällt mir nicht mehr ein. Es war ein sehr dominanter Name.“

„Hieß er vielleicht Gotthold?“

„Ja, so hieß er, Gotthold hieß er.“

„Danke!“, rief Giovanni den Lehmanns zu. Jetzt hatte er es besonders eilig.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Frontmann

Wilde Zeiten - große Gefühle

Zum Inhalt:

Frontmann – Wilde Zeiten, große Gefühle

Die Verbindung zwischen Musik und Liebe ist so alt wie die Menschheit selbst. Zusammen vereint sie zwei der kraftvollsten Energien des Lebens. Hier verschmelzen Herzklopfen und Harmonie, Inspiration und intime Augenblicke. Ob es die verstohlenen Blicke zwischen Bühne und Publikum sind oder die leidenschaftlichen, turbulenten Momente hinter den Kulissen – es sind Gefühle, die sich kaum in Worte fassen lassen.

Erleben Sie die einzigartige Symbiose von Liebe und Musik und lassen Sie sich von der Magie mitreißen, die entsteht, wenn zwei Herzen im gleichen Takt schlagen.

Dieser Roman offenbart in jeder Phase seinen eigenen Zauber – eine facettenreiche Reise durch das Leben und die Leidenschaft eines jeden Musikers.

"Frontmann" - Leseprobe - Ausschnitt: Intermezzo mit Anne

„Du bist also unser neuer Kollege?“, fragte sie neugierig.

„Ja“, antwortete Max knapp.

„Ich bin Anne“, stellte sie sich vor, „Mädchen für alles hier in der Betonbude – auch zuständig für die Einkleidung. Junge, du bist ja völlig durchgeschwitzt! Kein Wunder, der Weg hierher ist beschwerlich. Ich weiß, dass du vom Gut oben kommst. Ich selbst komme aus Steinersburg, wohne aber hier im Arbeiterwohnheim. Übrigens, da wäre noch ein Zimmer frei, falls du Interesse hast. Bevor du dich jedoch in die neuen Arbeitssachen schwingst, kannst du erstmal duschen – wenn du möchtest.“

„Duschen?“, fragte Max erstaunt. Eine Dusche hatte er bis dahin nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen – damals im Kinderferienlager. Er erinnerte sich, wie die gesamte Kindergruppe, Jungen und Mädchen gemeinsam, nackt unter dem warmen Strahl eines Duschkopfes herumtollte.

„Wo habt ihr hier eine Dusche?“, fragte er skeptisch.

Anne deutete auf eine abseits stehende Wassertonne, die zwischen zwei Betonsäulen passgenau eingesetzt war. Von der Tonne führte ein Rohr mit einer angebrachten Gießkannentülle nach unten.

„An der Kette musst du ziehen“, erklärte sie. „Mit etwas Glück kommt sogar warmes Wasser raus.“

„Und wo kann ich mich umziehen?“, wollte er wissen.

Anne grinste breit, presste ein „Pff“ durch die Lippen und sagte: „Keine Sorge, ich schau’ dir schon nichts ab. Ich habe schon ganz andere Männer gesehen.“

Mit einem schelmischen Lächeln entfernte sie sich, während sie über die Schulter rief: „Ich hole mal deine Arbeitsklamotten.“

Max zögerte einen Moment, entschied sich dann jedoch, sich komplett auszuziehen. Er war allein, und bevor Anne zurückkäme, wollte er längst geduscht und wieder angezogen sein. Doch Anne kehrte schneller zurück, als er erwartet hatte – viel zu schnell für seinen Geschmack. Sie zeigte keinerlei Rührung und agierte, als wäre alles völlig normal. Für Max war es das jedoch keineswegs. Eilig griff er nach seinen Sachen, schnappte sich die Unterhose und zog sie sich in einer schnellen Bewegung über. Anne blieb ungerührt, hielt ihm das Arbeitshemd und anschließend die Hose hin und ließ es sich nicht nehmen, ihm beim Anziehen behilflich zu sein – inklusive gelegentlicher Berührungen.

„Es muss ja alles passen, oder?“, sagte sie dann in einem bemutternden Ton.

Dabei reckte sie ihre Brust leicht, drehte ihren Oberkörper spielerisch und schmollte selbstbewusst mit ihren vollen Lippen. Schließlich wies sie mit einer knappen Geste auf das Tor zur Werkhalle und sagte schnippisch: „Da drinnen findest du den Meister. Melde dich bei ihm.“

Mit einem Schwung warf sie ihm die restlichen Sachen vor die Füße und verschwand.

„Eigenartiges Weib“, murmelte Max, zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg in die Halle, bis zum Meisterbüro, wo er nach einer kurzen Einweisung in die Arbeitssicherheit seine Ausrüstung entgegennahm: eine Schaufel in normaler Größe, einen Hammer, einen Eimer mit Trennmittel und einen Pinsel.

„Das ist alles, was du für deinen Job brauchst“, erklärte der Meister trocken. „Groß nachdenken musst du hier nicht. Das kriegst du doch hin, oder?“

„Klar“, antwortete Max, dachte jedoch insgeheim: „Und dafür habe ich mein Abitur gemacht?“

Zunächst verlief das Schippen zügig, bald bildete sich dann doch die erste Blase am Daumen. Mit dem zweiten größeren ballonförmigen Wassersack in der Innenhand war das Schippen abrupt beendet.

„Das ging mir, als ich damals hier angefangen hatte, genauso“, rief ein Kollege von nebenan rüber. „Anne kommt mir gleich neuen Beton bringen, dann kannst du ihr Bescheid geben, sie wird dich verpflastern.“

Max blickte hinüber und bemerkte einen schmalen, älteren Mann, der gerade konzentriert dabei war, seine Form zu füllen. Sein graues Haar und sein insgesamt gesetztes Erscheinungsbild ließen darauf schließen, dass der Ruhestand für ihn wohl nicht mehr allzu fern war. „Wenn dieser Kollege das über Jahre hinweg erfolgreich gemeistert hat“, dachte er, „dann werde ich das ganz sicher auch schaffen.“ Mit einem freundlichen „Danke!“ wandte er sich an den Mann, doch in diesem Moment fuhr Anne mit ihrem Dumper heran. Direkt vor ihm manövrierte sie das Fahrzeug mit beeindruckender Präzision. Dabei schwappte ein Teil des Betons über die Bordkante und landete direkt vor seinen Füßen.

„Pardon!“, rief sie, dann kippte sie den übergroßen Rest der grauen Masse dem freundlichen Kollegen von nebenan auf den vorgesehenen Platz. Der war bereits mit dem Zusammenbau einer neuen Form beschäftigt und wies auf Max. Anne kam, schaute sich seine Hand an und griente. „Was hast du denn da angestellt? Das wird ja eine größere Operation.“ Mithilfe einer Nadel sorgte sie für vorläufige Entspannung. Die in der Folge aufgepinselte dunkelbraune Substanz entlockte ihm allerdings ein hohes „C“, das er stimmgewaltig herausschrie. Zum Abschluss ihrer Behandlung nahm sie ein größeres Pflaster, legte es in die Innenhand und fixierte dann die Klebeflächen gefühlvoll an die Haut.

„Du schaffst das schon“, sagte Anne nahezu flehend. „Bitte!“

Sie gab ihm einen Schmatz auf die Wange und stieg wieder auf ihren Dumper. Beim Losfahren drehte sie sich nochmals um, ließ ihren Kopf etwas zur Seite fallen und winkte ihm lächelnd zu. Die langen, schwarzen Haare wehten ihr hinterher.

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"Wilhelmine - Was ich euch noch sagen wollte"

Eine mitreißende Familiensaga, in der das Leben Wilhelmines und das ihrer Vorfahren in all seinen Facetten aufgerollt wird.

Wilhelmine entstammte äußerst vermögenden Familiendynastien. Dennoch gestalten sich ihre Lebensumstände infolge plötzlichen Leids der Großeltern und Trennung der Eltern äußerst ärmlich. Die Stationen als Küchenmagd in der Fleischerei ihres Onkels sowie als Dienst- und Küchenmädchen auf dem Rittergut Briesen im Schloss des Barons von Wackerbarth repräsentieren dies anschaulich und bieten eine beeindruckende Zeitreise von der Kaiserzeit des ausklingenden 19. Jahrhunderts bis ins heutige 21. Jahrhundert.

 

„Geboren, um zu leben“ - Autobiografischer Roman

„Wir sind geboren, Taten zu vollbringen“, lernte Julian mit zwölf in der Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“. Als Soldat der Nationalen Volksarmee soll er diese Taten umsetzen, doch Drill und Schikane liegen ihm nicht. Stattdessen bringt er mit Musik Freude ins Militärleben. Zu Hause erlernt er auf Wunsch seiner Mutter einen „vernünftigen“ Beruf, doch seine Leidenschaft bleibt die Musik, trotz der Hürden der DDR-Diktatur. Nach dem Mauerfall wird sein Traum wahr: Er eröffnet eine Kneipe und begeistert Gäste mit Musik.

 

    "Wildnis - zwischen Wahrheit und Wahnsinn"

    überarbeitete Neuauflage von „Der Tote in der Heide“ und „Die Brandstifter in der Heide“

       

       

       

      Der Tote in der Heide“ – Regional-Krimi 

       

       

       

       

       

       

      „Die Brandstifter in der Heide“ - Dokumentarroman, der umfassende Sachinformationen zu Waldbrandstiftungen und zum Kriminalroman "Der Tote in der Heide“ liefert. Dazu zählen Zitate, Erläuterungen und auch Bildmaterial.

       

       

       

       

       

      „Retter der Welt“ – utopischer Roman – eröffnet uns eine atemberaubend neue Perspektive auf die Welt in 100 Jahren.

       

       

       

       

      „Flucht in die Tierolei“ – Pferde-Abenteuer-Roman für Kids

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