Buchneuvorstellung
Wolfgang Berg
Die Fontanas
1625 - 2025
Band I – Giovanni Fontana – Flucht aus Riazzino
Band II – Friedrich Fontana – Neuanfang in Dragosow
Band III – Theresa Fontana – Untergang des Hofes
Beim Lesen dieser fiktiven Geschichte werden Sie möglicherweise denken: „Das klingt bekannt!“ Doch seien Sie unbesorgt: Die Handlungen, Namen und Orte (ausgenommen Orte der Schweiz) sind vollkommen erfunden. Alles andere wäre schlichtweg unerträglich.
Vorwort
Ein wilder Sturm fegte durch die uralten Eichen. Ihre knorrigen Äste ragten wie verzweifelte Hände zum Himmel empor. Hinter den Fenstern des Hauses schimmerte schwaches Licht, doch in den Augen der Bewohner lag eine Dunkelheit, die so tief und undurchdringlich war wie die Nacht selbst. Der Vater wandte seinen Blick in die Ferne, dorthin, wo einst Hoffnung blühte. Doch jetzt musste er erkennen, dass sie möglicherweise nichts als eine Illusion gewesen war – ein trügerischer Traum. Die Mutter saß still und unbewegt an ihrem gewohnten Platz am Fenster. Ihre Hände lagen in ihrem Schoß, die Finger leicht ineinander verschränkt, als suchten sie nach Halt. Ihre Augen wanderten durch den Raum und ruhten auf einem kunstvoll gerahmten Porträt, das geschmackvoll im Regal arrangiert war und von Relikten vergangener Zeiten flankiert wurde. Der Raum war still, nur das leise Ticken einer Uhr durchbrach die Ruhe – ein unermüdlicher Zeuge des vergehenden Moments. Die Mutter wischte sich sanft eine Träne von der Wange. Kein lautes Schluchzen, kein großes Drama – nur dieses stille, unaufhaltsame Rinnen, das mehr verriet, als Worte je könnten. Es war ein Augenblick der Stille, in dem unausgesprochene Emotionen verharrten – Gefühle, denen das Herz unweigerlich folgte.
Schicksalsschläge und düstere Lebensphasen hatten das Leben der Fontanas über Generationen geprägt. Die Mauern ihrer Häuser umhüllten die Ereignisse, die sich in ihrem Inneren abspielten, wie ein schützender Mantel. Sie bewahrten die Geheimnisse vergangener Jahre. Man musste nur genau hinschauen, um diese stillen Geschichten zu entdecken. Doch selbst unter der erdrückenden Last des Schicksals gab es immer wieder Lichtblicke und Neuanfänge. Es sind diese Augenblicke, die die Unerschütterlichkeit menschlicher Willenskraft zeigen.
Giovanni Fontana
Flucht aus Riazzino
I
Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Gipfel der Tessiner Alpen und hüllten sie in warmes, goldenes Licht. Langsam wich die Dunkelheit der Nacht und machte Platz für den neuen Tag. Eine leichte Brise brachte die frische, klare Bergluft ins Tal, wo das leise Rauschen eines kleinen Baches bereits für Lebendigkeit sorgte.
Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte auch die Tierwelt und hauchte der Landschaft Leben ein. Das zunächst zaghafte Zwitschern der Vögel entwickelte sich allmählich zu einem lebhaften Konzert. In der Ferne erklomm ein Rudel Gämsen gemächlich die steilen Berghänge, während hoch oben ein Steinadler seine Bahnen zog. Sein unverkennbarer Ruf – durchdringende Schreie oder pfeifende „Ki-ki-ki“-Laute – ließ keinen Zweifel daran, dass sich hier eine nahezu unberührte Wildnis erstreckte.
Giovanni Fontana liebte die frühen Morgenstunden. Noch bevor die Sonne aufging, begann er mit seiner Arbeit. Die Stille des Morgens erfüllte ihn mit Freude, während er wie in Trance die Sense durch das nasse Gras führte. Das sanfte Geräusch des Metalls, das die feuchten Halme schnitt, war das Einzige, das die Ruhe durchbrach. Seine Stirn glänzte vor Schweiß, denn jedes Heben und Senken der Sense erforderte höchste Präzision und Geschick.
Im Laufe des Morgens kamen immer mehr Bauern hinzu, um mit ihrer täglichen Arbeit zu beginnen. Bald entstand eine lebhafte Geräuschkulisse, die durch das Bellen, Gackern und Wiehern der Haustiere verstärkt wurde. Sie begrüßten den neuen Tag auf ihre Weise, schienen sich über das frische Futter und das Wasser aus dem Bach zu freuen, das ihre Besitzer für sie bereithielten. All diese Klänge verschmolzen zu einer harmonischen Morgenstimmung – der neue Tag war bereits in vollem Gange.
Tief in Giovannis Inneren keimte ein Wunsch: die wohlverdiente Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zu erhalten. Er war erst 35 Jahre alt, doch seine Hände erzählten bereits die Geschichte eines Lebens voller harter Arbeit. Sie waren schwielig und stark und zeugten von der Last der Werkzeuge, die er tagtäglich nutzte. Sein wettergegerbtes Gesicht war ein Spiegelbild seines Schaffens unter freiem Himmel und zeugte von eisigen Morgenstunden und endlosen Tagen.
Giovanni ließ seinen Blick zum kleinen Haus am Ende des Weges schweifen. Dort unten im Tal begann Riazzino, dieses beschauliche Dorf, das in die sanfte Landschaft des Verzascatals eingebettet war. Die überwiegend aus Stein errichteten Häuser schmiegten sich eng aneinander, während die umliegenden Felder die Spuren traditioneller, harter Landwirtschaft erahnen ließen – eine Tätigkeit, die das Leben der Bewohner von Riazzino seit jeher prägte.
Die Menschen lebten einfach: Die Landwirtschaft bildete das Zentrum ihres Lebens und wurde durch den Handel mit lokalen Produkten wie Kastanien, Wein und Käse ergänzt. Kleine Wege und Pfade verbanden das Dorf mit den umliegenden Gemeinden wie Locarno und Gordola, während die majestätischen Berge im Hintergrund Schutz boten und zugleich eine Herausforderung darstellten.
*
Das Läuten der Glocken – ein unverkennbares Symbol der religiösen Tradition dieser Region – mischte sich in den Morgen. Auch an diesem Tag ertönte ihr Ruf durch das Tal. Für Maria, Giovannis Ehefrau, war es das Signal, ihm das Frühstück zu bringen. Giovanni hielt in diesem Moment inne, dann mähte er seine Schwade weiter, bis er das ihm bekannte, schwach vernehmbare Knarren der schweren Haustür hörte und sah, wie Maria herauskam. In ihren Händen trug sie ein geflochtenes Körbchen, in dem sie das mit Liebe zusammengestellte Frühstück untergebracht hatte.
Ihr Lächeln strahlte mit der Morgensonne um die Wette und ihre Bewegungen waren so anmutig wie eine sanfte Brise, die durch die Olivenbäume weht. Ihr sonnengebräuntes Gesicht war der stille Zeuge unzähliger Tage unter dem mediterranen Himmel. Die Sommer des Mittelmeers hatten sich in ihrer Haut verewigt. Jeder Blick auf sie offenbarte ihre Wurzeln und weckte zugleich Erinnerungen an blühende Olivenhaine, duftende Zitronenbäume und das Lachen, das oft bei einem Glas Wein zwischen den Terrassen ertönte.
Giovanni genoss diesen stillen Moment voller Vertrautheit, Nähe und tiefer Liebe. Kein einziges Wort war nötig, während sie schweigend und achtsam Happen für Happen von den mitgebrachten Speisen genossen. Sein Blick wanderte hinunter zu seinem Haus, das für ihn weit mehr als nur ein Gebäude war – es war ein Ort tiefer Emotionen. Das fröhliche Lachen seiner Kinder, der verlockende Duft von frisch gebackenem Brot oder das warme, beruhigende Licht, das jeden Abend durch die Fenster fiel – all das machte es zu seinem ganz persönlichen Paradies.
Für Giovanni verkörperte dieser Ort bisher das wahre Gefühl von Heimat – ein Sinnbild für Geborgenheit und Beständigkeit. Es war ein kostbares, unverzichtbares Erbe, das ihm niemand nehmen konnte. Mit Hingabe und Sorgfalt hatten seine Vorfahren diesen Ort geschaffen und über Generationen bewahrt. Nun lag es an ihm, dies alles zu erhalten und eines Tages an eines seiner Kinder weiterzugeben.
„Wird es ihnen überhaupt noch etwas bedeuten?“ Diese quälende Frage ließ ihn nicht los. „Oder werden sie eines Tages in die Stadt ziehen, fern von hier?“
Giovanni seufzte tief, dachte an den Krieg, der jetzt endlich nach dreißig Jahren sein Ende fand. Er hatte alles verändert. Das Leben in den Bergen war hart, und allein über die Runden zu kommen, wurde immer schwieriger. Die Händler zogen nicht mehr von Dorf zu Dorf, denn sie hatten kaum noch etwas, das zum Handeln taugte. Selbst die Brücken, wie die beeindruckende Ponte dei Salti in Lavertezzo im Verzascatal, nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt, hatten bessere Zeiten gesehen. Einst wurden sie täglich mit Ehrfurcht überquert, doch diese Tage sind längst vorbei.
Das Land, das er bearbeitete, war karg, der Boden hart und steinig, und die Ernte fiel oft mager aus. Doch Fontana gab nie auf und kannte keine Resignation. Er schichtete Holz für den Winter, trieb die Ziegen und Schafe auf die Weide und brachte das Heu unter Dach und Fach – oft bis spät in die Abendstunden. Hinter jedem Samenkorn und jedem Tropfen Schweiß stand ein Mann, der trotz widriger Umstände und ständiger Entbehrungen für seine Familie und eine bessere Zukunft kämpfte. Das Leben hatte ihm wenig gegeben, aber er opferte ihm alles, was er hatte, mit einer Hingabe, die ihresgleichen suchte. Nicht einmal der Sonnenuntergang brachte ihm Ruhe, obwohl die Farben des Himmels friedlich und malerisch wirkten.
Mit schweren Schritten ging Fontana den steinigen Weg bis zum Stall entlang, in dem das unaufhörliche Meckern und Blöken der Ziegen und Schafe nicht enden wollte, bis sie endlich ihr Futter in den Krippen hatten. Der Duft von frischem Heu lag in der kühlen Abendluft. Für Fontana war dies jedoch kein Zeichen von Entspannung, sondern ein ständiger Ruf nach Arbeit und Verantwortung. Entschlossen packte er die Mistgabel, deren Griff sich vertraut an seine rauen Hände schmiegte. Das leise, rhythmische Knirschen des Strohs unter seinen schweren, abgetragenen Stiefeln begleitete ihn unaufhaltsam, während er von einer Aufgabe zur nächsten eilte, ohne Rast oder Zögern.
Die Schatten wurden länger, doch der Feierabend schien in weiter Ferne. Selbst in der Dämmerung schien der Hof zu murmeln: „Noch nicht genug, noch nicht vollendet.“ Wenn sich der Sternenhimmel über ihm ausbreitete, waren seine Gedanken zu schwer, um die Schönheit zu bemerken.
Die Nächte waren kurz und auch der nächste Tag versprach keine Atempause, doch am Horizont war ein Hoffnungsschimmer zu erahnen.
II
Giovanni drehte sich noch einmal in seinem Bett um und stupste seine Frau Maria sanft an. Er hatte das Bedürfnis, mit ihr zu reden, bevor er mit seiner Arbeit begann.
„Hast du das Geheul des Windes gehört?“, fragte er. „Es klang, als würden wütende Geister durch die Straßen jagen. Ihre Stimmen waren heftig und unnachgiebig. Ich konnte sehen, wie die Ziegel nacheinander mit erschreckender Wucht vom Dach geschleudert wurden. Es war, als hätte der Himmel seine Geduld endgültig verloren und uns mit seiner Macht demonstrieren wollen, wie klein wir doch eigentlich sind.“
Maria antwortete: „Ja, und dieser Regen – es war nicht einfach nur eine gewöhnliche Nässe, wie sonst. Die Tropfen wirkten beinahe lebendig, als hätten sie einen eigenen Willen. Unaufhaltsam suchten sie sich ihren Weg, drangen durch die kleinsten Ritzen der Fenster, wie unzähmbare, winzige Fluten. Es war, als würde das Haus selbst unter der unbändigen Last des Sturms ein stilles Klagelied seufzen.“
Giovanni: „Genau das war es! Die ganze Nacht hörte ich dieses stete Tropfen, wie ein unaufhörliches, nervenaufreibendes Klopfen, das mir den Schlaf raubte. Es war nicht nur Regen und Sturm, Maria. Es war so viel mehr. Es war eine Botschaft, die mich nicht mehr loslässt.“
Maria: „Und die Dunkelheit, sie war nicht bloß Finsternis. Ich kann dir sagen, dass sie sich so greifbar anfühlte, als würde sie dich regelrecht umklammern, dich festhalten und zwingen, hinzusehen und etwas wahrzunehmen. Es war nicht nur ein Unwetter, Giovanni. Der Sturm und seine Elemente wollten eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die man nicht ignorieren kann.“
Giovanni: „Eine Geschichte, die nur Gott, der Wind und der Regen in ihren tiefsten Geheimnissen kennen. Die Natur lässt uns so intensiv fühlen, als wären wir Teil eines unausgesprochenen Dialogs. Wir mussten nichts sagen, nichts benennen oder erklären – wir haben es einfach erlebt, unmittelbar und mit jeder Faser unseres Seins. Ich hatte das Gefühl, das war eine klare Botschaft an uns: ‚Verschwindet‘, sagte sie bestimmt, ehe es zu spät ist.“
„Sieh nur Maria; die Vorratskammer ist fast leer, und was noch da ist, reicht kaum, um die hungrigen Blicke der Kinder zu besänftigen. Die Nächte sind von Kälte durchdrungen, nicht allein aufgrund der Stürme und des alten Ofens. Es ist vielmehr die innere Unsicherheit, die an der Seele zehrt. Unabhängig davon, wie viele Decken man sich umlegt oder wie oft man bemüht ist, das Feuer erneut zu entfachen – die Kälte verharrt beständig.“
*
Es gab keinen Tag, an dem die Familie nicht von einer neuen Herausforderung heimgesucht wurde. Jeder kleine Funke der Hoffnung wurde von der harten Realität eines Europas, das gerade dreißig Jahre Krieg überstanden hatte, im Keim erstickt.
Giovanni Fontana ließ seinen Blick oft aus dem Fenster schweifen und nahm dabei eine weitläufige Landschaft in sich auf: Gebirgsformationen gingen harmonisch über in sanfte, tiefgrün bewaldete und schattige Täler. Kristallklare Bergflüsse wanden sich glitzernd und unermüdlich durch die Täler, begleitet von einer fast schon hypnotischen Ruhe. Rustici – kleine Steinhäuser, eingebettet und fast umarmt von ihrer Umgebung – erhoben sich, wirkten wie natürliche Erweiterungen der Landschaft. „Mein eigenes Rustico ist eines davon“, sagte Giovanni stolz vor sich hin. Er konnte seinen Blick nicht von den Häusern abwenden. Aus regionalem Granit gefertigt und mit einer meisterhaften Handwerkskunst errichtet, strahlten sie eine unvergleichliche Anmut aus. Jede Fassade hatte eine Geschichte, jede Steinreihe schien ein Relikt aus einer vergangenen Epoche zu sein. Es war, als würde die Zeit stillstehen. Die Präzision der Arbeit und die natürliche Schönheit des Granits bildeten eine Symbiose, die ihn augenblicklich in eine andere Welt versetzte. Giovanni sah nicht nur Bauwerke – er sah Kunstwerke, die von Generationen geprägt und bewahrt wurden, ein Zeugnis für die Harmonie zwischen Mensch und Natur.
Die Wände mit ihrer rauen Oberflächenstruktur und den sichtbaren Spuren der Zeit erzählten Geschichten von vergangenen Generationen. Sie erzählten von den Menschen, die hier einst lebten und arbeiteten und eine tiefe Verbundenheit mit der umliegenden Landschaft entwickelten, die bis heute spürbar ist. Es gab keinen Zierrat, keine unnötigen Details, sondern nur den rohen Stein, das schlichte Holz und die unauslöschlichen Spuren des Lebens.
Das Innere? Es war puristisch und schlicht gehalten, frei von überflüssigem Komfort, doch es besaß einen unvergleichlichen Charme. Die kleinen Fenster, die geflochten wirkenden Holzbalken und die massiven, handgearbeiteten Türen riefen Bilder von handwerklicher Arbeit und einfachen, aber erfüllten Tagen hervor. Doch das lag weit zurück.
„Was kann ich nur tun?“ fragte sich Fontana, und fand keine Antwort. Er haderte mit sich: „Soll ich der Botschaft aus der letzten Sturmnacht folgen und verschwinden, ehe es zu spät ist? Soll ich dieses Land verlassen, wie so viele andere Tessiner Eidgenossen vor mir, um anderswo ein besseres Leben zu suchen?“
Er richtete seinen Blick auf den tiefblauen Himmel, der sich im kristallklaren Wasser des nahe gelegenen Flusses widerspiegelte. Die steilen Berge und der würzige Duft von Pinien mit ihren floralen Noten wirkten wie einem meisterhaft gestalteten Gemälde entnommen. Dieser Anblick ließ ihn stets innehalten und staunen, er vermittelte ihm Heimat und hielt ihn gefangen.
Giovanni blickte jedoch genauer hin. Hinter der scheinbaren Idylle offenbarten sich zerklüftete Felsen, geformt durch Jahrtausende unbändiger Naturgewalten und unzählige weitere Veränderungen. Sie schwiegen, und doch schien ihr stilles Dasein eine Einladung zu sein, innezuhalten und zu lauschen: Und tatsächlich: Fontana glaubte genau zu hören, wie die Vergangenheit durch die Risse des verwitterten Gesteins hauchte: „Giovanni, warum verweilst du hier, wo das Klappern der Wagenräder auf den alten Handelsrouten einem unheilvollen Schweigen gewichen ist?“
„Ach Unfug!“, holte Fontana sich in die Realität zurück. Er wusste um die Nachwirkungen des verheerenden Krieges, der so vieles zerstört hatte. Der Westfälische Frieden war das alles beherrschende Thema der Zeit – jenes Abkommen, das den Dreißigjährigen Krieg endlich beendete und eine neue Ära einläuten sollte. „Doch würde dieser Frieden auch das Tessin langfristig und nachhaltig verändern?“ Fontana blieb skeptisch. Der Gedanke an den frisch ausgehandelten Frieden weckte in ihm kein Vertrauen. Er hatte von einem Durchreisenden erfahren, dass der Vertrag den deutschen Einzelstaaten mehr Eigenständigkeit gab und somit ihre Stellung gegenüber dem Kaiser deutlich stärkte. Das Echo der Vergangenheit schien ihm hier zu Lande zu laut, als dass die leisen Worte dieses Abkommens es übertönen könnten.
Für Giovanni war es an der Zeit, seiner Maria von den Wundern des Wiederaufbaus in Deutschland zu erzählen.
„Stell dir vor“, sagte er, „die morgendliche Sonne taucht die weite Landschaft in warmes Licht und ein sanfter Wind streift über ein Meer aus saftig-grünen Wiesen. Wo einst trockene, unfruchtbare Erde lag, bedecken jetzt dichte Gräser und kräftige Pflanzen den Boden. Überall summt und brummt es, Bienen und Schmetterlinge gleiten über die Blüten und Vögel erfüllen den Himmel mit ihrem lebhaften Gesang. Die Luft riecht nach Frische und Vitalität und der Boden, der früher leblos schien, pulsiert vor Lebenskraft. Es ist, als hätte die Natur ihre lange Pause beendet und mit neuem Schwung ein beeindruckendes Schauspiel geschaffen. Maria, glaub mir, so würden Dichter das heutige Deutschland beschreiben. Das kann man nicht ignorieren.“
Maria stand von ihrem Schemel auf, setzte sich auf Giovannis Schoß, umarmte ihn und küsste ihn sanft. Flüsternd sagte sie ins Ohr: „Giovanni, ich würde so gerne mit dir und unseren Kindern aufbrechen. Doch sie sind noch so klein, und der Weg ist lang und beschwerlich. Dennoch wäre es unglaublich spannend, mehr über Deutschland zu erfahren.“
„Ich erzähle dir gerne mehr“, erwiderte Giovanni und fuhr fort: „Dörfer, die einst wie leere Hüllen wirkten, erwachen allmählich zu neuem Leben. Das Lachen von Kindern ertönt wieder in den Straßen, während die Bewohner ihre Häuser erneuern und ihre Gärten bepflanzen. Die Stimmung ist von stillem, doch entschlossenem Treiben geprägt. Die eingewanderten Bauern bestellen die Felder mit neuem Elan, und die ersten Ernten nähren die Hoffnung auf eine Rückkehr zu Stabilität und Wohlstand. Maria! Dort hätten wir die Chance, eine neue Zukunft zu gestalten – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Kinder und Kindeskinder."
„Liebster Giovanni“, sagte Maria und liebkoste ihn dabei. „Und wie willst du dort hinkommen – in dieses Land voller Überfluss und Müßiggang, wo Milch und Honig fließen und du brauchst dich nur zu bedienen?“
Giovanni verschränkte die Arme vor der Brust, seine Augenbrauen zogen sich zusammen, während er Maria ansah. Sie saß ihm nun wieder gegenüber, doch ihr Blick glitt über ihn hinweg, hinaus ins Ungewisse. Er spürte die Spannung, die wie ein unsichtbares Band zwischen ihnen hing. Die Stille war schwer, fast drückend, und er konnte das Pochen seines eigenen Herzens hören. Plötzlich machte er eine ausladende Geste, seine Stimme schoss durch den Raum, laut und scharf wie ein Pfeil: „Ihr Frauen seid immer so! Kritisiert alles, aber wenn es darauf ankommt, habt ihr keine Lösungen!“
Marias Lippen zuckten leicht, doch sie sagte nichts. Ihre Finger spielten nervös mit dem Saum ihres Pullovers, während sie weiterhin ins Leere starrte.
Giovanni holte tief Luft, als wollte er seine Standpauke fortsetzen. „Jedenfalls hat mir der Durchreisende das so berichtet“, fügte er nur hinzu, seine Stimme jetzt leicht drängend, als ob diese Information allein ausreichen müsste, um den Zweifel in Maria zu beseitigen.
Maria schwieg, während Giovanni sich zurücklehnte. In seinem Gesicht spiegelten sich jetzt deutlich Frustration und Traurigkeit wider. Er fragte sich, ob die Wahrheit jemals ausreichen würde, um ihr gegenseitiges Vertrauen wiederherzustellen. Plötzlich stand er auf, sein Hocker gab einen kurzen protestierenden Laut von sich. Mit einem festen Schritt ging er zur Tür, zögerte einen Moment, dann drehte er sich zu Maria um, die ihn jetzt lächelnd anschaute, als hätte sie längst gewusst, was folgen würde. Seine Stimme war dann sanft, als er sagte: „Maria, weißt du auch, dass ich dich unsagbar liebe?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, verschwand er durch die Tür, hinterließ die Worte wie ein Echo, das noch lange im Raum nachhallte.
III
Die Welt war in Dunkelheit gehüllt. Draußen lag eine Stille, die bis in die entferntesten Winkel der Nacht vordrang und alles zu verschlingen schien. Doch in dem kleinen Haus herrschte eine angenehme, fast magische Ruhe. Die flackernde Flamme der Öllampe auf dem schlichten, hölzernen Tisch, an dem Giovanni saß, spendete ihr sanftes Licht. Es ließ die Schatten an den Wänden in einem bezaubernden Spiel aus Bewegung und Formen tanzen, erfüllte den Raum gleichzeitig mit einem feinen, dezenten Duft, der in seiner Art ein besonderes, fast ungeahntes Ambiente schuf. Es war das brennende Olivenöl in der Lampe, das diese warme und zugleich inspirierende Atmosphäre verströmte. Der raue Stoff seiner Kleidung verursachte ein leichtes Kratzen auf der Haut – ein wohlbekanntes Empfinden für Giovanni, das ihn auf eine unerklärliche Weise beruhigte und ihn sogar von seinen unablässig kreisenden Gedanken abzulenken vermochte. Seine Finger strichen unbewusst über die grobe Textur des Stoffes, als suchten sie Halt. Die Welt um ihn herum schien zu verschwimmen, eingehüllt in die Dichte seiner Überlegungen, während dieses einfache, physische Gefühl ihn sanft in der Realität verankerte. Vielleicht war genau dieser Kontrast das, was Giovanni dazu brachte, sich lebendig zu fühlen – eine Balance zwischen der Berührung des Jetzt und den Fragen, die in die Zukunft reichten. Diese bewegten sich unablässig: eine Zukunft voller Chancen, unerschlossener Wege, anspruchsvoller Herausforderungen sowie, nicht ausgeschlossen, Risiken, die es zu meistern galt.
Es war dieser eine Moment vollkommener Stille, in dem die Flamme in einem gleichmäßigen und rhythmischen Tanz flackerte. Giovannis Gedanken schweiften weit in der Ferne, als er wie von einem Blitz getroffen von seinem Schemel aufsprang. Mit entschlossenem Schritt steuerte er auf eine unauffällige, beinahe verborgene Nische in der kalten, zerklüfteten Steinwand zu. Dort wusste er einen Beutel Tabak, den er erst vor wenigen Tagen von diesem Reisenden erstanden hatte. Seine Hände griffen fest danach, als hielte er den Schlüssel zu seiner Erlösung. Vorsichtig öffnete er das Päckchen, und ein intensives Aroma stieg ihm unmittelbar in die Nase. Jeder Handgriff war präzise, jede Bewegung voller Bedacht. Die sorgsam abgestimmte Mischung lag bereit. Mit ruhiger Hand zündete er sie an, verfolgte, wie der Rauch in sanften, kontrollierten Schwaden aufstieg. Er ließ ihn ziehen, atmete ihn ein, schmeckte jede Nuance, spürte die aufsteigende Wärme und wie sich die feinen Aromen langsam entfalteten. Nichts geschah überstürzt, kein Atemzug war gedankenlos. Es war ein Moment purer Achtsamkeit – ein Ritual, das den grauen Alltag für einen Augenblick vergessen ließ, getragen von Konzentration und stillem Genuss.
Die Welt um ihn herum schien sich schlagartig zu verändern, die Gedanken flossen klarer, intensiver, wie ein Fluss, der sich seinen Weg durch das Dickicht des Lebens bahnt. In diesem berauschten Zustand, in dem er sich plötzlich befand, war es, als ob etwas ihn wachrüttelt. Sein Blick wurde fest, seine Hände ballten sich, sein Atem wurde schwerer.
Giovanni Fontana rief mit einer Entschlossenheit in seiner Stimme seinen vier Wänden zu: „Die Zukunft ruft – ich bin bereit, meine Reise zu beginnen!“
Giovanni war sich absolut sicher, dass Maria seine Idee, nach Deutschland zu fliehen, befürworten würde. Und es gab auch keine andere Wahl. Der Dreißigjährige Krieg war zwar vorbei, doch die Wunden blieben lange offen. Wie oft stand er auf seinem geliebten Hof und spürte den schmerzenden Hunger in seinem Magen. Der ständige Druck, für seine Familie zu sorgen, ließ ihm keine Ruhe. Es war nicht nur der unstillbare Hunger, sondern auch die stets präsente Angst vor den Plünderern, die jederzeit zurückkehren konnten. Die Schreie und das Chaos der letzten Wochen schwebten noch in seinen Gedanken, als plötzlich Fremde auf seinem Hof erschienen, um zu rauben und zu verwüsten. Trauer und Wut tobten unverändert in ihm, wenn er seine Kinder betrachtete, die ahnungslos und unschuldig vor dem Haus spielten. „Wie lange kann ich sie noch beschützen?“, dachte Giovanni verzweifelt. Die Entscheidung war gefallen. Er musste fort, bevor die Angst ihn vollständig einnahm. Hastig packte er das Wenige, das ihm geblieben war, war sich im Klaren, was diese Flucht bedeutete, das Vertraute hinter sich zu lassen und sich auf eine Reise ins Ungewisse zu begeben, eine Reise voller Risiken. Giovanni wusste, dass sein Herz an diesem Hof zurückbleiben würde. Doch die Hoffnung auf eine sichere Zukunft trieb ihn an. Verzweifelt blickte er sich noch einmal in seinen vier Wänden um. Sein einziges Ziel war es, Schutz und eine neue Existenz zu finden – weit entfernt von dem, was er zurücklassen musste.
IV
Der Morgen des 1. November 1648 brach langsam an, als die drei aufgeweckten Jungen gemeinsam mit ihrer älteren Schwester voller Neugier das Rustico verließen, in dem sie die vergangene Nacht verbracht hatten. Ihre Wangen waren vom Schlaf noch leicht gerötet, doch ihre Augen strahlten voller Lebendigkeit.
Fontana hatte sich gründlich und sorgfältig auf die bevorstehende Reise eingestellt, denn schließlich sollte doch seine Familie sicher und unversehrt nach Deutschland gelangen.
„Die Bergwelt der Tessiner Alpen kenne ich wie meine Westentasche – von so mancher Bärenjagd“, sagte er mit einem selbstbewussten Lächeln, das seine tiefe Verbindung zu dieser ungezähmten, rauen Landschaft offenbarte. Während er seine sorgfältig gepackte Ausrüstung überprüfte, verrieten seine präzisen Bewegungen eine jahrelange Routine. Jedes Werkzeug, jede Karte, jeder Gegenstand hatte seinen festen Platz – nichts blieb dem Zufall überlassen. Seine Hände strichen geübt über die wetterfeste Kleidung und die scharf geschliffenen Wanderstöcke, die ihnen allen bereits treue Dienste in so mancher Herausforderung geleistet hatten. Der Geruch von ledernen Gurten, durchzogen von Bärenfett, lag in der kühlen Luft, während er die letzten Anpassungen an seinem Rucksack vornahm. Sein Blick schweifte in die Ferne, als wanderten seine Gedanken bereits über die Pfade und Gipfel, die sie erwarten würden. Dann wandte er sich an seine Familie, die ihm aufmerksam lauschte, und sprach mit fester Stimme: „Eine gute Vorbereitung ist das A und O. In den Tessiner Alpen gibt es keine halben Sachen. Jeder Schritt, jeder Aufstieg und jeder Moment fordern Respekt, Ehrfurcht, und – nicht zu vergessen – eine Prise Abenteuerlust. Nur so können wir diese Reise als Familie antreten. Einer für alle, alle für einen! Habt ihr das verstanden?“ Das laute, übermütige „Ja!“ der Kinder hallte wider und wollte zwischen den Gipfeln der Berge scheinbar niemals verklingen.
In dicke, handgewebte Wollmäntel gehüllt, die sie vor den kalten Nächten schützen sollten, und mit robusten Lederschuhen an den Füßen, folgten sie ihren Eltern, Giovanni und Maria Fontana. Ein hölzerner Wagen trug all ihre Habseligkeiten und alles, was sie für die Reise brauchten. Auf Rädern rollte er durch das flache Land, in den verschneiten Bergen waren Kufen vorgesehen. Kalte Luft kroch durch die Täler, während die Stille nur vom Geräusch der Flüchtenden und dem entfernten Ruf eines Raubvogels durchbrochen wurde.
Das hohe, vom kalten Morgentau benetzte Gras färbte die Schuhe der noch müde wirkenden kleinen Gruppe dunkel. Doch in der Ferne erwartete sie bereits ein geheimnisvoll wirkender Wald, fast einladend, doch der Nebel, der sich wie ein Schleier auf die umliegenden Berge gelegt hatte und diese nahezu unsichtbar machte, ließ auch keinen tiefen Blick in den vor ihnen liegenden Kanton zu. Kein Wort wurde zwischen ihnen gesprochen, doch ihre Blicke sagten genug – es war Aufregung, Erwartung und ein Hauch von Abenteuer, der sie vorantrieb. Irgendwo in der Ferne war das leise Plätschern eines Baches zu hören, eine beruhigende Melodie, die den stillen Morgen begleitete. Mit jedem Atemzug wuchs ihre Vorfreude auf das, was dieser Tag bereithalten würde.
Der November des Jahres 1650 verlangte von den Fontanas alles ab. Ein kalter Wind wehte durch die Täler, die Berge des Verzascatals hüllten sich in Nebel, der Boden war feucht und frostig von der ersten Nacht unter null Grad.
Giovanni zeigte sich als guter Reiseleiter für seine Familie und erklärte ihnen alles so, dass es sie auch neugierig machte: „Unsere Reise beginnt inmitten dieser rauen Schönheit, einem Fußmarsch, der uns durch die Alpenlandschaft, vorbei an dichten Wäldern, schroffen Felsen und verschneiten Bergpässen führen wird“, begann er. „Der Weg ist geprägt von steilen Anstiegen und rutschigen Abstiegen. Die Route könnte uns über den Gotthardpass oder den Lukmanierpass führen, je nachdem, welche Bedingungen das Wetter zulässt. Von dort windet sich der Weg in Richtung Norden, bis wir schließlich die Grenze zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation erreicht haben. Die Distanz? Rund 200 bis 250 Kilometer – abhängig von der gewählten Strecke und den Umwegen, die wir aufgrund von Höhenlagen, Flüssen oder unpassierbaren Wegen in Kauf nehmen müssen. Der erste Ort hinter der deutschen Grenze könnte Waldshut-Tiengen sein, eine befestigte Stadt am Hochrhein. Doch bevor wir dort ankommen, liegt eine beschwerliche Route vor uns, schlammige Pfade, eiskalte Flüsse ohne Brücken.
*
Ständig auf der Suche nach Nahrung und Schutz vor den Naturgewalten litten sie unter der Kälte. Ihre Zehen und Finger schmerzten, während ihre Füße in den durchnässten Lederschuhen schwer wurden. Jeder Atemzug schnitt ihnen wie ein Messer in die Lunge.
Der November zeigte keine Gnade, doch die Aussicht auf eine warme Stube und einen sicheren Hafen spornten die Fontanas an, Schritt für Schritt bis nach Disentis/Mustér weiterzugehen – ihrem ersten Ziel. „Dort wohnt ein Jagdfreund von mir, namens Gotthold Schmedt“, sagte Giovanni. „Mit dem habe ich schon viele Bären gejagt. Jetzt lebt er irgendwo in Deutschland.“
Der Jagdfreund Schmedt interessierte den kleinen Luca weniger, als er fragte: „Papa, warum hast du Bären gejagt? Bären sind doch schneller als du.“
„Nein, mein Kind“, sagte Giovanni, „ich bin nicht mit den Bären um die Wette gelaufen, ich habe sie erlegt – manchmal nur mit dieser Armbrust hier. Die Bärenjagd war für Mama, mich und euch Kinder von enormer Wichtigkeit, denn sie hat uns am Leben erhalten. Unser Ziel war es, uns und das Vieh zu schützen und sicherzustellen, dass die Familie für längere Zeit genug Fleisch hat. Und das war viel mehr als nur ein Schaf. Jetzt, während unserer Reise durch den Winter, würde uns ein erlegter Bär auch weiter helfen. Die Beeren, Kräuter und das Hammelfleisch sind bald aufgebraucht. Schau dir mal deine Kleidung an! Die hat deine Mama aus Bärenfell zusammengenäht. Da bräuchten wir auch wieder mal etwas Neues. Luca, verstehst du das? Aus seinen Knochen habe ich Werkzeuge und Pfeilspitzen hergestellt, um mich mit großem Mut den mächtigen Tieren stellen zu können.“
Luca hatte längst aufgehört zuzuhören und schien die Abendsonne zu genießen, deren goldene Strahlen über die blau-weißen Gipfel der Alpen fielen. Plötzlich ertönte ein tiefes Brummen aus dem dichten Gebüsch. Sofort erwachte Giovannis Beschützerinstinkt. Er griff hastig nach der Muskete, die an einem Baum lehnte. Das kalte Metall fühlte sich in seinen Händen vertraut und beruhigend an. Langsam ging die Abenddämmerung in die Nacht über.
An diesem grauen Novemberabend in den Alpen war der Himmel dicht mit Wolken verhangen und durch die kalte Winterluft schwebten leicht fallende Schneeflocken. Giovanni saß mit seiner Frau und den drei Kindern vor dem wärmenden Feuer in der Nähe einer Höhle. Diese Höhle hatte Giovanni als Unterschlupf für die Nacht ausgewählt. Die Flammen tanzten, hüllten ihre Gesichter in ein sanftes, flackerndes Licht und belebten die Stille der Nacht mit ihrem Knistern. Die Kälte drang durch ihre Kleidung und ließ sie näher aneinanderrücken, in dem Versuch, sich gegenseitig zu wärmen. Plötzlich durchbrach ein großer Braunbär das Dickicht am Rande der Lichtung und trat ins Freie. Sein Fell war dunkel und struppig und er schien hungrig zu sein.
Giovanni erhob sich schnell. Mit festem Griff hielt er das Gewehr, sein Herz schlug laut in seiner Brust. Der Bär, von seinem Hunger geleitet, ignorierte die Situation und näherte sich weiter der Höhle. Giovanni atmete tief durch und dachte an die Worte seines Vaters: „Sei mutig und treu, wenn das Unvorhergesehene kommt.“ Seine Kinder standen weiter hinten in der sicheren Umarmung ihrer Mutter. Sie hielt sie dicht bei sich, ihr Herz klopfte vor Angst, doch sie wusste, dass Giovanni alles tun würde, um sie zu beschützen. In diesem entscheidenden Moment war die Verbindung der Familie stärker als je zuvor. Maria sprach beruhigende Worte: „Vertraut mir, alles wird gut“, während sie ihre Kinder in den sicheren inneren Raum der Höhle brachte, den die Jagd schon lange für sich entdeckt hatte.
Giovanni beobachtete den Bären mit gespannter Aufmerksamkeit. Der blieb abrupt stehen und sein Körper versteifte sich für einen Moment. Seine mächtigen, muskulösen Beine, die ihn durch den dichten Wald getragen hatten, zitterten nun leicht. In seinen Augen blitzte es auf, während Schmerz und Verwirrung zu einem unheilvollen Mix verschmolzen. Er schnüffelte in der Luft, sein großes Maul öffnete sich geräuschvoll. Langsam drehte er den Kopf, wollte die Quelle des Schusses ausfindig machen. Dann, als hätte er einen Entschluss gefasst, zerrte er sein schweres, pelziges Körpergewicht nach vorne. Seine Schritte waren unkoordiniert, jede Bewegung schien angestrengt, als würde ihn jeder Schritt schmerzen.
Je näher Giovanni dem Bären kam, desto deutlicher traten aggressive Reaktionen in seinem Ausdruck hervor. Ein tiefes Grollen und das Zähnefletschen verrieten seine Nervosität, als wolle er sagen: „Komm nicht näher!“ Der Bär erkannte die Bedrohung. Obwohl er geschwächt war, blieb sein Überlebensinstinkt stark. In diesem Moment war er jedoch nicht mehr der König des Waldes, sondern ein verwundetes Geschöpf, das zum verzweifelten Verteidiger seiner selbst geworden war.
Mit einem letzten Gedanken an seine Familie, die sich in der Dunkelheit der Höhle versteckt hielt, zog Giovanni die Muskete an die Schulter. Der Rauch der brennenden Zündung stieg auf, als der Bär abrupt stehen blieb und die Ohren spitzte. Giovanni war jetzt bereit. Viele Jagden zuvor hatten ihm gelehrt, dass der richtige Moment entscheidend war. Der Bär bewegte sich ein Stück näher; seine massive Gestalt war wie ein Schatten in der Dämmerung. Dann ertönte ein leises Stöhnen. Mit seiner Waffe in der Hand näherte Giovanni sich der Stelle und sah, wie sich das Tier ihm entgegenwerfen wollte. Mit einem ohrenbetäubenden Knall durchbrach ein weiterer gezielter Schuss aus der Muskete die Stille der Abenddämmerung. Es folgte der dumpfe Aufprall des Bären, der nun am Boden lag. Das Tier war besiegt. Der Drang, seine Familie in Sicherheit zu wissen, hatte Giovanni angespornt, keine Fehler zu machen. Er kniete sich neben das massige Tier, dessen Fell im Abendlicht glänzte. Während seine Hände geschickt arbeiteten, waren seine Gedanken bei den Kindern, die mit diesem erlegten Bären gut durch die bevorstehenden Strapazen kommen würden. Das Zerlegen war nicht nur eine Notwendigkeit, sondern auch ein Teil des Lebens, der die Verbindung zwischen Mensch und Natur stärkte. Mit jedem Schnitt, den er setzte, spürte er die Verbindung zur Erde und den Kreislauf des Lebens.
Maria, Giovannis Frau, beobachtete ihn nun aus nächster Nähe, während ihre Kinder sicher in ihren Armen geborgen waren. Sie war stolz auf ihren Mann, der ohne zu zögern seine Pflicht erfüllte. Hier, in der rauen Einsamkeit der Alpen, stellte er nicht nur seine Stärke, sondern auch die tiefe Verbundenheit zu seiner Familie unter Beweis. Neben seiner unerschütterlichen Entschlossenheit, die Familie zu schützen, zeigte Giovanni auch eine bemerkenswerte Fähigkeit zur Empathie. In diesen stillen Momenten sprach er liebevoll mit seinen Kindern über die Wunder der Natur um sie herum. Er erzählte ihnen Geschichten über die Tiere, die in der Umgebung lebten, und über die Traditionen, die ihre Vorfahren geprägt hatten. Diese Geschichten schufen nicht nur Erinnerungen, sondern auch eine Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, die die Kinder in ihrer eigenen Identität stärkten.
Der Wintertag endete, und während die Dunkelheit längst die letzten stunden des Tages beherrschte, lag der Duft des gebratenen Bärenfleisches in der kalten Luft, ein Geschenk der Natur, das mit Respekt angenommen wurde.
Historischer Roman - In Arbeit
Buchvorstellungen
Frontmann
Wilde Zeiten - große Gefühle
Zum Inhalt:
Frontmann – Wilde Zeiten, große Gefühle
Die Verbindung zwischen Musik und Liebe ist so alt wie die Menschheit selbst. Zusammen vereint sie zwei der kraftvollsten Energien des Lebens. Hier verschmelzen Herzklopfen und Harmonie, Inspiration und intime Augenblicke. Ob es die verstohlenen Blicke zwischen Bühne und Publikum sind oder die leidenschaftlichen, turbulenten Momente hinter den Kulissen – es sind Gefühle, die sich kaum in Worte fassen lassen.
Erleben Sie die einzigartige Symbiose von Liebe und Musik und lassen Sie sich von der Magie mitreißen, die entsteht, wenn zwei Herzen im gleichen Takt schlagen.
Dieser Roman offenbart in jeder Phase seinen eigenen Zauber – eine facettenreiche Reise durch das Leben und die Leidenschaft eines Musikers.
"Frontmann" - Leseprobe - Ausschnitt: Intermezzo mit Anne
„Du bist also unser neuer Kollege?“, fragte sie neugierig.
„Ja“, antwortete Max knapp.
„Ich bin Anne“, stellte sie sich vor, „Mädchen für alles hier in der Betonbude – auch zuständig für die Einkleidung. Junge, du bist ja völlig durchgeschwitzt! Kein Wunder, der Weg hierher ist beschwerlich. Ich weiß, dass du vom Gut oben kommst. Ich selbst komme aus Steinersburg, wohne aber hier im Arbeiterwohnheim. Übrigens, da wäre noch ein Zimmer frei, falls du Interesse hast. Bevor du dich jedoch in die neuen Arbeitssachen schwingst, kannst du erstmal duschen – wenn du möchtest.“
„Duschen?“, fragte Max erstaunt. Eine Dusche hatte er bis dahin nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen – damals im Kinderferienlager. Er erinnerte sich, wie die gesamte Kindergruppe, Jungen und Mädchen gemeinsam, nackt unter dem warmen Strahl eines Duschkopfes herumtollte.
„Wo habt ihr hier eine Dusche?“, fragte er skeptisch.
Anne deutete auf eine abseits stehende Wassertonne, die zwischen zwei Betonsäulen passgenau eingesetzt war. Von der Tonne führte ein Rohr mit einer angebrachten Gießkannentülle nach unten.
„An der Kette musst du ziehen“, erklärte sie. „Mit etwas Glück kommt sogar warmes Wasser raus.“
„Und wo kann ich mich umziehen?“, wollte er wissen.
Anne grinste breit, presste ein „Pff“ durch die Lippen und sagte: „Keine Sorge, ich schau’ dir schon nichts ab. Ich habe schon ganz andere Männer gesehen.“
Mit einem schelmischen Lächeln entfernte sie sich, während sie über die Schulter rief: „Ich hole mal deine Arbeitsklamotten.“
Max zögerte einen Moment, entschied sich dann jedoch, sich komplett auszuziehen. Er war allein, und bevor Anne zurückkäme, wollte er längst geduscht und wieder angezogen sein. Doch Anne kehrte schneller zurück, als er erwartet hatte – viel zu schnell für seinen Geschmack. Sie zeigte keinerlei Rührung und agierte, als wäre alles völlig normal. Für Max war es das jedoch keineswegs. Eilig griff er nach seinen Sachen, schnappte sich die Unterhose und zog sie sich in einer schnellen Bewegung über. Anne blieb ungerührt, hielt ihm das Arbeitshemd und anschließend die Hose hin und ließ es sich nicht nehmen, ihm beim Anziehen behilflich zu sein – inklusive gelegentlicher Berührungen.
„Es muss ja alles passen, oder?“, sagte sie dann in einem bemutternden Ton.
Dabei reckte sie ihre Brust leicht, drehte ihren Oberkörper spielerisch und schmollte selbstbewusst mit ihren vollen Lippen. Schließlich wies sie mit einer knappen Geste auf das Tor zur Werkhalle und sagte schnippisch: „Da drinnen findest du den Meister. Melde dich bei ihm.“
Mit einem Schwung warf sie ihm die restlichen Sachen vor die Füße und verschwand.
„Eigenartiges Weib“, murmelte Max, zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg in die Halle, bis zum Meisterbüro, wo er nach einer kurzen Einweisung in die Arbeitssicherheit seine Ausrüstung entgegennahm: eine Schaufel in normaler Größe, einen Hammer, einen Eimer mit Trennmittel und einen Pinsel.
„Das ist alles, was du für deinen Job brauchst“, erklärte der Meister trocken. „Groß nachdenken musst du hier nicht. Das kriegst du doch hin, oder?“
„Klar“, antwortete Max, dachte jedoch insgeheim: „Und dafür habe ich mein Abitur gemacht?“
Zunächst verlief das Schippen zügig, bald bildete sich dann doch die erste Blase am Daumen. Mit dem zweiten größeren ballonförmigen Wassersack in der Innenhand war das Schippen abrupt beendet.
„Das ging mir, als ich damals hier angefangen hatte, genauso“, rief ein Kollege von nebenan rüber. „Anne kommt mir gleich neuen Beton bringen, dann kannst du ihr Bescheid geben, sie wird dich verpflastern.“
Max blickte hinüber und bemerkte einen schmalen, älteren Mann, der gerade konzentriert dabei war, seine Form zu füllen. Sein graues Haar und sein insgesamt gesetztes Erscheinungsbild ließen darauf schließen, dass der Ruhestand für ihn wohl nicht mehr allzu fern war. „Wenn dieser Kollege das über Jahre hinweg erfolgreich gemeistert hat“, dachte er, „dann werde ich das ganz sicher auch schaffen.“ Mit einem freundlichen „Danke!“ wandte er sich an den Mann, doch in diesem Moment fuhr Anne mit ihrem Dumper heran. Direkt vor ihm manövrierte sie das Fahrzeug mit beeindruckender Präzision. Dabei schwappte ein Teil des Betons über die Bordkante und landete direkt vor seinen Füßen.
„Pardon!“, rief sie, dann kippte sie den übergroßen Rest der grauen Masse dem freundlichen Kollegen von nebenan auf den vorgesehenen Platz. Der war bereits mit dem Zusammenbau einer neuen Form beschäftigt und wies auf Max. Anne kam, schaute sich seine Hand an und griente. „Was hast du denn da angestellt? Das wird ja eine größere Operation.“ Mithilfe einer Nadel sorgte sie für vorläufige Entspannung. Die in der Folge aufgepinselte dunkelbraune Substanz entlockte ihm allerdings ein hohes „C“, das er stimmgewaltig herausschrie. Zum Abschluss ihrer Behandlung nahm sie ein größeres Pflaster, legte es in die Innenhand und fixierte dann die Klebeflächen gefühlvoll an die Haut.
„Du schaffst das schon“, sagte Anne nahezu flehend. „Bitte!“
Sie gab ihm einen Schmatz auf die Wange und stieg wieder auf ihren Dumper. Beim Losfahren drehte sie sich nochmals um, ließ ihren Kopf etwas zur Seite fallen und winkte ihm lächelnd zu. Die langen, schwarzen Haare wehten ihr hinterher.
"Wilhelmine - Was ich euch noch sagen wollte"
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