Der Ruf der Bühne

 

Was die Zeit nicht löschen konnte



Der Sportwagen kämpfte sich durch den Sand.

Die Reifen drehten bei jedem tieferen Loch kurz durch, und unter dem Wagen knirschte das Fahrwerk, als protestiere es gegen die Zumutung. Lina hielt sich am Griff über der Tür fest. Ihre Finger waren so angespannt, dass die Knöchel weiß hervortraten.

Durch die Windschutzscheibe sah sie zwischen den Kiefern hindurch den Himmel. Die Sonne stand bereits tief. Ihr Licht lag golden auf den Stämmen und ließ den aufgewirbelten Staub wie feinen Rauch über dem Weg schweben.

„Von einer Sandwüste hat Jonas mit keinem Wort gesprochen.“

Max legte beide Hände fester um das Lenkrad.

„Er hat nur gesagt, ich würde den Weg sowieso nicht finden.“

Lina sah ihn an.

„Jetzt weißt du, warum.“

Max grinste.

„Dann werde ich ihm das Gegenteil beweisen.“

„Und hier wollte dein Enkel Urlaub machen?“

„Offenbar.“

Sie blickte hinaus. Kiefern, Sand, noch mehr Kiefern. Kein Haus, kein Café, kein Zeichen menschlicher Zivilisation.

„Für mich sieht das nach dem Ende der Welt aus.“

Max warf ihr einen kurzen Seitenblick zu.

„Vielleicht ist genau das für junge Leute Freiheit.“

„Keine Eltern, keine Regeln?“

„Keine Eltern, keine Regeln, Freunde und das Gefühl, dass einem die ganze Welt gehört.“

Lina schnaubte.

„Und wir platzen mitten hinein.“

„Das war der Plan.“

„Falls Jonas sich darüber freut.“

Max antwortete nicht.

Zum ersten Mal seit Beginn der Fahrt verschwand das Lächeln aus seinem Gesicht.

Vielleicht war die Idee tatsächlich nicht so gut gewesen.

Er hatte Lina diesen Tag schenken wollen. Keine feierliche Einladung, kein vorsichtiges Gespräch über das, was zwischen ihnen nach all den Jahren geschehen durfte. Er wollte einfach mit ihr losfahren. Einen Tag lang so tun, als gäbe es keine Vergangenheit, die ihnen im Weg stand.

Und jetzt saßen sie in einem Sportwagen, der sich durch eine gottverlassene Sandpiste quälte.

Max musste lächeln.

So hatte er sich Romantik nicht vorgestellt.

Dann sah er zwischen den Bäumen etwas Helles.

Zelte.

Ein dünner Rauchfaden stieg senkrecht in den Himmel.

Kurz darauf hörten sie Stimmen. Gelächter. Musik.

Und schließlich roch Lina das Lagerfeuer.

Max atmete erleichtert aus.

„Geschafft.“

Er kurbelte das Fenster herunter.

„Da vorne. Jonas.“

Seine Stimme hatte plötzlich wieder diesen jungenhaften Klang.

Lina folgte seinem Blick.

Jonas stand neben einem großen Mann mit dichtem Bart. Der Mann war breit gebaut, trug ein verwaschenes Hemd und hatte eine Stimme, die mühelos das ganze Camp erreichte.

„Begeistert sieht Jonas nicht aus“, sagte Lina.

„Warte.“

Max stellte den Motor ab.

In diesem Moment hob Jonas den Kopf.

Eine Sekunde lang bewegte er sich nicht.

Dann ging ein Leuchten über sein Gesicht.

„Hey! Mein Opa ist da!“

Der Bärtige legte Jonas einen Arm um die Schulter.

„Lass gut sein, Bruder. Deinen Opa nehmen wir in unsere Sippe auf.“

Max stieg aus.

Er ging um den Wagen herum und öffnete Lina die Tür.

Sie blieb sitzen.

Max hob eine Augenbraue.

„Lina?“

„Ich überlege noch.“

„Worüber?“

„Ob ich mich freiwillig in eine Horde Jugendlicher begebe.“

Jonas war inzwischen näher gekommen. Er sah in den Wagen.

„Und wer ist die hübsche Frau da drin?“

Der Bärtige folgte seinem Blick.

Seine Augen wurden groß.

Dann grinste er.

„Na, Max.“

Lina musste lachen.

Es war ein helles, warmes Lachen. Einige der Jugendlichen stimmten sofort ein.

„Ihr seid unmöglich.“

„Aber?“, rief der Bärtige.

Lina stieg aus.

Sie sah Max an.

„Aber irgendwie auch wunderbar.“

Das genügte.

Das Camp brach in Gelächter aus.

Der Bärtige kam auf Max zu.

„Hey, Max!“

„Tach, Großer.“

Sie umarmten sich und schlugen einander auf die Schultern.

Sie waren keine engen Freunde. Tatsächlich hatten sie sich nur einige Male auf Jonas' Geburtstagsfeiern gesehen.

Aber manche Menschen brauchten keine gemeinsame Vergangenheit, um sich zu verstehen.

Ein Blick konnte genügen.

Max ließ den Blick über das Camp wandern.

Zelte standen zwischen den Kiefern. Das Feuer brannte auf einer freien Sandfläche. Hinter den Bäumen lag ein kleiner See.

„Jonas hat nicht übertrieben.“

Er zeigte auf das Wasser.

„Das hier ist tatsächlich der Arsch der Welt.“

Der Bärtige lachte.

„Und der berühmte See?“

Max kniff die Augen zusammen.

„Ein ehrgeizig geratener Gartenteich.“

„Warte, bis du den Fisch siehst.“

Am Ufer zogen zwei Jungen gerade etwas aus dem Wasser.

Max schüttelte den Kopf.

Dann hörte er Jonas.

„Komm rüber, Opa!“

Etwas geschah in Max.

Das Feuer. Die Musik. Die jungen Gesichter.

Für einen kurzen Moment war er wieder zwanzig.

Er erinnerte sich an Nächte unter freiem Himmel, an Gitarren, an Mädchen zwischen Zelten und an dieses wunderbare Gefühl, dass das Leben noch nicht entschieden war.

Fast sechzig Jahre waren vergangen.

Und plötzlich schienen sie verschwunden.

Max war fünfundsiebzig. Aber er trug dunkle Jeans und ein ausgewaschenes AC/DC-Shirt und bewegte sich mit der Haltung eines Mannes, der sein Alter nie als Entschuldigung akzeptiert hatte.

Die anerkennenden Bemerkungen der jungen Männer hörte er.

Und er genoss sie.

Bis der Sand kam.

Nach wenigen Metern blieb ihm die Luft weg.

Der Bärtige ging weiter, als hätte er den Boden unter den Füßen nicht einmal bemerkt.

Max blieb stehen.

„Na schön“, murmelte er. „Zwanzig bist du wirklich nicht mehr.“

Dann sah er zurück zum Wagen.

„Ich habe da übrigens noch einen Schatz.“

Jonas grinste.

„Lina?“

„Wer sonst?“

Ein Johlen ging durch die Runde.

„Ist das deine neue Freundin?“

Max hob beide Hände.

„Ganz ruhig. Ich bin weder heimlich durchgebrannt noch auf der Suche nach einem Abenteuer.“

Er sah zu Lina.

Dann wurde sein Gesicht ernst.

„Aber Lina gehört zu mir.“

Der Bärtige grinste.

„Dann hol sie endlich.“

Wenig später kam Max mit Lina zurück.

Das Feuer war inzwischen höher geworden. Sein Licht lag warm auf ihren Gesichtern.

Die Gespräche verstummten.

Max legte Lina den Arm um die Schultern.

Es war keine demonstrative Geste.

Sie war selbstverständlich.

„Tolle Karosse!“, rief einer der Jungen.

Max grinste.

„Von der Karosse rede ich gar nicht.“

Er zog Lina ein wenig näher.

„Das hier ist Lina.“

Pfiffe und Applaus.

Jonas schüttelte den Kopf.

„Das ist mein Opa.“

Stolz lag in seiner Stimme.

Max sah die jungen Menschen vor sich an.

„Der Benz ist schon nicht schlecht. Aber am Ende ist er nur Blech.“

Er machte eine Pause.

„Wichtiger ist etwas anderes.“

Die Stimmen wurden leiser.

„Lebt so, dass ihr euch später gern an euer Leben erinnert.“

Er sah in die Gesichter.

„Ihr wisst noch nicht, wie lange euch ein einziger Abend begleiten kann.“

Lina spürte seinen Blick.

Sie nickte.

„Stimmt.“


Später saßen sie um das Feuer.

Der Himmel war dunkel geworden. Bierflaschen wanderten von Hand zu Hand, jemand hatte Musik aufgelegt, und über dem See lag bereits ein erster Streifen Nebel.

Jonas stellte schließlich die Frage, die alle erwartet hatten.

„Wie habt ihr euch eigentlich kennengelernt?“

Es wurde still.

Lina sah Max an.

Er erwiderte ihren Blick.

Sechzig Jahre lagen zwischen ihnen.

Und doch genügte dieser eine Augenblick, um die Zeit zurückzudrehen.

„Das ist eine lange Geschichte“, sagte Lina.

„Dann erzähl sie.“

Sie lächelte.

„Wir waren jung.“

„Und dumm“, sagte Max.

Gelächter.

Lina schüttelte den Kopf.

„Nein. Nicht dumm.“

Sie sah ins Feuer.

„Wir hatten etwas Besonderes. Aber wir waren nicht mutig genug, dafür zu kämpfen.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Diese Entscheidung bereue ich bis heute.“

Niemand lachte mehr.

„Wenn ihr irgendwann jemanden trefft und wisst, dass dieser Mensch euch alles bedeutet, dann seid nicht so stolz, wie ich es damals war.“

Sie sah Max an.

„Stolz kann einem verdammt viel kaputtmachen.“

Einer der Jungen räusperte sich.

„Aber nach sechzig Jahren ... denkst du wirklich noch daran?“

Lina antwortete nicht sofort.

Sie sah Max an.

Das Feuer spiegelte sich in seinen Augen.

Für einen Moment gab es die anderen Menschen nicht mehr.

Nur ihn.

Den Jungen von damals.

Den Mann von heute.

Und den Menschen, den sie niemals vergessen hatte.

Dann beugte sie sich vor und küsste ihn.

Zärtlich.

Ohne Hast.

Als wäre zwischen dem Abschied und diesem Augenblick keine Zeit vergangen.

Als sie sich lösten, war es still.

Max lächelte.

„Ja“, sagte er.

Dann sah er in die Runde.

„Und auch nein.“

Er nahm langsam Luft.

„Ja, weil wir uns sechzig Jahre lang nie wirklich vergessen haben. Nein, weil wir trotzdem unser eigenes Leben geführt haben.“

Sein Blick ging zu Lina.

„Wir können die Vergangenheit nicht ändern.“

Er drückte ihre Hand.

„Aber wir können entscheiden, was wir mit der Zeit machen, die uns noch bleibt.“


Später nahm Max eine alte Gitarre.

Er spielte.

Er sang.

Und Lina beobachtete ihn.

Sie liebte die kleinen Fältchen um seine Augen. Die grauen Haare. Die Ruhe, die früher nie zu ihm gehörte.

Das Leben hatte ihn verändert.

Aber nicht vollständig.

Manchmal war der Mann von damals noch da.

Der Musiker.

Der Träumer.

Der Rebell.

Als das Feuer kleiner wurde, fragte einer der Jungen:

„Warst du wirklich Sänger?“

Max sah hinaus auf den See.

„Ja.“

Seine Stimme klang plötzlich anders.

„Eine Zeit lang war ich Frontmann.“

Lina bemerkte die Veränderung sofort.

„Und dann?“

Max schwieg.

„Irgendwann habe ich gelernt, dass zwischen Erfolg und Absturz manchmal nur ein einziger Schritt liegt.“

Lina legte ihre Hand auf seine.

Sie wusste es jetzt.

Hinter Max' Geschichte lag etwas, das er noch immer vor der Welt verborgen hielt.

Und sie ahnte, dass der Abend im Camp nur der Anfang gewesen war.


Der Morgen danach

Nebel hing zwischen den Kiefern.

Das Lager schlief noch.

Lina saß auf einem umgedrehten Holzstamm und hielt eine Tasse Kaffee in den Händen.

Sie dachte an den Kuss.

An Max.

An die sechzig Jahre, die plötzlich nicht mehr wie eine unüberwindbare Entfernung wirkten.

Hinter ihr knackte ein Zweig.

Sie musste sich nicht umdrehen.

„Du bist schon wach.“

„Du auch.“

Max setzte sich neben sie.

Zwischen ihnen blieb ein kleiner Abstand.

Nicht aus Kälte.

Aus Vorsicht.

„Ich habe gestern zu viel erzählt.“

Lina hob eine Augenbraue.

„Du hast fast nichts erzählt.“

Ein Mundwinkel zuckte.

„Eben.“

Sie stellte die Tasse ab.

„Du musst mir nicht alles sagen.“

Max sah sie an.

„Bei dir schon.“

„Warum?“

Er antwortete erst nach langer Zeit.

„Weil ich dich einmal verloren habe, ohne zu verstehen, wie.“

Etwas zog sich in ihrer Brust zusammen.

„Wir haben uns gegenseitig verloren.“

„Ja.“

Er sah auf seine Hände.

„Aber ich habe nie aufgehört zu glauben, dass es meine Entscheidung gewesen ist.“

„War es das?“

Max blickte hinaus auf den See.

„Damals glaubte ich, ich müsste beweisen, dass ich niemanden brauche.“

Er lächelte bitter.

„Nicht dich. Niemanden.“

Lina schwieg.

„Und dann bin ich genau dort gelandet, wo Menschen landen, die alles allein schaffen wollen.“

„Bei der Musik?“

„Bei der Musik. Beim Erfolg. Bei mir selbst.“

Sie sah ihn an.

„Du warst Sänger.“

„Ja.“

„Und dann?“

Max ließ den Blick über das Wasser wandern.

„Dann dachte ich, solange die Menschen meinen Namen rufen, kann mir nichts passieren.“

Lina spürte, dass hinter diesen Worten mehr lag.

Viel mehr.

„Und Jonas?“

Sein Gesicht wurde weich.

„Er weiß die Hälfte. Vielleicht weniger.“

„Warum?“

„Weil ich nicht wollte, dass er mich so sieht.“

„Und jetzt?“

Max sah sie an.

„Jetzt weiß ich nicht mehr, ob ich noch der Mann bin, den ich damals versteckt habe.“

Lina rückte näher.

Ihre Schulter berührte seine.

„Du bist nicht mehr dieser Mann.“

„Gut oder schlecht?“

Sie überlegte.

„Beides.“

Ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesicht.

Hinter ihnen knackte ein Zweig.

Jonas trat aus einem Zelt.

Er blieb stehen, als er die beiden sah.

„Ihr seid schon wach?“

„Zu alt zum Ausschlafen“, sagte Max.

„Du vielleicht.“

Jonas grinste.

Dann sah er zwischen ihnen hin und her.

„Alles okay?“

Max wollte antworten.

Doch Lina kam ihm zuvor.

„Ja.“

Sie lächelte.

„Es wird gerade wieder okay.“

Jonas nickte.

Offenbar genügte ihm die Antwort.

Er ging zum See.

Max sah ihm nach.

„Er merkt mehr, als ich dachte.“

„Kinder merken immer mehr.“

„Er ist kein Kind mehr.“

„Für dich vielleicht nicht.“

Max schwieg.

Dann legte er seine Hand neben ihre.

Nicht auf ihre.

Daneben.

Eine Einladung.

„Ich habe Angst.“

Lina sah ihn an.

„Vor Jonas?“

Er schüttelte den Kopf.

„Vor allem, was ich wieder aufmache.“

„Oder vor allem, was du nie richtig zugemacht hast?“

Er lächelte müde.

„Vielleicht.“

Dann sah er sie an.

„Ich muss meine Geschichte loswerden.“

„An mich? An Jonas?“

„Lina, ihr habt ein Recht darauf, alles zu erfahren.“

Sie dachte an den vergangenen Abend.

„Dann erzähl sie.“

Max sah sie überrascht an.

„Einfach so?“

„Nicht einfach so.“

Sie stand auf.

„Wir laden alle ein.“

„Alle?“

„Alle, denen du deine Geschichte erzählen willst.“

Max starrte sie an.

„Zu einer Grillparty?“

„Bei uns.“

„Ausgerechnet du hast diesen Plan?“

Lina lächelte.

„Natürlich.“

Dann nahm sie seine Hand.

„Und weißt du was? Mir kommt er sogar entgegen.“

„Warum?“

„Weil ich nicht noch einmal sechzig Jahre warten möchte.“

Max sah sie an.

In seinem Gesicht lagen Wärme und Unglauben.

Und etwas anderes.

Etwas, das tiefer ging.

„Du würdest das wirklich tun?“

„Ja.“

„Für Jonas?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Auch für ihn.“

Ihre Finger schlossen sich um seine.

„Aber nicht nur.“


Grillen bei Lina und Max

Die Kohle glühte rot.

Rauch stieg über dem Garten auf. Der Duft von Kräutern und gebratenem Fleisch lag in der warmen Abendluft. Stimmen und Lachen vermischten sich mit dem Klirren der Gläser.

Mehr Menschen waren gekommen, als Max erwartet hatte.

Verwandte.

Alte Freunde.

Menschen aus verschiedenen Abschnitten seines Lebens.

Und Jonas.

Natürlich hatte Jonas Freunde mitgebracht.

Max sah ihn an.

„Ganz schön viele Leute.“

„Du hast selbst noch welche mitgebracht.“

Jonas grinste.

„Ich wollte sicherstellen, dass du nicht kneifst.“

Max lachte.

„Heute kneife ich nicht.“

Sein Blick wanderte zu Lina.

Sie stand am anderen Ende des Gartens und sprach mit Maria. Der Wind bewegte ihr Haar.

Für einen Moment hatte Max das Gefühl, als sei all dies längst entschieden gewesen. Als hätten diese Menschen und dieser Abend irgendwo auf ihn gewartet.

Dann hob er sein Glas.

Die Gespräche verstummten.

„Danke, dass ihr gekommen seid.“

Er sah in die Runde.

„Es gibt eine Geschichte, die ich viel zu lange für mich behalten habe.“

Stille.

Seine Augen fanden Jonas.

Dann Lina.

„Eine Geschichte, die erklärt, warum ich geworden bin, wer ich heute bin.“

Lina trat neben ihn.

Max legte ihr die Hand an den Rücken.

Eine kleine Geste.

Aber jeder verstand sie.

„Lina wird euch meine Geschichte erzählen“, sagte er. „Sie kennt sie genauso gut wie ich.“

Ein leises Raunen ging durch die Runde.

„Wir haben alles gemeinsam aufgeschrieben.“

Max atmete aus.

„Wenn ich selbst anfange, komme ich wahrscheinlich nicht weit.“

Jonas setzte sich aufrechter hin.

Max sah ihn an.

Dann wusste er, dass es kein Zurück mehr gab.

Lina trat einen Schritt nach vorn.

Sie sah die Menschen an, die gekommen waren, um zuzuhören.

Dann begann sie.

„Manche Geschichten erzählt man nicht, um die Vergangenheit wiederzubeleben.“

Sie machte eine Pause.

„Man erzählt sie, damit die Menschen verstehen, warum jemand geworden ist, wer er heute ist.“

Ihr Blick glitt zu Max.

„Unsere Geschichte beginnt an einem heißen Sommertag.“

Max schloss für einen Augenblick die Augen.

Er wusste, was jetzt kam.

Der Tag, an dem alles begonnen hatte.

Der Tag, an dem er Lina zum ersten Mal gesehen hatte.

Und der Tag, an dem sein Leben eine Richtung nahm, von der er damals nicht ahnte, wohin sie führen würde.

 

Ein Ton, der alles verändert

Der letzte Ton der Trompete hing noch in der Luft, als Max den Koffer schloss.

Er schob den Notenständer zusammen, legte die Partituren sorgfältig in die Mappe und strich kurz über den Deckel seines Instrumentenkoffers.

Alles war Routine.

Seit Jahren.

Hinter ihm begann bereits der nächste Programmpunkt.

Tänzer schleppten Requisiten auf die Bühne. Kostüme raschelten. Der Conférencier sprang mit ausladenden Gesten über die Bretter und versuchte, das Publikum bei Laune zu halten.

Max beobachtete die Szene.

Dann lächelte er.

Zum Glück spiele ich Trompete.

Er stellte sich vor, selbst dort oben in Tracht über die Bühne zu springen, und musste unwillkürlich grinsen.

Nein. Musiker passt eindeutig besser zu mir.

Er wandte sich ab. Die letzten Takte des Orchesters hallten noch immer in ihm nach. Sie hatten sich tief in sein Innerstes eingegraben. Eine Phrase glitt in die nächste, leicht und schwebend, und beinahe unmerklich summte er sie beim Überqueren des Festplatzes vor sich hin. Für einen kostbaren Augenblick war er noch dort oben auf der Bühne, umgeben von einer Musik, die alles andere zum Schweigen gebracht hatte.

Dann holte ihn die Wirklichkeit mit voller Wucht ein.

Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte erbarmungslos auf den Festplatz herab. Kein Windhauch regte sich. Der Auftritt hatte seinen Tribut gefordert: Seine Zunge klebte am Gaumen, und das weiße Hemd war längst völlig durchgeschwitzt und haftete unangenehm an seinem Rücken.

Wasser.

Der Gedanke verdrängte alles andere.

Max hob den Blick und entdeckte am anderen Ende des Festplatzes, neben den parkenden Reisebussen, einen Getränkestand. Die bunten Sonnenschirme wirkten wie eine kleine Oase in der flirrenden Hitze.

Ohne zu zögern setzte er sich in Bewegung.

Den Trompetenkoffer fest in der rechten Hand, den Stoffbeutel über die Schulter geworfen, bahnte er sich seinen Weg durch die Menschenmenge. Immer wieder musste er ausweichen. Überall standen Besucher in kleinen Gruppen zusammen, lachten, diskutierten lebhaft oder erzählten von den Darbietungen des Tages. All das nahm er nur am Rande wahr.

Während Max sich einen Weg durch das Gedränge bahnte, fiel ihm sein Dirigent auf. Der ging gerade zielstrebig auf einen Mann zu, den Max zunächst nicht erkennen konnte.

Er wollte weitergehen.

Dann hörte er die Stimme seines Dirigenten.

„Hey, Hübi! Was machst du denn hier bei uns?“

Max blieb wie angewurzelt stehen.

Hübi?

Es konnte nur einer sein. Der Leiter von Hübis Musikexpress. Sein Idol.

Eine Gruppe laut kichernder Mädchen schob sich genau zwischen ihn und die beiden Männer. Ihre Stimmen verschluckten jedes zweite Wort. Max stellte seinen Beutel unauffällig auf den Boden. Der Durst war vergessen.

Er lauschte.

„… wer ist denn … junger Trompeter?“

Mehr verstand er zunächst nicht.

Dann kam der nächste Satz.

„Der hat ein Solo gespielt, das wirklich erstklassig war.“

Max spürte, wie sein Puls schneller wurde.

„Den würde ich gern in meiner Band haben.“

Alles um ihn herum trat in den Hintergrund.

Meint er … mich?

Der Gedanke traf ihn völlig unvorbereitet.

Das kann nicht sein. Hat ihm mein Solo wirklich gefallen? Will ausgerechnet Hübi mich in seiner Band haben?

Das Stimmengewirr um ihn herum verschwand. Nur noch die beiden Männer existierten.

„Der Junge heißt Max Bereg“, hörte er seinen Dirigenten sagen. „Er hat großes Talent. Aber das wird schwierig. Er ist erst sechzehn.“

„Erst sechzehn?“

Die Überraschung in Hübis Stimme war unüberhörbar. Max musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzulachen.

Dann sprach sein großes Vorbild weiter.

„Das hätte ich nie gedacht. Mit den dunklen Locken und dem Bartansatz wirkt er deutlich älter. Auf meiner Bühne würde das niemand merken.“

Er lachte.

„Du weißt ja selbst: Unter Achtzehnjährige müssen um zehn Uhr den Saal verlassen.“

Der Dirigent grinste.

„Und bei den Mädels sorgt er auch schon für Aufregung.“

„Ach?“

„Aber das ist wieder eine andere Geschichte.“

Hübi nickte schmunzelnd.

„Ich rede nachher mal mit ihm.“

Jetzt muss ich verschwinden.

Max erschrak. Schnell hob er seinen Beutel wieder auf und schob sich möglichst unauffällig zwischen den Besuchern hindurch. Bloß nicht erwischen lassen. Allein der Gedanke, dass Hübi merken könnte, wie er das Gespräch mitgehört hatte, ließ ihm das Blut in den Kopf schießen.

Er hatte kaum zehn Meter geschafft, als hinter ihm eine Stimme erklang.

„Hallo, Max!“

Er blieb stehen und drehte sich um. Hübi hatte ihn längst eingeholt.

„Ich bin übrigens der Leiter von Hübis Musikexpress.“

„Hallo.“

Mehr brachte Max nicht heraus.

Hübi musterte ihn freundlich.

„Ganz schön heiß heute.“

Max nickte.

„Ja.“

„Ihr habt da oben bestimmt ordentlich geschwitzt.“

Max lachte kurz.

„Das kann man wohl sagen. Mein Hemd ist komplett durchnässt.“

„Dann brauchst du bestimmt erst einmal etwas zu trinken.“

Er deutete zu den parkenden Autos.

„Ich habe noch kaltes Wasser im Wagen.“

Max musste nicht lange überlegen.

„Das wäre großartig. Danke.“

„Komm einfach mit.“

Gemeinsam gingen sie zwischen den Reisebussen hindurch. Dann begann Hübi ganz selbstverständlich über Musik zu sprechen. Über Swing, Tanzmusik, Bigband-Sound und die Freude daran, Menschen mit einem guten Konzert zum Lächeln zu bringen.

Max hörte aufmerksam zu. Mit jedem Schritt wurde ihm klarer, dass dieser Nachmittag gerade dabei war, sein Leben zu verändern.

„Ich mag übrigens auch Blasmusik“, sagte Hübi beinahe beiläufig, „aber nur, wenn sie wirklich gut gespielt wird. Alles andere langweilt mich.“

Max hob den Kopf.

„Dein Auftritt eben …“ Hübi schüttelte kaum merklich den Kopf. „Der hat mich beeindruckt. Das Trompetensolo aus Die Post im Walde habe ich seit Jahren nicht mehr so gehört.“

Er schaute Max fest in die Augen.

„Du würdest hervorragend in meine Band passen.“

Die Worte trafen Max völlig unvorbereitet.

„Hast du Lust mitzumachen? Ich bin sicher, die anderen wären genauso begeistert von dir wie ich.“

Max antwortete nicht gleich. Genau davon hatte er immer geträumt. Musik als Mittelpunkt des Lebens.

Und ausgerechnet jetzt.

In seinem Kopf überschlugen sich die Gedanken. Schule. Abitur. Seine Eltern. Das geplante Musikstudium. Wie sollte das alles zusammenpassen?

„Nun, Max?“ Hübi sah ihn gelassen an. „Hast du dir schon Gedanken gemacht?“

Max holte tief Luft.

„Ja.“

Das Wort fiel ihm schwer.

„Vielen Dank für das Angebot. Wirklich. Es bedeutet mir sehr viel. Aber ich muss erst die Schule beenden. Danach möchte ich Musik studieren. Das ist mein größter Traum.“

Seine Finger spielten nervös mit dem Trageriemen des Trompetenkoffers.

„Wenn Sie dann noch Interesse haben … würde ich sehr gern für Sie Trompete spielen.“

Ein Hauch von Freude zeichnete sich auf seinem Gesicht ab.

„Eigentlich möchte ich irgendwann singen und Gitarre spielen. Musik ist einfach das, was ich mein ganzes Leben machen will. Ich glaube nur, dass ich nach dem Studium besser darauf vorbereitet bin.“

Der Mann lachte.

„Das klingt großartig.“

Er griff in seine Jackentasche und zog einen kleinen Notizblock hervor.

„Und wer sagt eigentlich, dass man damit bis nach dem Studium warten muss?“

Mit schnellen Strichen schrieb er etwas auf.

„Dein vollständiger Name.“

Max nannte ihn.

„Adresse?“

Auch die notierte er sorgfältig. Dann riss er das Blatt nicht heraus, sondern steckte den Block wieder ein und hielt Max die Hand hin.

„Ich bin Bernd.“

Max ergriff sie. Der Händedruck war fest.

„Und ich denke, du bist genau der Musiker, nach dem ich gesucht habe.“

Bernds Blick verriet aufrichtige Freude.

„Wir bleiben in Kontakt. Darauf kannst du dich verlassen.“

Max nickte. Er brachte kein Wort heraus. Tief in seinem Inneren wusste er jedoch, dass dieser Nachmittag mehr verändert hatte als jeder Auftritt zuvor.

*

Noch immer wie benommen verließ Max das Festgelände. Seine Füße trugen ihn beinahe von selbst in Richtung Bushaltestelle. Er achtete kaum darauf, wohin er ging.

Bis mit einem Mal jemand mit ihm zusammenstieß.

„Oh!“

Max geriet ins Straucheln. Vor ihm verlor ein Mädchen das Gleichgewicht und fiel rückwärts in den Staub.

„Verdammt!“

Er stellte Trompete, Notenständer und Tasche ab und kniete sich neben sie.

„Ist dir etwas passiert?“

Sie blinzelte zu ihm auf. Ihre großen blauen Augen blickten ihn überrascht an, aber ohne jede Spur von Angst.

„Ich … ich weiß es nicht.“

Nachdenklich zog sie die Lippen zusammen.

„Vermutlich nicht. Ganz sicher bin ich mir allerdings noch nicht.“

Max runzelte die Stirn.

Irgendetwas an ihr war anders. Die meisten Menschen hätten sich nach einem solchen Sturz geärgert, wären erschrocken oder hätten sich zumindest über die peinliche Situation beklagt. Sie dagegen sah ihn an, als wäre das Ganze kaum mehr als eine kleine Unterbrechung an einem ansonsten vollkommenen Tag.

„Komm.“

Er streckte ihr die Hand entgegen.

„Steh erst einmal auf.“

Sie sah auf seine Hand. Einen Moment lang schien sie zu überlegen, ob sie sie nehmen sollte. Dann hob sie den Blick.

„Jetzt tut es weh.“

Sofort wich die Belustigung aus seinem Gesicht.

„Wo?“

Sie hob vorsichtig die rechte Hand.

„Hier. Ich glaube, sie wird dick.“

Max nahm ihre Hand behutsam in seine. Sie war erstaunlich warm und so zart, dass er unwillkürlich vorsichtiger wurde. Mit den Fingerspitzen prüfte er ihr Handgelenk, bewegte langsam ihre Finger und tastete nach empfindlichen Stellen.

Doch dann bemerkte er, dass sie ihn beobachtete.

Ruhig. Vertrauensvoll. Fast ein wenig neugierig.

Sie verzog kaum das Gesicht, obwohl er wusste, dass jede seiner Bewegungen unangenehm sein musste.

„Wahrscheinlich ist nichts gebrochen“, sagte er schließlich und atmete erleichtert auf. „Aber wir sollten die Hand trotzdem verbinden.“

Ohne weiter darüber nachzudenken, zog er sich das verschwitzte Hemd über den Kopf. Aus dem Stoff formte er mit ein paar geübten Griffen einen provisorischen Verband.

Der Erste-Hilfe-Kurs hatte offenbar doch etwas gebracht.

„So.“

Er zog den Knoten vorsichtig fest und prüfte, ob er irgendwo einschnitt.

„Fürs Erste sollte das reichen. Ein richtiger Verband wäre natürlich besser.“

Sie betrachtete ihre bandagierte Hand. Dann sah sie wieder zu ihm.

„Danke.“

Nur dieses eine Wort.

Und trotzdem löste es etwas in ihm aus, das er nicht einordnen konnte.

„Bist du allein hier?“

„Meine Schwester ist schon mit dem Bus nach Hause gefahren.“

„Und du?“

Sie sah ihn an, als wäre die Antwort vollkommen offensichtlich.

„Ich wollte noch bleiben.“

„Warum?“

Ein Hauch von Rot erschien auf ihren Wangen.

„Weil ich dich um ein Autogramm bitten wollte.“

Max blinzelte.

Ein Autogramm.

Er hatte mit vielem gerechnet. Damit allerdings nicht.

„Das war mir wichtig“, fügte sie hinzu.

Ein Lachen entwich ihm.

„Na gut.“

Er zog einen Flyer seines Orchesters hervor, setzte seine Unterschrift darunter und reichte ihn ihr.

Sie nahm das Blatt mit einer Sorgfalt entgegen, die beinahe rührend war, als hielte sie etwas Kostbares in den Händen.

Sein erstes Autogramm.

Und da war beinahe dieses kindliche Glücksgefühl in seiner Brust. Jemand war seinetwegen geblieben.

„Und wenn du mir jetzt noch etwas auf der Trompete vorspielst“, sagte sie mit einem süffisanten Lächeln, „werde ich bestimmt ganz gesund.“

„Die Trompete bleibt heute im Koffer.“

Er musterte sie einen Augenblick. Dann legte er die Hände an den Mund.

Kurz darauf durchschnitt ein täuschend echter Uhuruf den Festplatz.

Der Ruf schien in der warmen Sommerluft zu schweben, wurde länger, nahm Ton um Ton Gestalt an und verwandelte sich schließlich in die Melodie von Oh, wie so trügerisch sind Frauenherzen.

Mehrere Besucher drehten sich nach ihnen um.

Das Mädchen lachte.

Hell und frei.

Ihr Lachen traf Max unerwartet mitten ins Herz.

Er lachte mit.

Für einen Augenblick war alles andere verschwunden. Der Lärm des Festes. Die Stimmen der Menschen. Die Musik. Sogar die Zeit.

Dann machte sie einen Schritt auf ihn zu, viel zu nah.

Eine feine Haarsträhne hatte sich aus ihrer Frisur gelöst und fiel ihr über die Wange. Max nahm einen Hauch ihres Duftes wahr – Sommer, ein wenig Blütenparfum und etwas Wärmeres, das er nicht benennen konnte.

Etwas, das nur ihr gehörte.

Sein Herz schlug schneller.

Was geschah hier?

Er kannte sie kaum fünf Minuten.

Und trotzdem hatte er das Gefühl, als hätte jemand tief in seinem Inneren eine Tür geöffnet, von deren Existenz er bis zu diesem Augenblick nichts gewusst hatte.

Seine Hände wussten nicht mehr, wohin mit sich. Verlegen schob er sie in die Hosentaschen.

„Ich …“

Er brach ab und schüttelte lächelnd den Kopf.

„Das klingt wahrscheinlich völlig verrückt.“

Sein Blick blieb an ihr hängen.

Er konnte einfach nicht wegsehen.

„Ich weiß nicht, warum … aber ich möchte dich unbedingt wiedersehen.“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

„Irgendetwas ist gerade passiert.“

Sie sah ihn lange an.

Dann lachte sie.

„Das sagst du bestimmt allen Mädchen.“

„Nein.“

Die Antwort kam so schnell, dass sie selbst überrascht schien.

„Noch nie.“

Er schüttelte den Kopf.

„Ich war überhaupt noch nie verliebt. Ich weiß nicht einmal, wie sich das anfühlt.“

Sein Blick glitt über ihr Gesicht und blieb schließlich wieder an ihren Augen hängen.

„Aber wenn es sich so anfühlt … dann ist es jedenfalls neu.“

Er konnte den Blick nicht von ihr lösen.

Am liebsten hätte er die letzten Zentimeter zwischen ihnen überwunden. Hätte ihre Hand fester gehalten, sie zu sich gezogen, ihren Mund auf seinem gespürt.

Doch er rührte sich nicht.

Er kannte nicht einmal ihren Namen.

Sie hatten vielleicht zehn Sätze miteinander gewechselt.

Und trotzdem hatte sich in ihm etwas verändert.

Sie hob das Kinn.

Ihre Lippen waren nur noch wenige Zentimeter von seinen entfernt.

Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen, legte ihre freie Hand an seine Schulter und zog ihn behutsam zu sich.

„Ich wollte dich unbedingt kennenlernen“, flüsterte sie.

Ihr Atem strich warm über seine Haut.

„Seit deinem Solo bei deinem letzten Auftritt muss ich immer wieder an dich denken. Deine Musik hat mich viel tiefer berührt, als ich je erwartet hätte.“

Max brachte kaum ein Wort heraus.

„Danke.“

Mehr schaffte er nicht.

Der Lärm des Festes rückte in weite Ferne.

Es gab nur noch sie.

Ihre Nähe.

Ihre Hand in seiner.

Dann riss ihn ein Gedanke aus diesem Zauber.

„Oh nein! Mein Bus!“

Er fuhr erschrocken herum und griff hastig nach seiner Trompete, dem Notenständer und seiner Tasche. Fast gleichzeitig sah er auf ihre bandagierte Hand. Sein Hemd.

„Ach ja.“ Er zeigte darauf. „Willst du das eigentlich wieder loswerden?“

Sie sah auf den Stoff, dann zu ihm.

Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. Sie schüttelte den Kopf.

„Eigentlich würde ich es gern behalten.“

Für einen winzigen Moment war ihm der Bus völlig egal.

Er sah zur Bushaltestelle.

Leer.

Der Bus war verschwunden, als hätte er nie dort gestanden.

Max stellte die Trompete vorsichtig auf den Boden.

„Na gut, bis der nächste Bus kommt, kannst du es behalten.“

Ein schiefes Grinsen.

„Danach brauche ich es allerdings wieder.“

Neben ihnen stand wie aus dem Nichts ein Wagen. Das Fenster war heruntergekurbelt, und Bernd lehnte sich hinaus.

„Ey, Uhu!“

Max drehte sich um.

„Deine Uhu-Imitationen – ich hätte schwören können, dass da wirklich einer im Baum sitzt.“

Bernds Blick glitt zu dem Mädchen, blieb einen Moment an ihr hängen und wanderte dann zur leeren Haltestelle.

„Aber dein Bus ist weg.“

Er zuckte mit den Schultern.

„Macht nichts. Busse kommen wieder.“ Eine kaum merkliche Pause. „Manche Dinge nicht.“

Das Mädchen sah ihn an.

In ihren Augen lag etwas, das er nicht lesen konnte.

„Steigt ein“, sagte Bernd. „Ich fahr euch.“

„Ich komme schon klar.“

Die Antwort kam sofort.

Sie wandte sich nicht einmal zu Bernd, sondern sah nur Max an.

„Ich nehme den nächsten Bus.“

„Okay.“

„Das Hemd behalte ich.“

Max blinzelte.

„Einverstanden. Wasch es mir dann.“

„Nein.“

Ihre Stimme war ruhig.

„Ich wasche es nicht.“

Ein winziger Zug um ihre Mundwinkel.

„Und zurück bekommst du es auch nicht.“

Max starrte sie an. Dann musste er grinsen.

„Das ist Diebstahl.“

„Vielleicht.“

Bernd trat neben dem Wagen ungeduldig von einem Fuß auf den anderen. Der Motor lief noch immer, und sein Brummen schien das Gespräch endgültig beenden zu wollen.

Max sah auf das Hemd.

Ihr Duft hing darin – etwas Herbes, etwas Frisches, vermischt mit dem Geruch des Abends. Er wusste, dass er sich diesen Duft merken würde. Er wusste nur noch nicht, warum.

„Na gut.“

Er öffnete seine Notenmappe.

Zwischen den Noten fand er ein einzelnes Blatt.

Gruß ans Liebchen – Johann Brussig.

Er hielt den Stift darüber.

„Wie heißt du? Und wo wohnst du?“

Sie antwortete ohne zu zögern, als hätte sie längst gewusst, dass diese Frage kommen würde.

„Angelina Lobach. Verda, Dorfstraße sechsunddreißig.“

Max schrieb.

„Aber komm nicht direkt zu mir.“

Er sah auf.

„Was?“

„Fahr am Haus vorbei bis zur Waldlichtung.“

Ihre Stimme wurde leiser.

„Dort treffen wir uns.“

„Wann?“

„Sonntag. Drei Uhr.“

Etwas in ihm spannte sich an.

„Warum nicht bei dir?“

„Meine Vermieterin will keinen Besuch.“

Sie zuckte mit den Schultern, als wäre damit alles gesagt.

Dann sah sie ihn wieder an.

„Nenn mich Lina.“

„Okay, Lina.“

Der Name fühlte sich seltsam richtig an.

Sie machte einen Schritt zurück.

„Ich komme aus Ullersburg. Ein Dorf in den Bergen. Da gibt es nichts. Deshalb bin ich hier. Meine Schwester wohnt gleich um die Ecke.“

„Jetzt reicht's“, warf Bernd ein. „Ich habe keine Zeit für Lebensgeschichten.“

Lina sah Max noch einen Moment an.

„Ich komme ja schon.“

Er ließ sie los und stieg ein.

Bevor Bernd losfuhr, kurbelte Max das Fenster herunter.

„Bis Sonntag!“

Lina hob die Hand.

„Ich zähl die Stunden!“

Der Wagen setzte sich in Bewegung.

Max drehte sich um.

Sie stand noch immer dort.

Der Wind bewegte ihr Haar. Das letzte Licht des Tages lag auf ihren Schultern, während die Straße zwischen ihnen länger wurde. Mit jeder Kurve wurde sie kleiner, bis sie schließlich nur noch ein heller Punkt zwischen Asphalt und Schatten war.

Erst als sie verschwunden war, drehte Max sich nach vorn.

Im Wagen war es still.

Nur die Reifen sangen monoton über den Asphalt.

Schließlich räusperte sich Bernd.

„Also … Trompete.“

Max lächelte.

„Was ist damit?“

„Du spielst anders als die meisten in deinem Alter.“

Max sah ihn von der Seite an.

„Wie denn?“

Bernd dachte einen Moment nach.

„Nicht geschniegelt.“

Max hob eine Augenbraue.

„Nicht geschniegelt-schön“, verbesserte Bernd sich. „Du erzählst etwas.“

Er sah kurz zu ihm hinüber.

„Selbst wenn ein Ton nicht hundertprozentig sitzt, hört man, was du sagen willst.“

Max schwieg.

Das hatte noch nie jemand so formuliert.

„Mein Vater sagt immer, Musik muss atmen.“

„Ein kluger Mann.“

Wieder Stille.

Doch diesmal war sie anders.

Max begann zu erzählen.

Von den Platten, die er zu Hause immer wieder hörte. Von alten Jazzaufnahmen und dem warmen Knacken, das zwischen den Tönen lag. Von Soli, die er so oft zurückspulte, bis jede Wendung in seinem Kopf lebte. Von Musikern, deren Spiel sich nicht kopieren ließ, weil jeder von ihnen eine eigene Sprache besaß.

Bernd stellte Fragen.

Keine höflichen Fragen, die man stellte, weil man musste.

Echte Fragen.

Fragen, die Max merken ließen, dass der Mann neben ihm tatsächlich zuhörte.

Also redete er weiter.

Sie diskutierten über Klangfarben und Phrasierung. Darüber, dass ein einzelner schiefer Ton manchmal mehr Wahrheit enthalten konnte als eine makellos gespielte Passage. Darüber, dass Musik nicht nur davon lebte, was ein Musiker spielte, sondern auch davon, was er wagte wegzulassen.

Max vergaß die Müdigkeit.

Er vergaß die Uhrzeit.

Für eine Weile vergaß er sogar Lina.

Fast.

Dann bog der Wagen in seine vertraute Straße ein.

Bernd stellte den Motor ab.

Er ließ beide Hände auf dem Lenkrad liegen und blickte durch die Windschutzscheibe.

Max löste den Sicherheitsgurt, hielt dann aber inne.

„Hey, Bernd!“

Bernd drehte sich zu ihm um.

„Woher weißt du überhaupt, wo ich wohne?“

Ein kurzes Lächeln huschte über Bernds Gesicht.

„Die Frage habe ich schon lange erwartet.“

„Komisch.“

„Ich kenne deinen Vater. Ich war schon einmal bei euch.“

Max sah ihn fragend an.

„Dass du sein Sohn bist, habe ich allerdings erst erfahren, als ich mit eurem Orchesterleiter gesprochen habe.“

Max nickte langsam.

„Ach so.“

Bernd überlegte einen Augenblick. Dann wurde sein Gesicht ernst.

„Weißt du … ich habe lange nach einem Trompeter gesucht.“

Max sah ihn an.

„Nach einem Trompeter?“

Bernd drehte sich ganz zu ihm.

„Nach jemandem, der nicht einfach nur die richtigen Töne spielt.“

Sein Blick blieb auf Max gerichtet.

„Jemandem, der etwas zu erzählen hat.“

Max sagte nichts.

„Ich glaube“, fuhr Bernd leise fort, „ich habe ihn heute gefunden.“

Da breitete sich ein ungläubiges, überglückliches Lächeln auf seinem Gesicht aus.

„Danke“, sagte Max schließlich.

Mehr brachte er nicht heraus.

Er stieg aus und schloss die Tür.

Draußen war es inzwischen dunkel geworden.

Max winkte Bernd noch einmal zu, bevor er sich auf den Weg zu seinem Haus machte.

Er fühlte sich leicht.

Fast schwebend.

*

Die Tage danach schienen sich endlos zu dehnen.

Max hielt die Ungewissheit kaum noch aus. Am frühen Mittwochabend schob er sein Fahrrad aus dem Hof und sah zum Himmel. Tief hingen die Wolken über der Landschaft, schwer und dunkel, während die warme Luft wie ein feuchtes Tuch auf seiner Haut lag.

Etwas trieb ihn vorwärts.

Stärker als Vernunft. Stärker als all die Fragen, die er sich seit Sonntag stellte.

Er wollte nach Verda.

Er wollte Lina sehen.

Allein ihr Name genügte, um seinen Puls schneller schlagen zu lassen.

Der schmale Radweg führte ihn aus der Stadt hinaus. Bald ging der Asphalt in eine rissige Straße über, die schließlich zu einer holprigen Schotterpiste wurde. Staub stieg hinter ihm auf. Links und rechts lagen weite Felder unter dem bleigrauen Himmel. Kein Wind bewegte das Korn. Alles wirkte still, beinahe angehalten.

Zwei kleine Dörfer glitten an ihm vorbei wie schlafende Wesen. Wortlos. Verschlossen. Gleichgültig gegenüber dem Fremden, der mit klopfendem Herzen durch ihre Straßen fuhr.

Je näher er Verda kam, desto unruhiger wurde er.

Was, wenn Lina nicht da war?

Was, wenn sie ihn gar nicht sehen wollte?

Was, wenn dieser Nachmittag am Sonntag für sie nichts weiter gewesen war als ein schöner, zufälliger Moment?

Mit jedem Tritt in die Pedale wurde der Wunsch, ihr wieder gegenüberzustehen, stärker als jeder Zweifel.

Dann lag das Dorf vor ihm.

Es wirkte, als hätte die Zeit hier irgendwann beschlossen, langsamer zu fließen.

Feldsteinhäuser mit dunklen, schweren Dächern schmiegten sich dicht aneinander. Zwischen den grauen Fugen schimmerte verwitterter Backstein in warmen, gedämpften Rottönen. Alte Scheunen standen mit weit geöffneten Toren da, als warteten sie noch immer auf Menschen, die längst andere Wege gegangen waren.

Mit dem ersten Stück Kopfsteinpflaster begann das Fahrrad zu holpern.

Jeder Stein ließ den Lenker erzittern, jeder Stoß fuhr ihm durch Arme und Schultern. Max nahm es kaum wahr. Sein Blick glitt über Häuser, Gärten voller Sommerblumen und schmale Wege.

Das Dorf lag beinahe lautlos da.

Kein Motor störte die Stille. Kein Hund bellte. Nur das rhythmische Klappern der Reifen auf dem Pflaster begleitete ihn. Irgendwo schlug eine lose Metalltür dumpf gegen einen Rahmen, immer wieder, im warmen Abendwind.

Max wich auf einen Sandstreifen aus, der parallel zur Straße verlief. Tiefe Fahrspuren zogen sich hindurch wie alte Narben.

„So ein Kuhnest“, murmelte er.

Im selben Augenblick geriet das Fahrrad ins Schlingern.

Der Lenker vibrierte unter seinen Händen. Für einen kurzen Moment verlor er die Kontrolle, fing sich gerade noch und atmete scharf aus.

„Reiß dich zusammen.“

Sein Blick wanderte weiter.

Das Giebelfenster des Hauses Nummer 36 stand offen. Dahinter war nichts zu erkennen. Kein Laut drang heraus. Keine Bewegung.

Nur das kleine Hoftor bewegte sich leicht im Wind.

Dann trat eine ältere Frau in den Spalt.

Graues Haar, streng zurückgenommen. Ein schmaler Mund. Wachsame Augen.

Ihre Aufmerksamkeit lag sofort auf ihm.

Nicht neugierig.

Prüfend.

Vorsichtig.

Als würde sie etwas abgleichen, das sie bereits zu wissen glaubte.

Max fuhr weiter, ohne anzuhalten. Er tat so, als hätte er sie nicht bemerkt.

Die Vermieterin.

Lina hatte sie beschrieben.

Am Ortsrand begann der Wald.

Er nahm Max auf, ohne Widerstand.

Zwischen den Bäumen lag Bewegung, unsichtbar und trotzdem überall. Vogelrufe verdichteten sich zu einem vibrierenden Klangteppich, während er tiefer in den Wald fuhr.

Dann öffnete sich vor ihm eine Lichtung.

Max hielt abrupt an.

Hier.

Genau hier würde sie stehen.

Sonntag, drei Uhr.

Er sah es so deutlich vor sich, dass die Erinnerung beinahe wirklicher erschien als der gegenwärtige Abend. Ihr Gesicht. Ihr Lächeln. Dieser kurze Blick zwischen ihnen, der etwas in ihm verändert hatte, ohne dass er sagen konnte, was.

Er schüttelte den Kopf.

Dann drehte er um.

Zurück.

Zielgerichtet.

„Die Alte ist sicher längst weg“, dachte er.

Er irrte sich.

Als er wieder am Haus Nummer 36 ankam, standen sie beide vor dem Hoftor.

Lina.

Und die Vermieterin.

Sie unterhielten sich ruhig, als gäbe es keinen Grund für Spannung. Max stellte sein Fahrrad am Straßenrand ab und zog sich hinter einen Baum zurück.

Nah genug, um jedes Wort zu hören.

Unsichtbar genug, um nicht Teil davon zu sein.

„Lina“, sagte die Alte schließlich, und ihre Stimme wurde schärfer, „wir sollten die Polizei rufen. Dieser Mann ist mir nicht geheuer. Um diese Zeit ist sonst niemand unterwegs.“

Max erstarrte.

Polizei.

Das Wort schlug in ihn ein.

Und plötzlich war er wieder bei diesem Sonntag.

Bei ihrem Lachen.

Bei seinen Uhu-Rufen, die tatsächlich funktioniert hatten, als hätten sie einen geheimen Code gefunden, den nur sie beide verstanden.

Ein Laut durchschnitt die Abendstille.

Uhu.

Noch einer.

„Der ist dieses Jahr früh dran“, murmelte die Vermieterin. „Sonst kam der Uhu erst im Herbst zurück.“

Lina biss sich auf die Lippen.

„Heute ist alles anders“, sagte sie.

Das Lachen war stärker.

Es entkam ihr, hell und frei, und als der nächste Uhu-Ruf aus dem Wald kam, gab sie jeden Versuch auf, sich zu beherrschen.

„Der Radfahrer ist übrigens Max“, sagte sie schließlich zur Vermieterin. „Er trainiert wieder. Er will Rennfahrer werden.“

Dann ging sie durch das Hoftor.

Ihr Lachen blieb im Hof zurück, lange nachdem sie verschwunden war.

Max trat aus seinem Versteck.

Er blieb stehen.

Reglos.

Noch gehörte dieser Augenblick ihm allein.

Gleich würde sich alles entscheiden.

Dann war sie da.

Eine feine, orientalische Note glitt durch die warme Abendluft, unverwechselbar und sofort vertraut. Mit ihr kehrte der Sonntag zurück. Ihr Lächeln. Ihr Blick. Dieses flüchtige Erlebnis, das sich unauslöschlich in ihm festgesetzt hatte.

Er hätte nicht erklären können, warum.

Er wusste nur, dass er es seitdem mit sich trug.

Lina.

Sie musste ganz in der Nähe sein.

Max wollte sich gerade umdrehen, als sich zwei Hände über seine Augen legten.

Leicht wie ein Flügelschlag.

Eine Stimme strich über sein Ohr.

„Wer bin ich?“

Er lächelte.

Er hätte sie unter tausend Stimmen erkannt.

Es waren dieser unverwechselbare Klang und ihr weicher Dialekt, die ihm sofort aufgefallen waren. Nichts daran wirkte gekünstelt. Keine Spur von Pose. Ihre Stimme war ehrlich, lebendig, selbstverständlich.

Nicht nur ihre Worte berührten ihn.

Es war die Art, wie sie sie sprach.

„Lina“, sagte er. „Du bist's.“

Behutsam nahm er ihre Hände von seinem Gesicht und drehte sich zu ihr um.

Sie stand dicht vor ihm.

Und lächelte.

Das Rauschen der Blätter, das Zirpen der Grillen und selbst der ferne Ruf eines Vogels verschwammen zu einem einzigen, sanften Hintergrundgeräusch.

Keiner von ihnen sagte etwas.

„Was?“, fragte Lina schließlich.

Max schüttelte den Kopf.

„Nichts.“

Jetzt musste auch sie lachen. Nur kurz.

„Du guckst mich an, als wäre ich ein Wunder.“

„Vielleicht bist du das.“

Eine feine Röte stieg in ihre Wangen.

„Du machst es einem wirklich nicht leicht.“

„Warum?“

„Weil ich nie weiß, ob du das gerade ernst meinst.“

Sein Blick blieb auf ihrem Gesicht.

„Diesmal schon.“

Etwas veränderte sich zwischen ihnen.

Nur ein winziger Moment der Unsicherheit.

Keiner wollte den ersten Schritt machen.

Keiner wollte zurückweichen.

Dann bewegten sich fast gleichzeitig ihre Hände.

Seine Finger streiften ihre.

Beide hielten inne, als hätten sie sich erschrocken.

Doch der Augenblick verging.

Ihre Finger verschränkten sich.

Ganz selbstverständlich.

„Siehst du?“, flüsterte Lina.

„Was?“

„Jetzt bist du genauso aufgeregt wie ich.“

Max lachte leise.

„Viel schlimmer.“

„Gut.“

„Gut?“

„Dann bin ich wenigstens nicht allein.“

Sie trat einen kleinen Schritt näher.

So nah, dass er ihren Duft wieder wahrnahm. So nah, dass ihr Atem seine Haut streifte.

„Ich habe seit Sonntag ständig an dich gedacht“, sagte sie kaum hörbar.

Sein Herz schlug schneller.

„Ich auch.“

Wieder schwiegen sie.

Doch diesmal war das Schweigen nicht unsicher.

Es fühlte sich an, als hätte es genau auf diesen Augenblick gewartet.

Max hob die freie Hand. Seine Fingerspitzen glitten über ihre Wange.

Lina schloss kurz die Augen.

Als sie sie wieder öffnete, lächelte sie.

„Du brauchst gar nicht so vorsichtig zu sein.“

Noch bevor Max antworten konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen.

Nur ein kleines Stück.

Genug, um die letzte Unsicherheit zwischen ihnen verschwinden zu lassen.

Fast gleichzeitig kamen sie einander entgegen.

Ihre Lippen berührten sich.

Nur flüchtig.

Keiner bewegte sich.

Dann lösten sie sich einen Fingerbreit voneinander.

Beide mussten gleichzeitig lachen.

„Jetzt warst du zuerst“, flüsterte Max.

„Nur ein ganz bisschen.“

„Das zählt.“

„Dann zählt eben beides.“

Er zog sie an sich.

Ganz selbstverständlich schlang Max die Arme um sie, und Lina legte die Hände in seinen Nacken. Sie zog ihn näher, als hätte sie längst beschlossen, dass zwischen ihnen kein Abstand mehr nötig war.

Über ihnen rauschten die Blätter einer alten Eiche.

Für diesen kurzen Augenblick existierte nur das.

Sie.

Er.

Und dieses seltsame, wunderbare Gefühl, dass etwas begonnen hatte, das sich nicht mehr zurücknehmen ließ.

Als Lina ihn ansah, wusste Max, dass das anfängliche Interesse längst keine bloße Neugier mehr war.

Es war etwas anderes geworden.

Etwas, das gefährlich leicht war.

Und gleichzeitig viel zu wichtig, um es zu ignorieren.

„Gehen wir ein Stück?“

Sie wartete seine Antwort gar nicht erst ab.

Ihre Finger fanden seine Hand und zogen ihn mit sich.

Schon nach wenigen Schritten gingen sie im gleichen Rhythmus, als hätten sie nie etwas anderes getan.

Max musste lachen.

„Wo bist du eigentlich so urplötzlich hergekommen?“

Lina hob unschuldig die Schultern.

„Wenn du einfach auftauchen kannst, kann ich das auch.“

Wieder dieses Lächeln.

Genau dieses Lächeln, das ihn seit Tagen verfolgte.

Nach einer Weile räusperte er sich gespielt wichtig.

„Übrigens … dass ich mal ein großer Rennfahrer werde, wusste ich selbst noch nicht. Willst du trotzdem weiter mit mir gehen?“

Sie musterte ihn von der Seite.

Dann schüttelte sie den Kopf.

„Dich haben se wohl in die Kulle gekniept.“

Max blinzelte.

„Mich haben sie was?“

„Na“, sagte sie grinsend, „du bist wohl nicht ganz bei Verstand.“

Ihr Lachen war hell und ansteckend.

In ihrer Nähe verlor alles andere an Bedeutung.

Die letzten Geräusche aus dem Dorf verklangen. Das Zwitschern der Vögel wurde zu einem fernen Hintergrundrauschen. Selbst der Wind schien leiser zu werden.

Immer wenn sich ihre Blicke trafen, rückte die Welt für Max ein Stück weiter fort.

Am liebsten hätte er sie einfach in die Arme genommen und nie wieder losgelassen.

Doch sie waren ihrem Zuhause noch zu nah.

Also legte er nur vorsichtig einen Arm um ihre Taille.

Lina ließ es geschehen.

Sie führte ihn über einen schmalen Pfad, der sich zwischen Weiden an einem Graben entlangschlängelte.

Ihre Hände blieben ineinander verschränkt.

Und während sie nebeneinander hergingen, hatte Max zum ersten Mal seit Tagen das Gefühl, dass die Ungewissheit verschwunden war.

Nicht alle Fragen.

Aber die wichtigste.

Sie wollte ihn hier haben.

Und er wollte nirgendwo anders sein.



Auf dem dunklen Wasser trieben grüne Algeninseln. Frösche saßen darauf wie kleine Wächter und stimmten ihr abendliches Konzert an. Es roch nach feuchter Erde, nach Weiden und nach den Stallungen der umliegenden Höfe. Hinter den Baumkronen zeichnete sich die Silhouette eines alten Herrenhauses gegen den goldenen Himmel ab.

Max deutete hinüber. „Was ist das dort hinten?“

„Unser Gutspark. Das Gutshaus dahinter steht schon lange leer.“ Sie fuhr sich über das Gesicht. „Dort wird uns niemand stören. Komm. Ich zeige ihn dir.“

„Sehr gern.“

Sie gingen nebeneinander her und Max ertappte sich immer wieder dabei, wie sein Blick zu ihr glitt. Bei jedem Schritt spielte der Wind mit dem Dederonstoff ihres Minirocks. Die leichte, beigefarbene Leinenbluse umschmeichelte ihre schlanke Silhouette auf dezente Weise. Nichts an ihr wirkte inszeniert oder bemüht. Gerade diese ungekünstelte Natürlichkeit verlieh ihr eine unwiderstehliche Anziehungskraft. Jede ihrer Bewegungen schien mühelos.

Der Weg wollte kein Ende nehmen. Lina hielt inne und wies auf einen verwachsenen Teich, eine alte Steinfigur oder verlor sich einfach in der stillen Atmosphäre des Parks. Max nahm kaum etwas davon wahr. Seine Gedanken kreisten nur um sie. Als sie schließlich eine verwitterte Parkbank erreichten, keimte in ihm Hoffnung auf. Vielleicht würde sie sich setzen. Vielleicht fand er endlich den Mut, ihr zu sagen, was seit Tagen in ihm brannte. Doch Lina schenkte der Bank nicht einmal einen Blick. Langsam trat sie auf eine mächtige Eiche zu, lehnte ihren Rücken an den breiten, rauen Stamm und schloss die Augen. Das Licht der sinkenden Sonne drang durch das dichte Blätterdach und malte goldene Flecken auf ihr Gesicht. Max blieb stehen und betrachtete sie schweigend. Die alte Eiche war gewaltig. Ihre weit ausladende Krone spannte sich wie ein schützendes Dach über diese Stelle des Gutsparks. Lina wirkte, als würde sie zu diesem Ort gehören – als wäre sie ein Teil seiner stillen, zeitlosen Schönheit. Denkt sie vielleicht dasselbe wie ich? Er ging auf sie zu.

Als er vor ihr stehen blieb, wagte keiner von ihnen den ersten Schritt. Zwischen ihnen lag nur ein Hauch von Sommerluft, erfüllt vom Duft nach Gras und Lindenblüten. Max hob die Hand. Seine Fingerspitzen strichen über ihre Wange, als wollte er sich vergewissern, dass sie wirklich da war. Diese winzige Berührung nahm ihm die letzte Unsicherheit.

Er küsste sie behutsam, fast fragend. Ihre Lippen waren warm, weich, und als sie den Kuss erwiderte, löste sich etwas in ihm, das er seit Tagen mit sich herumgetragen hatte. Alles, was ihn beschäftigt hatte – Schule, Zuhause, Zukunft –, verlor jede Bedeutung. Es gab nur noch sie. Nur ihren Atem, der seinen streifte, ihre Hände, die sich in seinem Nacken verschränkten, und das Rascheln der Blätter über ihnen. Als sie sich voneinander lösten, blieb ihre Stirn an seiner. Keiner sprach. Worte hätten diesen Augenblick nur kleiner gemacht.

Lina schlang die Arme um seinen Nacken und zog ihn näher an sich. Wärme durchströmte ihn.

„Lina“, flüsterte er zwischen zwei Küssen. „Ich liebe dich.“

„Du kennst mich ja noch gar nicht.“

„Das stimmt.“

„Dann verlieb dich erst einmal in die echte Lina.“

Etwas hatte sich in ihrer Stimme verändert. Sie war leiser geworden. Ernster.

„Du glaubst wahrscheinlich, ich hätte hier ein schönes Leben.“

„Hast du das denn nicht?“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich arbeite sechs Tage die Woche in einer Weberei. Und trotzdem weiß ich oft nicht, ob das Geld bis zum Monatsende reicht. Manchmal möchte ich einfach zurück nach Ullersburg.“

„Aber dort wartet auch nichts mehr auf mich. Hier habe ich wenigstens die Chance, meinen Abschluss zu machen.“

Max hörte ihr schweigend zu, ohne sie ein einziges Mal zu unterbrechen. Erst jetzt begriff er, warum hinter manchen zarten Regungen ihrer Lippen stets ein Hauch von Schatten gelegen hatte.

„Und du?“, fragte sie schließlich. „Was willst du mit deinem Leben anfangen?“

„Ich mache erst die Schule fertig. Danach möchte ich Musik studieren.“

Sie lachte. „Wenn du einmal Musik studierst, lernst du Hunderte Menschen kennen.“

„Und?“

„Dann erinnerst du dich irgendwann nicht mehr an ein Dorfmädchen aus Verda.“

Max sah sie lange an. Dann zuckte er leicht mit den Schultern. „Vielleicht.“ Er machte einen Schritt auf sie zu. „Aber heute bin ich hier.“ Seine Finger schlossen sich um ihre Hand. „Und im Moment gibt es niemanden, den ich lieber kennenlernen möchte als dich.“

Lina antwortete nicht.

Der Wind strich durch die Kronen der alten Bäume. Aus der Ferne erklang das Läuten einer Kirchenglocke. Und zum ersten Mal erkannte Max in ihren Augen dieselbe Hoffnung, die auch in seinem Herzen brannte.

„Du machst es dir zu einfach“, sagte sie schließlich. „Du kennst nur die Lina, die mit dir unter diesem Baum steht. Nicht die Lina, die nach der Arbeit völlig erschöpft nach Hause kommt. Nicht die Lina, die nachts wach liegt und sich Sorgen macht.“

Max nahm ihre Hand. „Dann erzähl mir davon.“

Sie sah ihn überrascht an.

„Ich will die echte Lina kennenlernen.“

„Vielleicht bist du gar nicht so naiv, wie ich dachte“, sagte sie.

„Und vielleicht bist du nicht so allein, wie du glaubst.“

Lina drückte seine Hand fester. Die Welt schien stillzustehen. Dann durchschnitt eine Stimme die Abendluft.

„Lina!“

„Die Alte“, murmelte sie. „Ich muss nach Hause.“

Max seufzte gespielt. „Aber vorher verrätst du mir noch, welchen Weg du vorhin genommen hast.“

Lina lachte. „Du gibst wirklich nicht auf, oder? Komm mit.“

Gemeinsam gingen sie zum Hintereingang des Hauses. Dort zog sie ihren Schlüssel hervor und drehte sich noch einmal zu ihm um.

„Ich muss hoch. Morgen früh ist Schule. Für dich auch?“

„Ja.“

„Übrigens, du könntest mich wirklich öfter besuchen, wenn du Zeit hast. Wir müssen für dich nur noch einen Schlüssel besorgen, dann kannst du ein und aus bei mir gehen, wie du möchtest. Oder hast du vielleicht schon so einen Schlüssel? Wenn du von hinten reingehst, wird dich auch Frau Meier nicht mitbekommen. Sie nutzt meinen Eingang nicht. Komm, ich zeig dir die Treppe, die zu meinem Zimmer führt.“

Wieder ertönte die Stimme der Hauswirtin. Lina grinste verschmitzt und rief in den Hof:

„Ich bin auf dem Klo!“

Max konnte sich das Lachen nicht verkneifen. Statt einer Antwort stieß er einen Uhuruf aus.

Hinter ihm erklang ihr helles, herzliches Lachen.

Und als er den Heimweg antrat, wusste er, dass er diesen Klang noch lange in seinem Herzen tragen würde.