Buchneuvorstellung (in Arbeit)
Die Fontanas
Band I
Flucht aus Lavertezzo
Band II
Dragosow
1649 - 2025
Band III
Theresa Fontana
Hinweis zur Gestaltung
Dieses Buch verbindet historische Personen, Namen und überlieferte Lebensdaten mit literarischer Fiktion. Soweit nicht ausdrücklich als historische Quelle oder belegtes Ereignis gekennzeichnet, sind Handlungen, Dialoge, Gedanken, Gefühle und einzelne Lebensumstände literarisch gestaltet oder frei erfunden.
Die Darstellung verfolgt keinen Anspruch auf eine lückenlose oder wissenschaftlich-biografische Wiedergabe der Lebensgeschichten der genannten Personen. Die Verwendung historischer Namen und Daten dient der literarischen Gestaltung der Familiensaga.
Vielleicht werden Sie beim Lesen an der einen oder anderen Stelle denken: Das kommt mir bekannt vor! Das ist durchaus möglich. Denn manches, was in dieser Geschichte geschieht, hat seinen Ursprung in überlieferten Bräuchen und Lebenswelten. Die konkrete Geschichte jedoch gehört den Figuren dieses Romans.
Dieses Buch möchte daher beides sein: eine Reise in eine vergangene Zeit und zugleich eine frei erfundene Geschichte, in der sich historische Überlieferung und literarische Vorstellung miteinander verbinden.
Ich wünsche Ihnen viel Freude beim Lesen und beim Eintauchen in diese längst vergangene Welt.
Prolog
Ein wilder Sturm fegte durch die uralten Eichen. Ihre knorrigen Äste peitschten gegen den Himmel, als wollten sie sich gegen eine unsichtbare Macht auflehnen. Der Wind rüttelte an den Fensterläden des Hauses und ließ die Flammen in den Lampen flackern. Hinter den Scheiben brannte schwaches Licht. Doch die Dunkelheit, die in den Augen der Bewohner lag, war tiefer als die Nacht draußen.
Der Vater stand am Fenster und blickte hinaus. Sein Blick verlor sich in der Ferne, dorthin, wo einst die Hoffnung ihrer Familie gelegen hatte. Lange hatte er daran geglaubt, dass sich das Schicksal wenden würde. Nun aber musste er sich fragen, ob diese Hoffnung je mehr gewesen war als eine Illusion – ein trügerischer Traum, an den man sich klammerte, weil die Wahrheit zu schwer zu ertragen war.
Die Mutter saß an ihrem gewohnten Platz. Sie hatte die Hände im Schoß gefaltet und die Finger ineinander verschränkt, als könnten sie ihr den Halt geben, den sie im Innersten längst verloren hatte. Ihr Blick wanderte durch den Raum und blieb schließlich an einem kunstvoll gerahmten Porträt hängen. Das Bild stand im Regal, umgeben von den stummen Zeugen vergangener Zeiten: Erinnerungsstücke, die Generationen überdauert hatten und deren Bedeutung nur noch jene kannten, die ihre Geschichten bewahrten.
Im Zimmer herrschte Schweigen.
Nur das gleichmäßige Ticken der Uhr war zu hören. Schlag um Schlag maß sie die Zeit, ungerührt von Schmerz und Verlust, als wäre das Vergehen der Stunden das Einzige auf dieser Welt, das sich nicht dem Willen der Menschen beugen musste.
Eine Träne löste sich aus dem Augenwinkel der Mutter. Sie hob die Hand und wischte sie fort. Kein Schluchzen erschütterte ihre Schultern, kein Wort kam über ihre Lippen. Doch gerade diese stille Träne sprach von einer Verzweiflung, für die es keine Worte gab.
Die Fontanas kannten dieses Schweigen.
Über Generationen hinweg hatten Schicksalsschläge und dunkle Zeiten ihre Familie geprägt. Die Häuser, in denen sie gelebt hatten, waren dabei mehr gewesen als bloße Mauern. Sie hatten Leid und Glück, Verrat und Hoffnung, Liebe und Verlust in sich aufgenommen. Hinter ihren Türen waren Entscheidungen getroffen worden, die das Leben der Nachkommenden verändern sollten. Geheimnisse waren bewahrt, Wahrheiten verschwiegen und Erinnerungen weitergegeben worden, manchmal über Jahrzehnte, manchmal nur in Andeutungen.
Wer genau hinsah, konnte die Spuren dieser Vergangenheit noch entdecken.
In einem alten Porträt. In einem Brief, der nie abgeschickt worden war. In einem Namen, der plötzlich nicht mehr ausgesprochen wurde. Oder in einer Geschichte, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben wurde, bis niemand mehr wusste, wo die Wahrheit endete und die Legende begann.
Doch selbst die dunkelsten Jahre hatten nicht vermocht, die Fontanas endgültig zu brechen.
Immer wieder hatte es Augenblicke gegeben, in denen nach der Nacht ein erster Lichtschein erschienen war. Ein neuer Anfang, geboren aus Verlust. Ein unerwarteter Mut, wo zuvor nur Verzweiflung gewesen war. Ein Mensch, der sich weigerte, das Erbe des Unglücks einfach hinzunehmen.
Vielleicht lag darin das eigentliche Vermächtnis dieser Familie.
Nicht das, was sie verloren hatte, würde am Ende über sie entscheiden, sondern die Kraft, immer wieder aufzustehen.
Denn solange ein Mensch noch Hoffnung zu bewahren vermochte, war sein Schicksal nicht endgültig besiegelt.
Flucht aus Lavertezzo
Die ersten Sonnenstrahlen fielen auf die Gipfel der Tessiner Alpen und hüllten sie in warmes, goldenes Licht. Langsam wich die Dunkelheit der Nacht und machte Platz für den neuen Tag. Eine leichte Brise brachte frische, klare Bergluft ins Tal, in dem das stete Rauschen eines Baches für Lebendigkeit sorgte.
Mit den ersten Sonnenstrahlen erwachte auch die Tierwelt und hauchte der Landschaft Leben ein. Das zunächst zaghafte Zwitschern der Vögel entwickelte sich allmählich zu einem lebhaften Konzert. In der Ferne erklomm ein Rudel Gämsen gemächlich die steilen Berghänge, während hoch oben ein Steinadler seine Bahnen zog. Sein unverkennbarer Ruf – durchdringende Schreie oder pfeifende „Ki-ki-ki“-Laute – ließ keinen Zweifel daran, dass sich in seinem Lebensumfeld eine nahezu unberührte Wildnis erstreckte.
Giovanni Fontana liebte die frühen Morgenstunden. Noch bevor die Sonne aufging, begann er mit seiner Arbeit. Die Stille des Morgens erfüllte ihn mit Freude, während er wie in Trance die Sense durch das nasse Gras führte. Das sanfte Geräusch des Metalls, das die feuchten Halme schnitt, war das Einzige, das die Ruhe durchbrach. Seine Stirn glänzte vor Schweiß, denn jedes Heben und Senken der Sense erforderte höchste Präzision und Geschick.
Besonders beeindruckt war Giovanni von dem faszinierenden Zusammenspiel aus Pflanzen und Tieren, das mit dem Sonnenaufgang lebendig wurde. Die blühenden Blumen zogen nicht nur Bienen und Schmetterlinge an, sondern boten auch zahlreichen anderen Lebewesen eine Nahrungsquelle. Während die Vögel ihre Nester bauten und ihre Jungen aufzogen, entfaltete sich die Natur in einem bunten Farbenrausch, der Giovannis Sinne jeden Tag aufs Neue belebte.
Im Laufe des Morgens kamen immer mehr Bauern hinzu, um mit ihrer täglichen Arbeit zu beginnen. Bald entstand eine lebhafte Geräuschkulisse, die durch das Bellen, Gackern und Wiehern der Haustiere verstärkt wurde. Sie begrüßten den neuen Tag auf ihre Weise, schienen sich über das frische Futter und das Wasser aus dem Bach zu freuen, das ihre Besitzer für sie bereithielten. All diese Klänge verschmolzen zu einer harmonischen Morgenstimmung – der neue Tag war bereits in vollem Gange.
Tief in Giovannis Inneren keimte ein Wunsch: die wohlverdiente Anerkennung für seinen unermüdlichen Einsatz zu erhalten. Er war erst 35 Jahre alt, doch seine Hände erzählten bereits die Geschichte eines Lebens voller harter Arbeit. Sie waren schwielig und stark und zeugten von der Last der Werkzeuge, die er tagtäglich nutzte. Sein wettergegerbtes Gesicht war ein Spiegelbild seines Schaffens unter freiem Himmel und zeugte von eisigen Morgenstunden und endlosen Tagen.
Giovanni ließ seinen Blick zum kleinen Haus am Ende des ausgetretenen Wiesenpfads schweifen. Dahinter begann Lavertezzo, ein beschauliches Dorf, das in die sanfte Landschaft des Verzascatals eingebettet ist.
Die überwiegend aus Stein errichteten Häuser schmiegten sich eng aneinander, während die umliegenden Felder die Spuren traditioneller, harter Landwirtschaft erahnen ließen – eine Tätigkeit, die das Leben der Bewohner von Lavertezzo seit jeher prägte.
Die Menschen lebten einfach: Die Landwirtschaft bildete das Zentrum ihres Lebens und wurde durch den Handel mit lokalen Produkten wie Kastanien, Wein und Käse ergänzt. Kleine Wege und Pfade verbanden das Dorf mit den umliegenden Gemeinden wie Locarno und Cugnasco, während die majestätischen Berge im Hintergrund Schutz boten und zugleich eine Herausforderung darstellten.
Das Läuten der Glocken – ein unverkennbares Symbol der religiösen Tradition dieser Region – mischte sich in den Morgen. Auch an diesem Tag ertönte ihr Ruf durch das Tal. Für Maria, Giovannis Ehefrau, war es das Signal, ihm das Frühstück zu bringen. Giovanni hielt in diesem Moment inne, dann mähte er seine Schwade weiter, bis er das ihm bekannte, schwach vernehmbare Knarren der schweren Haustür hörte und sah, wie Maria herauskam. In ihren Händen trug sie ein geflochtenes Körbchen, in dem sie das mit Liebe zusammengestellte Frühstück untergebracht hatte. Ihr Lächeln strahlte mit der Morgensonne um die Wette und ihre Bewegungen waren so anmutig wie eine sanfte Brise, die durch die Olivenbäume weht. Ihr sonnengebräuntes Gesicht war der stille Zeuge unzähliger Tage unter dem mediterranen Himmel. Die Sommer des Mittelmeers hatten sich in ihrer Haut verewigt. Jeder Blick auf sie offenbarte ihre Wurzeln und weckte zugleich Erinnerungen an blühende Olivenhaine, duftende Zitronenbäume und das Lachen, das oft bei einem Glas Wein zwischen den Terrassen ertönte.
Giovanni genoss diesen stillen Moment voller Vertrautheit, Nähe und tiefer Liebe. Kein einziges Wort war nötig, während sie schweigend und achtsam Happen für Happen von den mitgebrachten Speisen genossen. Sein Blick wanderte hinunter zu seinem Haus, das für ihn weit mehr als nur ein Gebäude war – es war ein Ort tiefer Emotionen. Das fröhliche Lachen seiner Kinder, der verlockende Duft von frisch gebackenem Brot oder das warme, beruhigende Licht, das jeden Abend durch die Fenster fiel – all das machte es zu seinem ganz persönlichen Paradies.
Für Giovanni verkörperte dieser Ort bisher das wahre Gefühl von Heimat – ein Sinnbild für Geborgenheit und Beständigkeit. Es war ein kostbares, unverzichtbares Erbe, das ihm niemand nehmen konnte. Mit Hingabe und Sorgfalt hatten seine Vorfahren diesen Ort geschaffen und über Generationen bewahrt. Nun lag es an ihm, dies alles zu erhalten und eines Tages an eines seiner Kinder weiterzugeben.
„Wird es ihnen überhaupt noch etwas bedeuten?“ Diese quälende Frage ließ ihn nicht los. „Oder werden sie eines Tages in die Stadt ziehen, fern von hier?“
Giovanni seufzte tief, dachte an den Krieg, der jetzt endlich nach dreißig Jahren sein Ende fand. Er hatte alles verändert. Das Leben in den Bergen war hart, und allein über die Runden zu kommen, wurde immer schwieriger. Die Händler zogen nicht mehr von Dorf zu Dorf, denn sie hatten kaum noch etwas, das zum Handeln taugte. Selbst die Brücken, wie die beeindruckende Ponte dei Salti in Lavertezzo, nur einen Steinwurf von seinem Zuhause entfernt, hatten bessere Zeiten gesehen. Einst wurden sie täglich mit Ehrfurcht überquert, doch diese Tage sind längst vorbei.
Das Land, das er bearbeitete, war karg, der Boden hart und steinig, und die Ernte fiel oft mager aus. Doch Giovanni gab nie auf und kannte keine Resignation. Er schichtete Holz für den Winter, trieb die Ziegen und Schafe auf die Weide und brachte das Heu unter Dach und Fach – oft bis spät in die Abendstunden. Hinter jedem Samenkorn und jedem Tropfen Schweiß stand ein Mann, der trotz widriger Umstände und ständiger Entbehrungen für seine Familie und eine bessere Zukunft kämpfte. Das Leben hatte ihm wenig gegeben, aber er opferte ihm alles, was er hatte, mit einer Hingabe, die ihresgleichen suchte. Nicht einmal der Sonnenuntergang brachte ihm Ruhe, obwohl die Farben des Himmels friedlich und malerisch wirkten.
Mit schweren Schritten ging Giovanni den steinigen Weg bis zum Stall entlang, in dem das unaufhörliche Meckern und Blöken der Ziegen und Schafe nicht enden wollte, bis sie endlich ihr Futter in den Krippen hatten. Die Aromatik von frischem Heu lag in der kühlen Abendluft. Für Fontana war dies jedoch kein Zeichen von Entspannung, sondern ein ständiger Ruf nach Arbeit und Verantwortung. Entschlossen packte er die Mistgabel, deren Griff sich vertraut an seine rauen Hände schmiegte. Das leise, rhythmische Knirschen des Strohs unter seinen schweren, abgetragenen Stiefeln begleitete ihn unaufhaltsam, während er von einer Aufgabe zur nächsten eilte, ohne Rast oder Zögern.
Die Schatten wurden länger, doch der Feierabend schien in weiter Ferne. Selbst in der Dämmerung schien der Hof zu murmeln: „Noch nicht genug, noch nicht vollendet.“ Wenn sich der Sternenhimmel über ihm ausbreitete, waren seine Gedanken zu schwer, um die Schönheit zu bemerken.
Die Nächte waren kurz und auch der nächste Tag versprach keine Atempause, doch am Horizont war ein Hoffnungsschimmer zu erahnen.
*
Giovanni drehte sich noch einmal in seinem Bett um und stupste seine Frau Maria sanft an. Er hatte das Bedürfnis, mit ihr zu reden, bevor er mit seiner Arbeit begann.
„Hast du das Geheul des Windes gehört?“, fragte er. „Es klang, als würden wütende Geister durch die Straßen jagen. Ihre Stimmen waren heftig und unnachgiebig. Ich konnte sehen, wie die Ziegel nacheinander mit erschreckender Wucht vom Dach geschleudert wurden. Es war, als hätte der Himmel seine Geduld endgültig verloren und uns mit seiner Macht demonstrieren wollen, wie klein wir doch eigentlich sind.“
Maria antwortete: „Ja, und dieser Regen – es war nicht einfach nur eine gewöhnliche Nässe, wie sonst. Die Tropfen wirkten beinahe lebendig, sie schienen einen eigenen Willen zu haben. Unaufhaltsam suchten sie sich ihren Weg, drangen durch die kleinsten Ritzen der Fenster, wie unzähmbare, winzige Fluten. Es war, als würde das Haus selbst unter der unbändigen Last des Sturms ein stilles Klagelied seufzen.“
Giovanni stimmte ihr zu: „Genau das war es! Die ganze Nacht hörte ich dieses stete Tropfen, wie ein unaufhörliches, nervenaufreibendes Klopfen, das mir den Schlaf raubte. Es war nicht nur Regen und Sturm, Maria. Es war so viel mehr. Es war eine Botschaft, die mich nicht mehr loslässt. Und die Dunkelheit, sie war nicht bloß Finsternis. Ich kann dir sagen, dass sie sich so greifbar anfühlte, als würde sie dich regelrecht umklammern, dich festhalten und zwingen, hinzusehen und etwas wahrzunehmen. Es war nicht nur ein Unwetter, Maria. Der Sturm und seine Elemente wollten eine Geschichte erzählen, und zwar eine, die man nicht ignorieren kann.“
Maria wusste es genau: „Eine Geschichte, die nur Gott, der Wind und der Regen in ihren tiefsten Geheimnissen kennen. Die Natur lässt uns so intensiv fühlen, als wären wir Teil eines unausgesprochenen Dialogs. Wir mussten nichts sagen, nichts benennen oder erklären – wir haben es einfach erlebt, unmittelbar und mit jeder Faser unseres Seins.“
„Du sagst es, Maria! Ich hatte das Gefühl, das war eine klare Botschaft an uns: Verschwindet, sagte sie bestimmt, ehe es zu spät ist. Sieh nur Maria; die Vorratskammer ist fast leer, und was noch da ist, reicht kaum, um die hungrigen Blicke der Kinder zu besänftigen. Die Nächte sind von Kälte durchdrungen, nicht allein aufgrund der Stürme und des alten Ofens. Es ist vielmehr die innere Unsicherheit, die an der Seele zehrt. Unabhängig davon, wie viele Decken man sich umlegt oder wie oft man bemüht ist, das Feuer erneut zu entfachen – die Kälte verharrt beständig.“
*
Es gab keinen Tag, an dem die Familie nicht von einer neuen Herausforderung heimgesucht wurde. Jeder kleine Funke der Hoffnung wurde von der harten Realität eines Europas, das gerade dreißig Jahre Krieg überstanden hatte, im Keim erstickt.
Giovanni Fontana ließ seinen Blick oft aus dem Fenster schweifen und nahm dabei eine weitläufige Landschaft in sich auf: Gebirgsformationen gingen harmonisch über in sanfte, tiefgrün bewaldete und schattige Täler. Die Verzasca, dieser Wildfluss windet sich unermüdlich grün glitzernd im gleichnamigen Tal, begleitet von einem fast schon hypnotischen Getöse. Das Wasser sprudelt über glatte Steine, während sich die Sonnenstrahlen in den Wellen brechen und ein funkelndes Schauspiel kreieren. Die Ufer sind gesäumt von üppigem Grün. An einigen Stellen bilden sich kleine Wasserfälle, deren plätscherndes Geräusch die Stille der Umgebung durchbricht. Jeder Meter entlang des Flusses fühlt sich an wie eine Entdeckung, während das Wasser unaufhörlich seine Reise fortsetzt, unbeeindruckt von der Zeit. Die Landschaft ist ein harmonisches Zusammenspiel aus Farben und Klängen, das Giovanni immer wieder in seinen Bann zieht. Rustici – kleine Steinhäuser, eingebettet und fast umarmt von ihrer Umgebung – erhoben sich, wirkten wie natürliche Erweiterungen der Landschaft. „Mein eigenes Rustico ist eines davon“, sagte Giovanni stolz vor sich hin.
Flucht aus Lavertezzo
Die ersten Sonnenstrahlen erreichten die Gipfel, bevor sie den Talgrund berührten. Über den Bergen lag ein fahles Morgenlicht, das die grauen Felsen langsam in Gold verwandelte. Noch hing die Nacht zwischen den Häusern von Lavertezzo, und eine kalte Brise strich durch die schmalen Gassen. Sie roch nach nasser Erde, Gras und dem Wasser der Verzasca.
Giovanni Fontana war längst bei der Arbeit. Die Sense lag schwer in seinen Händen. Er schwang sie in einem gleichmäßigen Rhythmus, Schritt für Schritt, Schnitt für Schnitt. Das feuchte Gras beugte sich unter der Klinge, und das Geräusch war so vertraut, dass er es kaum noch wahrnahm.
Er war fünfunddreißig Jahre alt, doch sein Körper trug die Spuren dieser Zeit, als hätte sie weit länger gedauert. Seine Hände waren rau und voller Schwielen. Kleine Narben zogen sich über die Finger. Die Sonne hatte sein Gesicht dunkel gefärbt, der Wind hatte es ausgetrocknet, und die Winter hatten tiefe Linien um seine Augen hinterlassen.
Giovanni hatte nie viel besessen. Aber was er besaß, hatte er sich erarbeitet. Er hob den Kopf und sah zu seinem Haus hinüber. Das kleine Rustico stand am Rand der Wiese. Dahinter schmiegten sich die Häuser von Lavertezzo an den Berghang, dicht gedrängt, als könnten sie gemeinsam besser gegen Schnee, Regen und Kälte bestehen. Steinmauern, schmale Wege, kleine Gärten und steile Wiesen bestimmten das Bild. Hier war die Welt eng.
Und Giovanni kannte jeden Winkel von ihr. Er kannte die Stellen, an denen der Boden im Frühjahr zuerst trocken wurde. Er wusste, wann die Verzasca gefährlich anschwoll, welche Hänge gutes Heu hervorbrachten und wo sich im Herbst die besten Pilze fanden. Er kannte die Geräusche seiner Tiere ebenso wie die Stimmen seiner Nachbarn. Seit Generationen hatten die Menschen in diesem Tal so gelebt.
Sie bauten Getreide an, hielten Ziegen und Schafe, machten Käse, schlugen Holz und sammelten, was der Wald ihnen gab. Wenn etwas übrig blieb, wurde es verkauft oder getauscht. Doch in den vergangenen Jahren war selbst das schwieriger geworden. Der Krieg hatte die großen Schlachtfelder vielleicht weit entfernt gelassen, aber seine Folgen hatten auch die Berge erreicht. Händler kamen seltener. Waren wurden teurer. Wege waren unsicher. Männer verschwanden für Monate oder Jahre, und manche kehrten nie zurück.
Giovanni wusste, dass der Krieg vorüber war. Er wusste nur nicht, ob das für Männer wie ihn einen Unterschied machte.
Das Läuten der Kirchenglocken riss ihn aus seinen Gedanken. Er richtete sich auf. Wenig später erschien Maria auf dem Weg. In den Händen trug sie ein kleines Körbchen mit Brot und Käse. Giovanni lächelte, als er sie sah. Sie setzte sich neben ihn ins Gras. Eine Weile aßen sie schweigend.
Giovanni betrachtete seine Frau. Maria war eine kräftige Frau, an harte Arbeit gewöhnt, doch in ihren Augen lag eine Wärme, die ihn selbst nach einem schlechten Tag beruhigen konnte. Sie hatten gemeinsam Kinder. Sie hatten Winter überstanden, in denen das Holz knapp gewesen war, und Sommer, in denen die Ernte kaum genügt hatte. Alles, was Giovanni liebte, war hier. Und genau deshalb begann er sich zu fürchten.
Er blickte zu dem Haus hinüber.
Was wird aus den Kindern?
Die Frage war plötzlich da und ließ sich nicht mehr vertreiben. Sollten sie eines Tages genauso leben wie er? Mit rauen Händen, knappen Ernten und der ständigen Sorge vor dem nächsten Winter?
Oder würden sie fortgehen?
Vielleicht war die Vorstellung, dass sie blieben, schlimmer als die Vorstellung, dass sie gingen. Giovanni wusste es nicht.
Am Abend arbeitete er bis zur Dunkelheit. Als er aus dem Stall trat, waren die letzten roten Streifen über den Bergen verschwunden. Die ersten Sterne erschienen. Aus der Ferne hörte er die Verzasca.
Dann vernahm er Schritte. Giovanni drehte sich um. Ein Mann kam den Weg herauf. Er ging zu schnell, blieb immer wieder stehen und blickte über die Schulter. Seine Kleidung war voller Schlamm. Sein Gesicht war bleich.
Giovanni stellte die Mistgabel ab.
„Wer ist da?“
Der Mann antwortete erst, als er den Hof erreicht hatte.
„Giovanni.“
Fontana erkannte die Stimme.
„Was ist passiert?“
Der Mann sah zurück ins Tal.
„Du musst deine Familie fortbringen.“
Giovanni spürte, wie sich sein Magen zusammenzog.
„Wohin?“
„Das ist nicht wichtig.“
„Natürlich ist es wichtig.“
Der Mann trat näher.
„Noch heute Nacht.“
Dann hatte er ihm von Deutschland erzählt.
Giovanni blickte zum Haus.
Hinter einem Fenster bewegte sich Marias Schatten.
In diesem Augenblick begriff er, dass der Mann nicht über eine entfernte Gefahr sprach.
Er sprach über seine Familie.
Über Maria.
Über seine Kinder.
Und vielleicht über ihr Leben.
Giovanni schlief in dieser Nacht kaum.
Der Sturm, der über das Tal zog, machte es nicht leichter. Regen peitschte gegen die Fensterläden, Wind rüttelte am Dachstuhl, und irgendwo draußen schlug ein loser Gegenstand immer wieder gegen eine Mauer.
Maria lag neben ihm.
„Du schläfst nicht“, sagte sie.
„Nein.“
„Wegen des Mannes?“
Giovanni schwieg.
Maria richtete sich auf.
„Dann sag mir, was er gesagt hat.“
Giovanni setzte sich ebenfalls auf.
„Er sagte, wir müssen gehen.“
Maria sah ihn lange an.
„Warum?“
„Das weiß ich nicht.“
„Dann weißt du auch nicht, wohin.“
„Nein.“
„Und du willst trotzdem aufbrechen?“
Giovanni fuhr sich über das Gesicht.
„Was soll ich tun? Warten, bis etwas geschieht?“
Maria antwortete nicht.
Draußen donnerte der Sturm.
Giovanni stand auf und trat ans Fenster.
„Unsere Vorräte werden knapper“, sagte er. „Die Händler kommen kaum noch. Die Ernten sind schlecht. Die Kinder werden größer.“
„Das weiß ich.“
„Und wenn wieder Männer kommen?“
Maria sah ihn an.
Sie wusste, was er meinte.
Sie beide erinnerten sich an die Nächte, in denen bewaffnete Männer durch die Gegend gezogen waren. Männer, die Nahrung verlangten, Türen aufbrachen und mitnahmen, was sie gebrauchen konnten.
Einmal hatten sie sogar den Hof der Fontanas durchsucht.
Giovanni hatte damals seine Kinder und Maria versteckt.
„Ich kann sie nicht beschützen, wenn ich hierbleibe“, sagte er.
Maria senkte den Blick.
„Jetzt ist es nur ein Sturm, der draußen tobt.“
Giovanni sah hinaus in die Dunkelheit.
„Jetzt.“
Am nächsten Morgen war der Himmel klar.
Die Verzasca führte nach dem Regen mehr Wasser als gewöhnlich. Sie schäumte zwischen den Felsen und riss Äste und Geröll mit sich.
Giovanni stand am Ufer und sah dem Fluss zu.
Seit seiner Kindheit hatte er gelernt, ihn zu lesen.
Der Fluss war nie derselbe.
Und doch war er immer derselbe.
So war auch das Leben.
Man konnte versuchen, an einem Ort zu bleiben. Man konnte Mauern bauen, Felder bestellen und Zäune reparieren.
Aber irgendwann kam das Wasser.
Dann musste man entscheiden, ob man stehen blieb oder sich bewegte.
Giovanni dachte an all das, was man ihm über Deutschland erzählt hatte.
Er dachte an den Mann von gestern, der seine Geschichten wiederum von einem Reisenden gehört hatte. Dieser hatte von Dörfern berichtet, die sich langsam aus den Trümmern erhoben, von Feldern, die nach Jahren des Brachliegens wieder bestellt wurden, und von anderen, die noch immer darauf warteten. Er hatte von Menschen erzählt, die alles verloren hatten und dennoch geblieben waren. Und er hatte von Bauernhöfen gesprochen, die auf einen neuen Besitzer hofften.
Giovanni wusste nicht, wie viel Wahrheit in diesen Geschichten lag.
Aber zum ersten Mal seit Jahren erschien ihm eine Möglichkeit vorstellbar.
Ein neues Leben.
Nicht für ihn.
Für seine Kinder.
Am Abend sprach er mit Maria darüber.
„Wir könnten gehen“, sagte er.
Sie saß ihm gegenüber.
„Wohin?“
„Nach Deutschland.“
Maria hob eine Augenbraue.
„Du warst noch nie dort.“
„Nein.“
„Du kennst niemanden dort.“
„Nein.“
„Du weißt nicht, was uns erwartet.“
Giovanni musste lächeln.
„Das stimmt.“
„Und trotzdem willst du hin?“
Er sah sie an.
„Ich will, dass unsere Kinder eine Zukunft haben.“
Maria stand auf und trat zu ihm.
„Dann sag mir nicht, dass dort Milch und Honig fließen.“
Giovanni lachte leise.
„Das würde ich nie behaupten.“
„Gut.“
Sie legte ihm die Hände auf die Schultern.
„Dann sag mir, wie wir dorthin kommen.“
Darauf hatte Giovanni keine Antwort.
Er senkte den Blick.
Maria lächelte.
„Das dachte ich mir.“
Er sah wieder auf.
„Ich werde einen Weg finden.“
„Das hoffe ich.“
Sie küsste ihn auf die Stirn.
Für einen Augenblick war alles wie früher.
Doch Giovanni wusste bereits, dass etwas zwischen ihnen stand.
Eine Entscheidung.
Und sobald sie getroffen war, würde es kein Zurück mehr geben.
Am Morgen des 1. November 1648 lag Lavertezzo unter einem Himmel, der so bleich war, als hätte die Nacht ihm jede Farbe entzogen.
Frost glitzerte auf den Wiesen. Nebel hing zwischen den Hängen des Tals und kroch langsam auf die Häuser zu. Aus den Schornsteinen stieg Rauch, der sich in der feuchten Luft kaum auflöste.
Im Rustico der Fontanas lag niemand mehr im Bett.
Die Kinder warteten vor der Tür.
Sie trugen ihre schweren Wollkleider und hatten die Hände tief in die Ärmel gesteckt. Der jüngste Sohn hüpfte von einem Fuß auf den anderen, nicht nur wegen der Kälte. Für ihn war dieser Morgen der Beginn eines Abenteuers.
Für Giovanni Fontana war er der Beginn eines Risikos, das seine Familie das Leben kosten konnte.
Er überprüfte den Handwagen ein letztes Mal.
Die Riemen waren fest. Das Holz hatte keine Risse. Die wenigen Vorräte waren so verstaut, dass sie bei einem Sturz nicht vollständig verloren gingen.
Mehl. Getrocknetes Fleisch. Käse. Decken. Werkzeug.
Ein Seil.
Ein Messer.
Mehr besaßen sie nicht, was ihnen auf dem Weg nach Norden wirklich helfen würde.
„Vater“, fragte sein jüngster Sohn, „wie weit ist Deutschland?“
Giovanni hielt inne.
Er wusste nicht, was er antworten sollte.
Nicht, weil er die Entfernung nicht kannte, sondern weil das Wort Deutschland für ihn selbst kaum mehr war als eine Vorstellung, zusammengesetzt aus Erzählungen eines Mannes, den er einmal getroffen hatte.
„Sehr weit“, sagte er schließlich.
„Weiter als Locarno?“
„Viel weiter.“
Die Jungen sahen einander an.
„Gibt es dort Berge?“
Giovanni lächelte.
„Natürlich.“
„Höhere als unsere?“
„Das wirst du selbst herausfinden.“
Die Kinder lachten.
Giovanni wandte sich ab.
Er wollte nicht, dass sie sein Gesicht sahen.
Hinter ihm stand Maria am Fenster.
Sie war die Letzte, die das Haus verlassen würde.
Ihr Blick fiel auf die Steinnische.
Dort hing das Porträt des Vorfahren.
Seit Maria in diesem Haus wohnte, glaubte sie, dass die Augen des alten Mannes sie beobachteten. Giovanni hatte sich darüber lustig gemacht. Ein Bild, hatte er gesagt. Nichts weiter.
Doch für Maria war es nie nur ein Bild gewesen.
Es war die Erinnerung an eine Familie, die schon vor ihnen hier gelebt hatte.
An Männer und Frauen, die geblieben waren, während Generationen kamen und gingen.
Heute würde sie selbst gehen.
Maria nahm das Porträt aus dem Rahmen.
Ihre Finger zitterten.
Für einen Moment fragte sie sich, ob sie damit etwas tat, das sie später bereuen würde.
Dann schob sie das Bild unter ihr Kleid.
„Er wird uns Glück bringen“, flüsterte sie.
Sie wusste, dass Giovanni darüber lächeln würde.
Aber sie brauchte etwas, woran sie glauben konnte.
Als sie hinausging, stand Giovanni bereits am Wagen.
Er sah sie an.
Sein Blick fiel kurz auf ihre Kleidung, dann auf ihr Gesicht.
Er stellte keine weiteren Fragen.
„Bereit?“, sagte er.
Maria nickte.
„Nein“, sagte sie.
Giovanni hob überrascht die Augenbrauen.
„Nein?“
„Ich habe Angst.“
Er sah zu den Kindern.
Dann zu den Bergen.
„Ich auch.“
Maria hatte diese Antwort nicht erwartet.
Giovanni nahm ihre Hand.
„Aber wir müssen gehen.“
Sie schloss die Finger um seine Hand.
„Und wenn du dich irrst?“
Er schwieg.
Das war die Frage, die er sich seit Wochen selbst stellte.
Wenn der Weg nach Norden nicht offen war.
Wenn der Pass bereits verschneit war.
Wenn die Fremden, denen sie begegnen würden, ihnen nicht helfen wollten.
Wenn Deutschland nicht das war, was man ihnen versprochen hatte.
Wenn sie unterwegs einen der Jungen verloren.
Giovanni verdrängte den Gedanken.
„Dann“, sagte er, „finden wir einen anderen Weg.“
Er gab dem ältesten Jungen ein Zeichen.
„Bleib bei deiner Mutter.“
Dann fasste er den Griff des Wagens.
Die Räder bewegten sich.
Knarrend setzte sich der Wagen der kleinen Familie in Bewegung.
Hinter ihnen blieb das Rustico zurück.
Giovanni sah nicht zurück.
Er wusste, dass ein einziger Blick genügen konnte, um ihn schwach werden zu lassen.
Der Weg führte zunächst durch das Tal. Feuchtes Laub klebte an den Schuhen der Kinder. Nebel lag zwischen den Bäumen. Der Wald vor ihnen wurde mit jedem Schritt dunkler.
Dann ertönte über ihnen ein Schrei.
Ein Raubvogel kreiste über den Hängen.
Giovanni blieb stehen.
Maria sah ihn an.
„Was ist?“
„Nichts.“
Aber er wusste, dass es nicht stimmte.
Vor ihnen lagen die Berge.
Dahinter lagen fremde Länder.
Und irgendwo jenseits dieser Berge wartete vielleicht ein Mann, dessen Name ihnen vielleicht das Leben retten konnte.
Oder dessen Versprechen sie in den Tod führte.
Giovanni zog den Wagen weiter.
„Kommt.“
Die Kinder folgten.
Hinter ihnen verschluckte der Nebel Lavertezzo.
Keines von ihnen ahnte, dass sie ihr Zuhause zum letzten Mal sahen.
Je weiter sie nach Norden kamen, desto unerbittlicher wurde die Reise.
Die Vorräte schwanden. Brot, Käse und das getrocknete Fleisch wurden inzwischen so sorgfältig abgewogen, als wären es Goldstücke. Maria teilte die Rationen ein. Giovanni suchte nach Wasser, trockenem Holz und Plätzen, an denen sie die Nacht verbringen konnten.
Die Kälte war ihr ständiger Begleiter.
Sie kroch durch die Kleidung, biss in die Finger und machte aus jedem Schritt eine Anstrengung. Die Kinder hatten rote, rissige Hände. Ihre Schuhe sog der Schnee voll Wasser, bis sie bei jedem Schritt schwerer wurden.
Trotzdem gingen sie weiter.
Giovanni hatte ihnen Disentis versprochen.
Und solange dieses Ziel vor ihnen lag, gab es keinen Grund stehen zu bleiben.
An einem Nachmittag erreichten sie eine Anhöhe. Giovanni blieb stehen und sah über die dunklen Berghänge.
„Dort irgendwo liegt unser Weg.“
Luca folgte seinem Blick.
„Ist Deutschland hinter den Bergen?“
„Noch nicht.“
„Aber irgendwann?“
Giovanni legte ihm die Hand auf die Schulter.
„Irgendwann.“
Dann gingen sie weiter.
Als die Dunkelheit hereinbrach, fanden sie einen Felsüberhang. Dahinter lag eine kleine Höhle, kaum groß genug für die Familie. Aber sie schützte vor dem Wind.
Giovanni prüfte den Eingang, dann nickte er.
„Hier bleiben wir.“
Maria sammelte trockenes Holz. Die Kinder halfen ihr. Nach kurzer Zeit brannte ein kleines Feuer.
Die Familie rückte dicht zusammen.
Für einige Minuten fühlte es sich beinahe wie Sicherheit an.
Giovanni saß am Höhleneingang und blickte in den Wald.
Dann hörte er ein Geräusch.
Ein tiefes Brummen.
Er hob den Kopf.
Luca hatte es ebenfalls gehört.
„Papa?“
Giovannos Finger legte sich sofort auf die Lippen.
„Still.“
Er griff nach der Armbrust.
Maria zog die Kinder zurück.
Zwischen den Bäumen bewegte sich ein Schatten.
Dann trat der Bär aus dem Unterholz.
Ein mächtiges Tier. Sein dunkles Fell glänzte feucht. Es hob die Schnauze und nahm den Geruch des Feuers auf.
Giovanno wich keinen Schritt zurück.
Der Bär kam näher.
„Zurück“, flüsterte er.
Maria führte die Kinder tiefer in die Höhle.
Giovanni blieb allein vor dem Eingang.
Das Tier stieß ein tiefes Grollen aus.
Er kannte diese Warnung.
Der Bär hatte Angst.
Und genau deshalb war er gefährlich.
Giovanni wollte nicht schießen. Nicht, solange es eine andere Möglichkeit gab.
Doch der Bär machte einen weiteren Schritt.
Giovanni hob die Armbrust.
„Geh zurück.“
Das Tier blieb stehen.
Dann senkte es den Kopf.
Giovanni spannte die Sehne.
Der Bolzen traf.
Der Bär brüllte und taumelte zurück. Für einen Augenblick glaubte Giovanni, das Tier würde fliehen.
Dann richtete es sich wieder auf.
Und kam.
Giovanni dachte an Maria.
An Luca.
An Chiara.
An seine Familie, für die er verantwortlich war.
Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, Mut bedeute nicht, keine Angst zu haben.
Mut bedeutet, zu handeln, obwohl man Angst hat.
Giovanni griff nach der Muskete.
Der Bär kam näher.
Noch ein Schritt.
Giovanni hob die Waffe.
Der Schuss zerriss die Nacht.
Die Kinder schrien.
Der Knall rollte zwischen den Bergen hin und her.
Der Bär blieb stehen. Sein Körper schwankte.
Dann fiel er.
Giovanni wartete.
Erst als sicher war, dass das Tier sich nicht mehr bewegte, senkte er die Muskete.
Maria trat aus der Höhle.
„Giovanni?“
„Es ist vorbei.“
Sie sah den Bären an.
Erleichterung lag in ihrem Gesicht. Aber auch Trauer.
Giovanni kniete neben dem Tier nieder und legte eine Hand auf das Fell.
„Verzeih uns.“
Luca trat vorsichtig näher.
„Warum entschuldigst du dich?“
Giovanni sah zu seinem Sohn.
„Weil wir ihn getötet haben.“
„Aber er wollte uns fressen.“
„Vielleicht.“
„Dann musste er sterben.“
Giovanni blickte wieder auf den Bären.
„Vielleicht musste er sterben. Aber das macht ihn nicht böse.“
Luca schwieg.
„War er böse?“
„Nein.“
„Warum hat er uns dann angegriffen?“
Giovanni sah in den dunklen Wald.
„Vielleicht hatte er genauso viel Angst vor uns wie wir vor ihm.“
Diese Worte würden Luca lange begleiten.
Später zerlegten sie den Bären.
Nichts durfte verloren gehen.
Das Fleisch würde sie ernähren. Das Fell würde sie gegen die Kälte schützen. Alles, was sich verwenden ließ, würde verwendet werden.
Überleben war für sie kein großes Wort.
Es war eine Rechnung.
Was konnten sie essen?
Was konnten sie tragen?
Was konnten sie vielleicht irgendwann verkaufen?
Was mussten sie für den Winter aufbewahren?
Als das Fleisch über dem Feuer briet, erfüllte sein Geruch die Höhle.
Die Kinder aßen.
Dann schlief Luca an Marias Schulter ein.
Giovanni saß schweigend am Feuer.
Er dachte an Lavertezzo.
An das Rustico.
An die Berge seiner Heimat.
Und an das Land, das vor ihnen lag.
Er hatte geglaubt, die schwerste Entscheidung seines Lebens bereits getroffen zu haben, als er seine Heimat verlassen hatte.
Nun wusste er, dass er sich geirrt hatte.
Die Reise hatte gerade erst begonnen.
Am nächsten Morgen würden sie nach Disentis aufbrechen.
Danach weiter nach Norden.
Dorthin, wo niemand ihren Namen kannte.
Dorthin, wo Giovanni hoffte, seiner Familie eine Zukunft geben zu können.
In dieser Nacht begann es zu schneien.
Eine Flocke landete auf seiner Hand und schmolz augenblicklich.
Giovanni sah ihr nach.
Dann blickte er zu den Bergen.
„Morgen“, sagte er.
„Morgen gehen wir weiter.“
Der Weg durch Graubünden wurde nicht leichter.
Giovanno ging voraus und hielt den Blick auf den Pfad gerichtet. Maria zog den Schlitten hinter ihm her. Die Kinder stapften schweigend durch den Schnee.
Selbst Luca stellte keine Fragen mehr.
Die Berge waren zu gewaltig.
Die Kälte zu scharf.
Die Müdigkeit zu groß.
Giovanni drehte sich um.
„Disentis ist nicht mehr weit!“
Keine Antwort.
Er wartete, bis die anderen ihn eingeholt hatten.
Dann lächelte er.
„Wir sind bald bei Gotthold Schmied.“
Der Name veränderte etwas in den Gesichtern der Kinder.
Seit Tagen erzählte Giovanni von seinem alten Jagdfreund.
„Wie weit noch?“, fragte Chiara.
„Ein paar Stunden.“
Giovanni wusste, dass es länger dauern würde.
Aber Hoffnung musste nicht immer genau der Wahrheit entsprechen.
Manchmal genügte es, dass sie einen Menschen weitergehen ließ.
Der November war ein erbarmungsloser Gegner.
Im Sommer wären die Wege leichter gewesen. Jetzt lag Schnee auf den Höhen, und Eis bedeckte die Stellen, an denen Wasser über den Weg floss. Der Wind trieb feine Kristalle gegen ihre Gesichter.
Die Berge, die Giovanni einst geliebt hatte, schienen ihnen nun den Weg versperren zu wollen.
Dann tauchten im Nebel die ersten Häuser auf.
Giovanni blieb stehen.
„Seht!“
Vor ihnen lag Disentis.
Über dem winterlichen Tal erhoben sich die Mauern des Klosters, grau und mächtig.
„Wir sind da!“
Zum ersten Mal seit Stunden kehrte Leben in die Gesichter der Kinder zurück.
Sie gingen schneller.
Doch die Hoffnung währte nur kurz.
Als sie das Haus der Schmieds erreichten und klopften, verging eine lange Zeit, bevor die Tür geöffnet wurde.
Eine ältere Frau stand vor ihnen.
Ihr Blick wanderte von Giovanni zu Maria und schließlich zu den Kindern.
„Kann ich Ihnen helfen?“
„Ich suche Gotthold Schmied“, sagte Giovanni. „Wir sind alte Jagdfreunde.“
Etwas veränderte sich im Gesicht der Frau.
„Gotthold?“
„Ja.“
Sie zögerte.
„Er ist nicht mehr hier.“
Giovanno spürte einen Stich in der Brust.
„Wo ist er?“
„In Deutschland.“
Für einen Moment sagte niemand etwas.
„Er ist vor einigen Wochen aufgebrochen“, erklärte die Frau. „Er wollte dort Arbeit finden.“
Giovanno schloss die Augen.
Deutschland.
Er war bis nach Disentis gekommen, nur um festzustellen, dass der Mann, auf den er gehofft hatte, bereits weitergezogen war.
Doch dann trat die Frau zur Seite.
„Ihr seid durchgefroren.“
Sie öffnete die Tür weiter.
„Kommt herein.“
Giovanno wollte zunächst ablehnen.
Dann sah er Maria.
Sie war blass.
Die Kinder zitterten.
„Danke“, sagte er.
Sie traten ein.
Die Wärme eines Feuers empfing sie.
Maria setzte sich mit den Kindern nahe an den Herd. Die alte Frau brachte heißes Wasser, Brot und Tee.
Es war wenig.
Für die Familie Fontana war es ein Festmahl.
Sie aßen langsam.
Keiner sprach.
Zum ersten Mal seit Tagen mussten sie nicht darüber nachdenken, wohin sie als Nächstes gehen würden.
Für einen kurzen Augenblick durften sie einfach sitzen.
Doch Giovanni wusste bereits:
Am nächsten Morgen würde die Reise weitergehen.
Und nun führte ihr Weg nach Deutschland.
Der Ruhetag bei den Fontanas wurde zu einem Geschenk.
Die Kinder schliefen lange. Ihre Kleidung konnte getrocknet werden, und Maria nutzte die Gelegenheit, die Schuhe zu überprüfen und die schlimmsten Risse zu flicken.
Giovanni saß lange am Feuer.
Er dachte an Gotthold.
Dass ausgerechnet sein Freund ebenfalls nach Deutschland gegangen war, konnte Zufall sein.
Oder ein Zeichen.
Vielleicht war das Land wirklich eine Möglichkeit.
Vielleicht war Deutschland nicht nur eine Geschichte, die ihm ein Reisender erzählt hatte.
Als sie am nächsten Morgen weiterzogen, fühlten sie sich stärker.
Der Schnee knirschte unter den Schlittenkufen. Die Kinder liefen voraus, warfen sich gegenseitig Schneebälle zu und lachten über die weißen Spuren, die sie hinterließen.
Ihre Wangen waren rot vor Kälte.
Für einige Stunden war die Flucht wieder ein Abenteuer.
Giovanni und Maria beobachteten die Kinder.
„Sie haben ihre Angst vergessen“, sagte Maria.
„Für den Augenblick.“
Sie wusste, dass er recht hatte.
Auch Giovanni war erschöpft. Seine Schultern schmerzten, seine Füße waren wund, und die Kälte hatte sich längst in seine Kleidung gefressen.
Aber er ließ es sich nicht anmerken.
Er musste stark bleiben.
Nicht weil er keine Angst hatte.
Sondern weil seine Familie seine Angst nicht brauchen konnte.
Am Nachmittag bemerkte Chiara, dass ihre Eltern wieder leiser miteinander sprachen.
Sie hatte in den vergangenen Tagen genug aufgeschnappt, um zu verstehen, dass es Dinge gab, die man ihr verschwieg.
Schließlich hielt sie es nicht mehr aus.
„Papa?“
Giovanni drehte sich um.
„Ja?“
„Warum ist unsere Reise eigentlich so gefährlich?“
Er blieb stehen.
„Wegen der Berge?“
„Nein.“
Chiara sah ihn ernst an.
„Wegen des Krieges?“
Giovanni blickte zu Maria.
Dann kniete er sich vor seine Tochter.
„Der Krieg ist vorbei.“
„Ganz vorbei?“
„Nach dreißig Jahren ist endlich Frieden.“
Chiara schien erleichtert.
„Dann müssen wir doch keine Angst mehr haben.“
Giovanni legte ihr eine Hand auf die Schulter.
„Nicht vor dem Krieg.“
Er suchte nach den richtigen Worten.
„Aber wir müssen aufpassen, solange wir noch hier sind.“
„Warum?“
Giovanni sah sich um, bevor er antwortete.
„Unsere Ausreise ist nicht so einfach, wie du denkst. Wir dürfen das Land nicht ohne Weiteres verlassen. Wenn man uns aufhält, könnten wir zurückgeschickt oder festgesetzt werden.“
Chiaras Augen wurden groß.
„Aber wir haben doch nichts getan.“
„Das weiß ich.“
„Warum dürfen wir dann nicht gehen?“
Giovanni seufzte.
„Weil die Menschen, die über Grenzen und Wege bestimmen, nicht immer danach fragen, was gerecht ist.“
Er deutete auf die Berge.
„Hier oben haben wir bessere Chancen, unbemerkt weiterzukommen. Aber je näher wir der Grenze kommen, desto vorsichtiger müssen wir sein.“
„Wegen der Soldaten?“
„Wegen bewaffneter Männer. Manche schützen die Straßen. Andere kontrollieren Reisende. Und nach all den Jahren Krieg weiß niemand genau, wem man vertrauen kann.“
Chiara nickte langsam.
„Also darf ich niemandem erzählen, wohin wir wollen?“
„Niemandem.“
„Auch nicht, wenn jemand freundlich ist?“
Giovanni sah sie ernst an.
„Vor allem dann nicht, wenn du nicht weißt, wer er ist.“
Maria trat näher.
„Wir bleiben zusammen“, sagte sie. „Das ist das Wichtigste.“
Giovanni nickte.
„Genau.“
Am nächsten Tag veränderte sich das Wetter.
Zunächst war der Himmel nur grau.
Dann verdunkelte er sich.
Am Horizont schoben sich schwere Wolken über die Berge. Der Wind drehte und nahm an Stärke zu.
Giovanni blieb stehen.
Er kannte dieses Zeichen.
„Wir suchen Schutz.“
Er deutete auf einen dunklen Einschnitt im Fels.
Dort lag eine Höhle.
„Dort hinein.“
Sie beschleunigten ihre Schritte.
Die ersten Schneeflocken fielen.
Bald wurden daraus Hunderte.
Der Wind heulte zwischen den Bäumen. Schnee wirbelte über den Weg und verschluckte innerhalb weniger Minuten ihre Spuren.
Giovanni ließ den Schlitten los und half Maria, die Kinder in die Höhle zu bringen.
Drinnen war es eng, aber trocken.
„Hier bleiben wir“, sagte er.
Draußen tobte der Sturm.
Binnen kurzer Zeit war von der Landschaft nichts mehr zu sehen. Kein Weg, kein Baum, kein Berg. Nur eine weiße Wand, die sich vor dem Höhleneingang bewegte.
Die Kinder rückten zusammen.
Giovanni entzündete ein kleines Feuer.
Das Licht ließ die Felswände orange aufleuchten.
Luca sah zu seinem Vater.
„Papa?“
„Ja?“
„Erzählst du uns eine Geschichte?“
Giovanni lächelte.
„Welche möchtest du hören?“
„Eine von einem Bären.“
Die anderen Kinder lachten.
Giovanni schüttelte den Kopf.
„Natürlich.“
Er begann zu erzählen.
Von einem Jäger, der einst tief in den Bergen die Spur eines riesigen Bären verfolgt hatte. Von einem verschneiten Wald, in dem die Bäume so dicht standen, dass selbst das Tageslicht kaum den Boden erreichte. Von geheimnisvollen Spuren im Schnee und einer Kreatur, die größer und stärker war, als der Jäger erwartet hatte.
Die Kinder lauschten gebannt.
Draußen heulte der Sturm.
Drinnen wurden die Schatten an den Felswänden zu Gestalten aus Giovannis Geschichte.
Für eine Weile waren sie nicht mehr Flüchtlinge.
Sie waren einfach eine Familie, die gemeinsam einer Erzählung lauschte.
Als Giovanni endete, sagte der älteste Sohn:
„Das war die beste Geschichte.“
Giovanni lächelte.
„Dann hat sich der Sturm wenigstens für etwas gelohnt.“
Maria hatte inzwischen den Proviant überprüft.
Sie öffnete den Beutel mit Mehl und sah hinein.
„Das ist das Letzte.“
Giovanni sah sie an.
„Wie viel?“
„Genug für heute.“
Mehr nicht.
Maria begann, aus dem Mehl einen einfachen Teig zu bereiten. Sie hatte nur wenig Wasser zur Verfügung und musste sparsam mit jedem Krümel umgehen.
Bald lag der Teig neben dem Feuer.
Das Fett begann zu brutzeln.
Dann verbreitete sich ein Duft, der die Kinder sofort aufmerksam machte.
Brot.
Und daneben das Fleisch des Bären, den Giovanni einige Nächte zuvor erlegt hatte.
Die Familie rückte näher ans Feuer.
Der Duft erfüllte die Höhle und verdrängte für einen Augenblick den Geruch von nassem Leder, kaltem Stein und Schnee.
Luca bekam glänzende Augen.
„Wann können wir essen?“
Maria lachte leise.
„Wenn es fertig ist.“
Giovanni sah in die Flammen.
Er dachte an den Weg, der noch vor ihnen lag.
An die Grenze.
An Deutschland.
An Gotthold Schmied, der ihnen vorausgegangen war.
Und an das, was sie dort erwarten würde.
Dann blickte er zu seiner Familie.
Die Kinder saßen dicht beieinander. Maria hielt den jüngsten Sohn im Arm.
Giovanni wusste, dass sie morgen wieder weiterziehen mussten.
Vielleicht würde der nächste Tag ihnen einen sicheren Weg schenken.
Vielleicht auch die erste wirkliche Gefahr.
Aber für diesen einen Abend waren sie zusammen.
Das Feuer brannte.
Das Brot war warm.
Und draußen tobte der Sturm.
Giovanni nahm Marias Hand.
„Wir schaffen es“, sagte er.
Diesmal sagte er es nicht, um sie zu überzeugen.
Er sagte es, weil er selbst daran glauben musste.
Der Grenzübertritt
Es war die letzte Nacht des Jahres 1648.
Über den Bergen lag ein klarer Himmel, und der Schnee reflektierte das fahle Licht des Mondes. Giovanni Fontana führte seine Familie durch das Grenzgebiet. Maria hielt Chiara und Matteo an den Händen, während Giovanni den kleinen Luca trug. Der Junge war erschöpft und in mehrere Bärenfelle gewickelt.
Hinter ihnen lag Lavertezzo.
Hinter ihnen lagen das Haus, die Felder, der Stall und die Gräber ihrer Vorfahren.
Vor ihnen lag Deutschland.
Nur wenige Meilen trennten die Fontanas noch von dem Land, in dem Giovanni eine neue Zukunft für seine Familie suchte. Doch gerade diese letzten Meilen waren die gefährlichsten. Die Grenze war kein unsichtbarer Strich auf einer Karte. Sie bestand aus Männern, Waffen, Kontrollen und Befehlen.
Und Giovanni wusste: Wenn sie aufgegriffen wurden, konnte ihre Reise hier enden.
„Leiser“, flüsterte er.
Sie bewegten sich abseits der Wege. Der Schnee dämpfte zwar ihre Schritte, doch das Eis unter ihren Schuhen verriet sie immer wieder mit einem scharfen Knacken.
Maria sah ihren Mann an.
„Wie weit?“
„Nicht mehr weit.“
Er wusste selbst nicht genau, ob das stimmte.
Plötzlich blieb Giovanni stehen.
Von irgendwoher drang ein Geräusch durch die Nacht.
Stimmen.
Dann das Knirschen mehrerer Schritte.
Patrouille.
Giovanni hob die Hand.
Sofort erstarrte die Familie.
Maria zog Chiara und Matteo näher an sich. Giovanni ging mit Luca einige Schritte vom offenen Gelände weg. Doch in diesem Augenblick geschah das Unfassbare.
Luca rutschte aus.
Sein kleiner Fuß fand auf dem vereisten Boden keinen Halt.
„Luca!“
Maria griff nach ihm, doch ihre Finger glitten ins Leere.
Der Junge schlitterte den abschüssigen Rand hinunter und stürzte in das dunkle Wasser.
Ein Aufschrei durchschnitt die Nacht.
Giovanni ließ alles fallen.
Ohne zu zögern sprang er hinter seinem Sohn her.
Das Wasser war so kalt, dass es ihm augenblicklich den Atem raubte. Es drang durch seine Kleidung, schloss sich um seinen Körper wie eine eiserne Klammer.
Doch Giovanni dachte nicht an sich.
Er tastete unter Wasser.
Nichts.
Dann spürte er einen Arm.
„Luca!“
Er packte seinen Sohn und zog ihn nach oben.
Luca hustete, rang nach Luft und klammerte sich an seinen Vater.
„Papa!“
Giovanni presste ihn an sich.
„Ich hab dich.“
Maria kniete am Ufer und weinte vor Erleichterung.
„Gott sei Dank.“
Giovanni zog den Jungen aus dem Wasser und wickelte ihn sofort in die trockenen Felle, die sie für solche Notfälle mitgeführt hatten.
Doch Zeit zum Verschnaufen blieb ihnen nicht.
Die Stimmen kamen näher.
„Sie kommen!“, flüsterte Maria.
Giovanni sah sich um.
„Dort!“
Ein dichtes Gebüsch ragte wenige Schritte entfernt aus dem Schnee. Die Familie kroch hinein.
Sie pressten sich dicht aneinander.
Dann erschienen die Männer.
Fackeln bewegten sich zwischen den Bäumen. Ihre Schatten glitten über den Schnee.
Giovanni hielt den Atem an.
Neben ihm begann Luca zu zittern.
Maria legte ihm vorsichtig die Hand auf den Mund.
Zu spät.
Ein Husten löste sich aus seiner Brust.
Giovanni erstarrte.
Noch ein Husten.
Die Stimmen draußen verstummten.
„Habt ihr das gehört?“
Die Männer kamen näher.
Giovanni blickte zu Maria.
Dann kam ihm ein Gedanke.
Er legte die Hände vor den Mund und stieß ein tiefes, kehliges Brüllen aus.
Es war kein perfekter Bärenruf.
Aber in der Dunkelheit genügte er.
Die Männer blieben stehen.
Luca hustete erneut.
Dieses Mal klang das Geräusch zusammen mit Giovannis Brummen tatsächlich wie das Knurren eines Tieres mit Jungen.
„Ein Bär“, sagte einer der Männer.
„Hier?“
„Eine Bärin mit Jungen.“
Niemand bewegte sich.
Giovanni wagte kaum zu atmen.
Dann wich die Patrouille zurück.
„Lasst uns weiter.“
Die Fackeln entfernten sich.
Erst als die letzten Lichtpunkte zwischen den Bäumen verschwunden waren, wagte Giovanni wieder Luft zu holen.
Maria legte ihm eine Hand auf die Schulter.
„Du hast ihnen einen Bären vorgemacht.“
Giovanni lächelte schwach.
„Nach allem, was ich über diese Tiere weiß, war es vielleicht das erste Mal, dass mir die Jagd das Leben gerettet hat, ohne dass ich einen Schuss abgeben musste.“
Doch seine Freude hielt nicht lange.
Luca zitterte noch immer.
„Wir müssen weiter“, sagte Giovanni. „Er braucht Wärme.“
Sie setzten ihren Weg fort.
Die Nacht schien kein Ende zu nehmen.
Immer wieder blieben sie stehen, wenn sie irgendwo Stimmen hörten. Mehr als einmal glaubte Giovanni, im Dunkel Fackeln zu erkennen.
Dann tauchten tatsächlich Lichter vor ihnen auf.
Diesmal waren es keine Schweizer Grenzwächter.
Bewaffnete Männer kamen auf sie zu.
Giovanni hob langsam die Hände.
„Wir wollen keinen Ärger“, sagte er.
Die Soldaten richteten ihre Waffen auf die Familie.
Ein Mann trat vor.
„Wer seid ihr?“
„Eine Familie. Wir kommen aus den Ennetbirgischen Vogteien. Wir suchen Arbeit und eine neue Heimat.“
Der Soldat betrachtete Giovanni, dann Maria und schließlich die Kinder.
Sein Blick blieb an Luca hängen, der immer noch in Giovannis Armen lag.
„Was ist mit dem Jungen?“
„Er ist ins Wasser gefallen.“
Der Soldat senkte seine Waffe ein wenig.
„Ihr seid keine Soldaten. Das sehe ich.“
„Nein. Wir sind Bauern.“
Der Mann sah seine Kameraden an.
Einer von ihnen nickte.
„Dann habt ihr Glück gehabt.“
Giovanni verstand nicht.
Der Soldat erklärte:
„Wir sichern hier die Grenze und überwachen die Bewegungen von Truppen. Wir wissen nicht immer, wer nachts aus den Bergen kommt.“
Er betrachtete die Familie noch einmal.
„Aber ihr könnt weiter.“
Giovanni verbeugte sich leicht.
„Danke.“
Als sie sich abwenden wollten, rief der Soldat ihnen nach.
„Einen Moment!“
Giovanni drehte sich um.
„Wisst ihr eigentlich, ob das neue Jahr schon begonnen hat?“
Giovanni blickte zum Himmel.
Über ihnen funkelten die Sterne.
Er hatte die Orientierung an den Himmelskörpern von seinem Vater gelernt. Sie hatten ihm auf Wanderungen und bei der Jagd oft den Weg gewiesen.
„Wir müssen nahe am Jahreswechsel sein“, antwortete er. „Vielleicht ist es bereits der erste Tag des neuen Jahres.“
Der Soldat grinste.
„Dann sollten wir wohl darauf trinken.“
Giovanni lächelte.
„Das solltet Ihr.“
Einer der Männer hob seine Muskete.
Der Schuss krachte in die Nacht.
Die Kinder zuckten zusammen.
Dann lachten einige der Soldaten.
„Ein gutes neues Jahr!“
Giovanni hob die Hand zum Abschied.
„Euch ebenfalls.“
Sie gingen weiter.
Hinter ihnen verhallten Stimmen und Gelächter.
Eine Weile sagte niemand etwas.
Dann fragte Maria:
„Woher weißt du eigentlich, dass wir gerade den Jahreswechsel überschritten haben?“
Giovanni deutete nach oben.
„Nicht nur wegen des Sterns.“
Er blieb stehen.
„Siehst du den hellen Stern dort?“
Maria blickte zum Himmel.
„Sirius?“
Giovanni nickte.
„Er hilft mir, die Jahreszeit und die Nacht einzuordnen. Aber ganz sicher kann ich natürlich nicht sagen, welche Stunde es ist.“
Maria lächelte.
„Du musst immer recht haben.“
„Nein.“
Giovanni sah zu Luca hinunter.
„Aber heute Nacht möchte ich wenigstens so tun.“
Maria trat näher und legte ihm die Hand auf den Arm.
„Und jetzt?“
Giovanni blickte nach vorn.
Dort, zwischen den dunklen Bäumen, war ein schwacher Lichtschein zu erkennen.
Ein Haus.
Ein Fenster war erleuchtet.
„Dort gehen wir hin.“
„Vielleicht wohnen dort Menschen, die uns nicht aufnehmen wollen.“
„Vielleicht.“
Giovanni zog Luca fester an sich.
„Aber wir müssen es versuchen. Der Junge braucht Wärme.“
Sie gingen auf das Licht zu.
Mit jedem Schritt wurde es heller.
Hinter ihnen verschwanden die Berge langsam in der Dunkelheit.
Vor ihnen lag unbekanntes Land.
Und irgendwo dort, jenseits der Grenze, begann das Leben, für das Giovanni alles riskiert hatte.
Als sie vor dem einsamen Haus ankamen, hob Giovanni die Hand.
Einen Augenblick zögerte er.
Dann klopfte er.
Ein Name aus der Vergangenheit
Giovanni schlug mit der Faust gegen die schwere Eichentür. Einmal. Dann noch einmal.
Der dumpfe Klang verschwand irgendwo hinter den dicken Mauern des Hauses. Niemand antwortete. Luca lag noch immer in seinen Armen. Der Junge war so erschöpft, dass er kaum den Kopf heben konnte. Seine Kleidung war klamm, seine Lippen bläulich, und Giovanni spürte die Kälte, die aus dem kleinen Körper in seine eigenen Hände kroch.
Er holte erneut aus. „Warte“, sagte Maria leise. Giovanni ließ die Hand sinken. „Es ist halt nicht wie unser Rustici“, sagte er schließlich, mehr zu sich selbst als zu den anderen. „Hier gibt es zwei oder drei Zimmer mehr. Wenn man feiern will, zum Beispiel Silvester, geht man einfach zwei Zimmer weiter. Dann hört man nicht jedes Klopfen.“
Er schüttelte den Kopf. „So ist es eben in Deutschland.“
Gerade wollte er wieder an die Tür schlagen, als sich das Schloss bewegte. Die Tür öffnete sich.
Ein Mann erschien im Rahmen. Er war mittleren Alters, hatte ein freundliches Gesicht und ein Lächeln, das im flackernden Licht der Laterne fast unwirklich warm wirkte. Sein Blick fiel auf den Jungen. Das Lächeln verschwand.
„Um Gottes willen“, sagte er. „Kommt herein.“
Er trat beiseite.
„Schnell.“
Giovanni zögerte keine Sekunde.
Im Inneren des Hauses schlug ihnen Wärme entgegen. Es roch nach Holzrauch, Kräutern und frisch gebackenem Brot. Eine Frau kam aus dem angrenzenden Raum. Als sie Luca sah, verstand sie sofort.
„Legt ihn hierher.“ Sie deutete auf eine Bank nahe dem Herd. Dann handelte sie. Ohne Fragen zu stellen, nahm sie Luca aus Giovannis Armen, wickelte ihn in mehrere Decken und schickte ihren Mann nach heißem Wasser. Maria half ihr, während Giovanni erschöpft danebenstand und zum ersten Mal seit Stunden das Gefühl bekam, dass sein Sohn nicht verloren war.
Die Frau brachte einen Becher. „Er muss trinken.“ Luca öffnete die Augen.
„Nur einen Schluck.“ Der Junge trank. Die Wärme des Tees schien sich langsam durch seinen Körper auszubreiten. Seine Finger hörten auf zu zittern.
„So“, sagte die Frau. „Noch einen.“
Giovanni sah sie an.
„Danke.“
„Dafür ist ein Haus da“, erwiderte sie.
Später stellte sich heraus, dass sie Elisabeth hieß. Sie und ihr Mann Franz-Carl führten eine kleine Herberge. Zum Jahreswechsel war kein anderer Gast eingetroffen.
„Wenn ihr möchtet, könnt ihr bleiben“, sagte Elisabeth. „Ihr braucht jetzt ein Bett, keine Straße.“
Giovanni senkte den Kopf. „Es wäre mir eine Freude.“
In dieser Nacht schliefen Maria, Chiara und Matteo bald tief und fest. Luca wurde in trockene Wollsachen gekleidet und bekam ein Bett nahe dem warmen Herd. Seine Wangen erhielten langsam wieder Farbe.
Giovanni blieb noch lange wach. Das Feuer war fast niedergebrannt, doch hin und wieder knackte ein Holzscheit, und der Funkenregen warf für einen Augenblick tanzende Schatten an die Wände.
Seine Gedanken kehrten zu ihrem Haus zurück. Zu den Bergen, die sie umgaben, und zu den Ennetbirgischen Vogteien. Er fragte sich, warum diese Gebiete südlich der Alpen überhaupt unter der Herrschaft mehrerer eidgenössischer Orte standen. Warum musste ein Land immer Herren haben und Menschen, die ihnen gehorchten? Warum gab es Obrigkeit und Untertanen, als wäre diese Ordnung so selbstverständlich wie der Wechsel der Jahreszeiten?
Er dachte an Deutschland.
Würde es dort anders sein?
Wahrscheinlich nicht. Eine Obrigkeit blieb eine Obrigkeit, ganz gleich, welche Sprache sie sprach oder welches Wappen sie trug. Und wenn es anders war, würden sie es gewiss bald herausfinden.
Giovanni schloss die Augen. Vor seinem inneren Auge erschienen die Wege, die sie hinter sich gelassen hatten, die Pässe, die Dörfer und die dunklen Wälder. Sie waren weit gegangen. Viel weiter, als er sich je hätte vorstellen können.
Und zum ersten Mal fragte er sich, ob der Weg, der vor ihnen lag, nicht noch gefährlicher war als alles, was sie bereits hinter sich gelassen hatten.
Am nächsten Morgen fühlte sich Luca besser.
Buchvorstellungen
Frontmann
Wilde Zeiten - große Gefühle
Zum Inhalt:
Frontmann – Wilde Zeiten, große Gefühle
Die Verbindung zwischen Musik und Liebe ist so alt wie die Menschheit selbst. Zusammen vereint sie zwei der kraftvollsten Energien des Lebens. Hier verschmelzen Herzklopfen und Harmonie, Inspiration und intime Augenblicke. Ob es die verstohlenen Blicke zwischen Bühne und Publikum sind oder die leidenschaftlichen, turbulenten Momente hinter den Kulissen – es sind Gefühle, die sich kaum in Worte fassen lassen.
Erleben Sie die einzigartige Symbiose von Liebe und Musik und lassen Sie sich von der Magie mitreißen, die entsteht, wenn zwei Herzen im gleichen Takt schlagen.
Dieser Roman offenbart in jeder Phase seinen eigenen Zauber – eine facettenreiche Reise durch das Leben und die Leidenschaft eines jeden Musikers.
"Frontmann" - Leseprobe - Ausschnitt: Intermezzo mit Anne
„Du bist also unser neuer Kollege?“, fragte sie neugierig.
„Ja“, antwortete Max knapp.
„Ich bin Anne“, stellte sie sich vor, „Mädchen für alles hier in der Betonbude – auch zuständig für die Einkleidung. Junge, du bist ja völlig durchgeschwitzt! Kein Wunder, der Weg hierher ist beschwerlich. Ich weiß, dass du vom Gut oben kommst. Ich selbst komme aus Steinersburg, wohne aber hier im Arbeiterwohnheim. Übrigens, da wäre noch ein Zimmer frei, falls du Interesse hast. Bevor du dich jedoch in die neuen Arbeitssachen schwingst, kannst du erstmal duschen – wenn du möchtest.“
„Duschen?“, fragte Max erstaunt. Eine Dusche hatte er bis dahin nur ein einziges Mal in seinem Leben gesehen – damals im Kinderferienlager. Er erinnerte sich, wie die gesamte Kindergruppe, Jungen und Mädchen gemeinsam, nackt unter dem warmen Strahl eines Duschkopfes herumtollte.
„Wo habt ihr hier eine Dusche?“, fragte er skeptisch.
Anne deutete auf eine abseits stehende Wassertonne, die zwischen zwei Betonsäulen passgenau eingesetzt war. Von der Tonne führte ein Rohr mit einer angebrachten Gießkannentülle nach unten.
„An der Kette musst du ziehen“, erklärte sie. „Mit etwas Glück kommt sogar warmes Wasser raus.“
„Und wo kann ich mich umziehen?“, wollte er wissen.
Anne grinste breit, presste ein „Pff“ durch die Lippen und sagte: „Keine Sorge, ich schau’ dir schon nichts ab. Ich habe schon ganz andere Männer gesehen.“
Mit einem schelmischen Lächeln entfernte sie sich, während sie über die Schulter rief: „Ich hole mal deine Arbeitsklamotten.“
Max zögerte einen Moment, entschied sich dann jedoch, sich komplett auszuziehen. Er war allein, und bevor Anne zurückkäme, wollte er längst geduscht und wieder angezogen sein. Doch Anne kehrte schneller zurück, als er erwartet hatte – viel zu schnell für seinen Geschmack. Sie zeigte keinerlei Rührung und agierte, als wäre alles völlig normal. Für Max war es das jedoch keineswegs. Eilig griff er nach seinen Sachen, schnappte sich die Unterhose und zog sie sich in einer schnellen Bewegung über. Anne blieb ungerührt, hielt ihm das Arbeitshemd und anschließend die Hose hin und ließ es sich nicht nehmen, ihm beim Anziehen behilflich zu sein – inklusive gelegentlicher Berührungen.
„Es muss ja alles passen, oder?“, sagte sie dann in einem bemutternden Ton.
Dabei reckte sie ihre Brust leicht, drehte ihren Oberkörper spielerisch und schmollte selbstbewusst mit ihren vollen Lippen. Schließlich wies sie mit einer knappen Geste auf das Tor zur Werkhalle und sagte schnippisch: „Da drinnen findest du den Meister. Melde dich bei ihm.“
Mit einem Schwung warf sie ihm die restlichen Sachen vor die Füße und verschwand.
„Eigenartiges Weib“, murmelte Max, zuckte mit den Schultern und machte sich auf den Weg in die Halle, bis zum Meisterbüro, wo er nach einer kurzen Einweisung in die Arbeitssicherheit seine Ausrüstung entgegennahm: eine Schaufel in normaler Größe, einen Hammer, einen Eimer mit Trennmittel und einen Pinsel.
„Das ist alles, was du für deinen Job brauchst“, erklärte der Meister trocken. „Groß nachdenken musst du hier nicht. Das kriegst du doch hin, oder?“
„Klar“, antwortete Max, dachte jedoch insgeheim: „Und dafür habe ich mein Abitur gemacht?“
Zunächst verlief das Schippen zügig, bald bildete sich dann doch die erste Blase am Daumen. Mit dem zweiten größeren ballonförmigen Wassersack in der Innenhand war das Schippen abrupt beendet.
„Das ging mir, als ich damals hier angefangen hatte, genauso“, rief ein Kollege von nebenan rüber. „Anne kommt mir gleich neuen Beton bringen, dann kannst du ihr Bescheid geben, sie wird dich verpflastern.“
Max blickte hinüber und bemerkte einen schmalen, älteren Mann, der gerade konzentriert dabei war, seine Form zu füllen. Sein graues Haar und sein insgesamt gesetztes Erscheinungsbild ließen darauf schließen, dass der Ruhestand für ihn wohl nicht mehr allzu fern war. „Wenn dieser Kollege das über Jahre hinweg erfolgreich gemeistert hat“, dachte er, „dann werde ich das ganz sicher auch schaffen.“ Mit einem freundlichen „Danke!“ wandte er sich an den Mann, doch in diesem Moment fuhr Anne mit ihrem Dumper heran. Direkt vor ihm manövrierte sie das Fahrzeug mit beeindruckender Präzision. Dabei schwappte ein Teil des Betons über die Bordkante und landete direkt vor seinen Füßen.
„Pardon!“, rief sie, dann kippte sie den übergroßen Rest der grauen Masse dem freundlichen Kollegen von nebenan auf den vorgesehenen Platz. Der war bereits mit dem Zusammenbau einer neuen Form beschäftigt und wies auf Max. Anne kam, schaute sich seine Hand an und griente. „Was hast du denn da angestellt? Das wird ja eine größere Operation.“ Mithilfe einer Nadel sorgte sie für vorläufige Entspannung. Die in der Folge aufgepinselte dunkelbraune Substanz entlockte ihm allerdings ein hohes „C“, das er stimmgewaltig herausschrie. Zum Abschluss ihrer Behandlung nahm sie ein größeres Pflaster, legte es in die Innenhand und fixierte dann die Klebeflächen gefühlvoll an die Haut.
„Du schaffst das schon“, sagte Anne nahezu flehend. „Bitte!“
Sie gab ihm einen Schmatz auf die Wange und stieg wieder auf ihren Dumper. Beim Losfahren drehte sie sich nochmals um, ließ ihren Kopf etwas zur Seite fallen und winkte ihm lächelnd zu. Die langen, schwarzen Haare wehten ihr hinterher.
"Wilhelmine - Was ich euch noch sagen wollte"
Eine mitreißende Familiensaga, in der das Leben Wilhelmines und das ihrer Vorfahren in all seinen Facetten aufgerollt wird.
Wilhelmine entstammte äußerst vermögenden Familiendynastien. Dennoch gestalten sich ihre Lebensumstände infolge plötzlichen Leids der Großeltern und Trennung der Eltern äußerst ärmlich. Die Stationen als Küchenmagd in der Fleischerei ihres Onkels sowie als Dienst- und Küchenmädchen auf dem Rittergut Briesen im Schloss des Barons von Wackerbarth repräsentieren dies anschaulich und bieten eine beeindruckende Zeitreise von der Kaiserzeit des ausklingenden 19. Jahrhunderts bis ins heutige 21. Jahrhundert.
„Geboren, um zu leben“ - Autobiografischer Roman
„Wir sind geboren, Taten zu vollbringen“, lernte Julian mit zwölf in der Pionierrepublik „Wilhelm Pieck“. Als Soldat der Nationalen Volksarmee soll er diese Taten umsetzen, doch Drill und Schikane liegen ihm nicht. Stattdessen bringt er mit Musik Freude ins Militärleben. Zu Hause erlernt er auf Wunsch seiner Mutter einen „vernünftigen“ Beruf, doch seine Leidenschaft bleibt die Musik, trotz der Hürden der DDR-Diktatur. Nach dem Mauerfall wird sein Traum wahr: Er eröffnet eine Kneipe und begeistert Gäste mit Musik.
„Der Tote in der Heide“ – Regional-Krimi
„Retter der Welt“ – utopischer Roman – eröffnet uns eine atemberaubend neue Perspektive auf die Welt in 100 Jahren.
„Flucht in die Tierolei“ – Pferde-Abenteuer-Roman für Kids