Wilhelmine

Vorwort

Was ich über meine Mutter Wilhelmine erzähle, habe ich natürlich nicht selbst erlebt. Als ich geboren wurde, lagen die Jahre, von denen dieses Buch handelt, längst hinter ihr. Ihre Kindheit, ihre Jugend und die Erfahrungen, die ihr Leben prägten, gehören zu einer Welt, die ich nur aus ihren Erzählungen, den Erinnerungen anderer Menschen und den Spuren kennenlernen konnte, die diese Zeit hinterlassen hat.

Vieles hat meine Mutter mir selbst erzählt, manches berichteten mir Verwandte. Anderes fand ich in Briefen, Fotografien und alten Unterlagen. Manches blieb nur als Bruchstück erhalten – eine Erinnerung, ein Satz, ein Name oder ein Bild, das sich mir erst im Laufe der Jahre mit anderen Dingen zu einem Zusammenhang fügte.

Dennoch lasse ich in diesem Buch meine Mutter selbst erzählen und schreibe aus der Ich-Perspektive der erwachsenen Wilhelmine. Man möge mir diese erzählerische Freiheit verzeihen. Sie ist mein Versuch, ihr Leben und die Welt, in der sie aufgewachsen ist, lebendig werden zu lassen.

Dabei wage ich mich bewusst sehr nah an ihr kindliches Erleben heran. Diese Passagen sind eine literarische Rekonstruktion und erheben nicht den Anspruch, ihre tatsächlichen Gedanken, Gefühle oder Erinnerungen wortwörtlich wiederzugeben. Wo ich mich auf ihre eigenen Worte stütze, gebe ich wieder, was sie mir erzählt hat. Wo die Überlieferung Lücken lässt, habe ich versucht, mich vorsichtig in jene Zeit hineinzudenken – im Bewusstsein, dass es meine Vorstellung und nicht meine eigene Erinnerung ist.

Dieses Buch ist daher weder eine unmittelbare Niederschrift aus dem Gedächtnis meiner Mutter noch ein lückenloses Protokoll ihres Lebens. Es ist der Versuch eines Sohnes, das Leben seiner Mutter zu verstehen und aus den erhalten gebliebenen Spuren jene Welt wieder sichtbar zu machen, in der sie aufgewachsen ist.

Vielleicht liegt gerade darin die besondere Schwierigkeit, über einen Menschen zu schreiben, den man liebt: Man kennt ihn sehr genau – und weiß doch, dass es ganze Teile seines Lebens gibt, bei denen man nicht dabei war.

Dieses Buch ist deshalb nicht nur die Geschichte meiner Mutter.

Es ist auch der Versuch, die Frau zu finden, die sie war, lange bevor sie meine Mutter wurde.